„Sie stehen direkt davor“, blaffte ich den kurzsichtigen Kunden an. Ausgerechnet jetzt kam der mit seinen blöden Reiseführern daher!
„ In den besten Jahren heißt schon ziemlich alt“, belehrte ich Trixi dann. „So wie die Frau ohne Alter . Du weißt schon, schmale Röcke und Twinsets mit Ajourmuster in Altrosa.“
Trixi kicherte. „Wie das Zeug auf der Rückseite der Fernsehzeitung?“
„Was hast du denn für eine Fernsehzeitung?“, rügte Sonja sie prompt. An der Kasse war anscheinend auch nichts mehr los. Ich wurde wieder von einem Kunden abgelenkt, der sich über die verschiedenen Goetheausgaben informieren wollte, und als ich zurückkam, ohne dass es mir gelungen war, ihn zu allen vierzehn Bänden der Münchener Ausgabe zu überreden, stritten Trixi und Sonja über doofe und spießige Fernsehzeitungen und die Frage, ob Schminktipps oder die neuesten DVD-Player uninteressanter waren. Wie sollte ich jetzt wieder auf den reichen alten Sack zurückkommen? Selber schuld, ärgerte ich mich, warum hatte ich das mit den Twinsets gesagt? Mein unseliger Hang zu farbigen Vergleichen, die stracks vom Thema wegführten!
Viertel vor sieben... Ferdi lief schon mit klapperndem Schlüsselbund herum, stolperte fast über einen Stapel Bestseller und rief mit scharfer Stimme nach Sonja, die ihn aufräumen sollte. Ich pirschte mich wieder an Trixi heran.
„Und, wie alt ist er jetzt?“
„Dreiundachtzig!“, schnaubte Trixi. „Das glaubst du doch, oder? Dass ich einen alten Sack ausnehmen will?“
„Blödsinn!“ Jetzt war ich doch beleidigt. „Ich wollte bloß überhaupt was über ihn wissen. Du machst ein Geheimnis aus dem Kerl, man könnte ja meinen, er ist ein Promi. Oder verheiratet“, fügte ich hinzu und fand mich selbst gemein, als ich sah, wie Trixi blutrot wurde.
„Sorry, ich hab´s nicht so gemeint“, knickte ich also sofort wieder ein. „Es ist nur – du sagst gar nichts, außer, dass er irgendwie undefinierbar toll ist. Darunter kann ich mir aber nichts vorstellen.“ Trixi zog ein Gesicht, als wollte sie mir erzählen, wie egal ihr das war, aber sie sagte nichts mehr, sondern ging zur Kasse und tippte den Code für die Tagesabrechnung ein.
Ich seufzte und nahm mir vor, sie morgen Abend im Belle Époque auszuhorchen – und wenn ich ihr ein Dutzend Long Island Iceteas spendieren musste! Sonja setzte sich auf die Ablage neben der Kasse und stöhnte. „Meine Füße! Allein die wären ein Grund, auf der Stelle zu heiraten. Dann könnte ich zu Hause auf dem Sofa liegen, die Füße auf einem Samtkissen, Pralinen futtern und Kitschromane lesen.“
Trixi fuhr herum. „Du willst heiraten??“
„Wie stellst du dir denn die Ehe vor?“, fragte ich gleichzeitig.
Sonja grinste zu mir hoch. „War doch bloß ein Witz! So viel verdient Olli auch wieder nicht, und wenn ich zu Hause bleiben und mir die Füße in der Küche plattstehen will, muss ich erst mindestens drei Schratzn in die Welt setzen. Vorher käme ich mir dann doch blöd vor.“
„Olli will dich heiraten?“, wiederholte Trixi ungläubig. Sonja warf ihr einen schrägen Blick zu. „Ja, und? Findest du das so unvorstellbar? Heiratet man so was wie mich nicht?“
„So hab ich´s doch nicht gemeint“, verteidigte sich Trixi. „es ist bloß – du bist noch so jung. Und dein Olli doch auch. Wieso will der denn jetzt schon -?“
Sonja zuckte die Achseln. „Weiß ich auch nicht. Glückliche Kindheit, vielleicht. So was soll´s ja geben. Sonst ist er völlig normal, nur seine Eltern sind eben dermaßen nett und glücklich, das kann einen schon verkorksen.“
Ich kicherte. „Der arme Kerl. Schick ihn zur Therapie, das ist doch krank!“ Sonja grinste und stand auf. „Gute Idee. Kinder, ich brauche jetzt eine Zigarette, aber dringend. Gehen wir?“
„Haut schon ab, ihr Süßen“, sagte Ferdi und erhob sich ächzend aus seiner knienden Position, in der er das Bodenschloss an den automatischen Türen verriegelt hatte. „Aufgeräumt habt ihr ja. Trixi, stell mir die Kassenschublade ins Büro – und vergiss nicht wieder, die Kasse offen zu lassen. Wo sind die Nachtbücher?“ Ach ja, Ferdis Abwehrzauber! Ich holte Auf die schiefe Bahn geraten , Beim Einbruch erwischt und Ich ging durch die Hölle. Drei Jahre Männerknast unter der Kasse hervor, und Ferdi verteilte sie auf die Schaufenster.
„Wir bräuchten noch Fotos“, schlug ich vor. „ Vergewaltigung unter der Knastdusche , Einbrecher mit Gesicht im Straßendreck und Polizeistiefel zwischen den Schulterblättern und so. Das schreckt sicher auch ab.“
Ferdi sah mich misstrauisch an. „Verarschst du mich? Mach, dass du heimkommst!“
„Wo werd ich denn?“, sagte ich todernst und ging meine Tasche holen.
Sonja stand bereits auf der Straße und versuchte, sich gegen den Wind eine Zigarette anzuzünden. Ich gab ihr Windschutz und registrierte ärgerlich, dass es schon wieder zu schneien begonnen hatte und außerdem schon nach Viertel nach sieben war. Hatten wir so lange aufgeräumt? Ich musste um acht wieder in der Verbotenen Stadt sein, um Conny und Hardy zu treffen, und vorher wollte ich noch nach Hause.
Nein, eigentlich nicht. Meine Wohnung sah zurzeit entsetzlich aus, ich kam vor lauter Weihnachtsgeschäft überhaupt nicht mehr dazu, zu waschen, zu putzen und andere Lästigkeiten zu erledigen. Am liebsten hätte ich die Unordnung gar nicht mehr gesehen, aber es nützte ja nichts. Trixi winkte uns zu und machte sich in die obskure Richtung auf, in der sie wahrscheinlich geparkt hatte. Sonja sah ihr kopfschüttelnd nach. „Wieso kommt sie immer mit dem Auto? Bis sie dahin gelatscht ist, sitzen wir schon gemütlich im Bus. Und morgens hätte ich auch keine Lust, so früh aufzustehen. Das ganze Styling – und dann noch die Parkplatzsuche...“
„Dafür spart sie die Zeit fürs Frühstück“, wandte ich boshaft ein. „Es könnte ja dick machen.“
„Eine tolle Figur hat sie schon“, räumte Sonja ein. „Du auch“, sagte ich sofort. „Und du bist richtig sportlich!“
„Macht ja auch Spaß.“ Wir schlugen den Weg zum Bus ein. „Finde ich nicht“, griff ich Sonjas letzte Behauptung auf. „Ich hasse Sport, ich gehe höchstens spazieren.“
„Reicht doch“, meinte sie friedlich. „Warum sollst du dich abschuften, wenn es dir keinen Spaß macht? Hauptsache, du hast Bewegung, deshalb musst du dich nicht in einer Muckibude quälen. Das bringt sowieso nichts. Sport muss lustig sein. Ich fahre eben gerne Ski und skate im Sommer. Und Olli auch. Aber verbissen schuften, bloß um fit zu bleiben? Nee, wirklich nicht.“
„Immer noch besser, als dauernd hungern zu müssen.“
Ich dachte schon wieder an Trixi, die man nie etwas essen sah. Dabei war sie so dünn doch auch wieder nicht! „Wetten, Trixi isst heimlich?“, erriet Sonja meine Gedanken. „Wenn sie immer nur von Salatblättern und Heiratsplänen leben würde, wäre sie doch längst magersüchtig.“
Der Bus kam sofort, und wir drängten uns in eine Ecke, wo wir uns wenigstens eine Haltschlaufe teilen konnten. „Jetzt wäre ich doch gerne mit dem Auto da“, schimpfte ich, „da hätte ich wenigstens einen Sitzplatz. Und die richtige Musik.“
„Probier´s doch mal“, schlug Sonja spöttisch vor, „deine Rennsemmel kannst du doch auch quer parken.“
„Also so klein ist er auch wieder nicht“, entrüstete ich mich. „Außerdem hab ich das schon mal probiert, und es war eine echte Katastrophe, ich bin dreimal nacheinander zu spät gekommen, weil ich hinten am Waldburgplatz parken musste. Und da läufst du ganz schön zur Uni!“
„Wem sagst du das!“, seufzte Sonja, und schubste einen Kerl, der zu dicht hinter ihr stand, mit einer energischen Bewegung ihres Hinterns weg.
Wir kamen zum Bahnhof; ich verabschiedete mich von Sonja, die noch drei Stationen vor sich hatte, und drängte mich zur Tür durch. Draußen atmete ich tief durch. Puh! Lieber Schneesturm als dieser Mief im Bus!
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