„Ob er wohl erkrankt ist?“
„Aber dann hätte er bestimmt telegraphiert!“
„Ob ihm etwas zugestossen ist?“
Sie wurde nervös ... der Gedanke entfernte sich nicht mehr von ihr.
Da kam in rasendem Tempo ein Motorradfahrer aus ihrem Dorf. Es war Jörg. Als er sie erkannte, stoppte er, und mit hastigen Worten sagte er: „Gnädiges Fräulein, Ihr Bräutigam ist verunglückt. Ich sollte es Ihnen schonend beibringen, aber ich kann nicht so die Worte drechseln ...“
„Um Gotteswillen, was ist los?“
„Hier im nächsten Dorf ist er. Steigen Sie auf. Wir fahren hin.“
Fünf Minuten später hielt er vor dem Gemeindehaus, vor welchem sich fast das ganze Dorf angesammelt hatte.
Man wich zurück, als Jörg laut rief: „Platz da! Wo liegt der Herr aus Berlin?“
Die Leute sagten wie aus einem Munde: „Im Krankenzimmer.“
„Lebt er noch?“ fragte sie totenbleich.
Der Gemeindevorsteher ging auf sie zu und sagte: „Meine Dame, Sie sind sicher die Braut … Jawohl, er lebt, und er hat nach Ihnen verlangt … Allerdings hat er jetzt die Besinnung verloren. Ein Arzt ist um ihn bemüht.“
Dann führte er sie leise in das Zimmer, wo der Verunglückte schwer röchelte.
Der Chauffeur hatte nur einige Hautabschürfungen davongetragen. Er stand etwas abseits, indem er mit bangen Blicken seinen Herrn betrachtete.
Der Arzt schritt auf Brigitte zu. Sie gab ihm die Hand und fragte bebenden Herzens:
„Herr Doktor, wird er durchkommen?“
„Gnädiges Fräulein, es wäre unser aller Wunsch, aber ich befürchte ...“
Es waren schwere und bange Stunden, die sie an seinem Bette verbrachte.
Nur einmal schlug er die Augen auf, ein ganz zartes Lächeln schien um seine Lippen zu huschen, als ob er sich besänne, sagte er:
„Brigitte?“
Sie antwortete: „Geliebter, ich bin bei dir, und du musst wieder gesund werden.“
Er schien zu nicken.
Nach einer Weile stammelte er Worte wie:
„Ewige Liebe … Bleibe bei mir ...“
Und nach wieder einer Weile: „Mein Testament … in meinem Schreibtisch … Aber ich will leben ...“
Eine Stunde später war er nicht mehr.
Namenloser Schmerz bemächtigte sich Brigittens. Sie warf sich über den geliebten Toten, und man hatte alle Mühe, sie zu bewegen, das Zimmer zu verlassen.
Brigittes Eltern kamen, und alles war in tiefer Trauer.
Und wie das Unglück geschah?
Der Chauffeur erzählte, dass bei der „Totenkurve“ der Wagen ins Schleudern gekommen sei, sich um sich selbst drehte und schliesslich gegen einen Baum geschleudert wurde. Die Folge war bei seinem Herrn eine doppelte Gehirnerschütterung und schwere innere Verletzungen. Wie durch ein Wunder war ihm nichts geschehen.
Brigitte kam nach Berlin und löste den Haushalt auf.
In tiefem Schmerz ging sie an die traurige Aufgabe.
Ihr, dem feinen Menschen, war es wie eine Qual, die Realistik dieses Daseins zu überwinden. Aber schliesslich schuldete sie ihm auch hier noch eine gewisse Rücksicht.
Niemand anders wusste Bescheid über all die Dinge, und da Eberhard keine nahen Verwandten hinterliess, so fiel ihr die Ausführung von allem zu.
Sie ordnete, sie registrierte, und jede Sache ging durch ihre Hände.
Eine gewisse Ehrfurcht und Scheu hielt sie davon ab, in sein Arbeitszimmer einzudringen. Sie bat einen seiner besten Freunde, sie zu unterstützen. Der Fabrikdirektor fand es lächerlich, aber schliesslich folgte er ihrem Willen.
Hier stand noch alles, wie Eberhard es verlassen hatte. Selbst die Zeitung, die er immer las, die amerikanische, lag schön zusammengefaltet auf dem Rauchtisch. Das Datum war etwas in die Ferne gerückt, aber sicher hatte er das Blatt von der ersten bis zur letzten Seite studiert.
Ein Brief, den er zu schreiben begonnen hatte, lag noch auf dem Schreibtisch. Unwillkürlich vertieften sich ihre Augen in die ersten Zeilen:
„Mein lieber Freund Egon! Mein Glück Dir zu schildern, liegt fast ausser meiner Kraft. Ich bin so selig, als wäre sie meine erste Liebe. Brigitte ist ein „Prachtmensch …“
Sie durchflog den Brief weiter, den Brief, der von der ersten bis zur letzten Zeile nur von ihr, der Braut handelte. Und da hiess es am Schluss:
„Ich wünsche nur zu Gott, dass ich gesund bleibe, dass mir kein Unglück zustösst, denn es wäre grausam, wenn ich hier mitten aus dem Leben herausgerissen würde. Aber für diesen Fall habe ich für diese herrliche Frau auch gesorgt. Du weisst, man tut gut daran, beizeiten sein Testament zu machen. Ich habe sie zur Universalerbin meiner ganzen, grossen Besitztümer in Ungarn und Südamerika gemacht. Dir kann ich es ja anvertrauen: ich bin heute ein Mann, der sicher über zehn Millionen verfügt. Kein Mensch hatte eine Ahnung, aber Du sollst es wissen, denn ich bitte Dich, lieber Egon, hilf ihr, unterstütze sie und tue alles, wenn ich plötzlich ...“
Zitternd und ergriffen las sie diese Zeilen.
Das Schicksal hatte es nicht gewollt, dass er diesen Brief zu Ende schriebe, aber vielleicht hatte eine dunkle Ahnung ihn getrieben. Diese dunkle Ahnung hatte sich schneller erfüllt, als er denken konnte.
Auch der Freund war von diesen Zeilen gepackt.
Unwillkürlich fasste er nach Brigittes Hand. Ihnen war, als stehe der Tote neben ihnen. Der Brief, das Ganze, alles strömte so viel lebendiges Leben aus, und dieser ganz Lebendige war nicht mehr.
Keiner von beiden konnte in dieser Stunde weiter arbeiten, jeder war mit seinen eigenen Gedanken zu stark beschäftigt. Man verliess das Zimmer.
Am anderen Tage wurde der Schreibtisch geordnet. Alles lag da, in Reih und Glied, seine Kartothek, seine Bücher, seine Briefschaften und seine Zeitungsausschnitte.
Und ganz zu unterst: „Der letzte Wille“.
Auf dem Umschlag stand: „Zu öffnen von meiner Braut Brigitte von Pahlen.“
Ihre Hände zitterten, und die Finger bewegten sich nervös.
„Lieber Herr Bornemann, ich kann das Kuvert nicht öffnen. Sind Sie so gut und tun es?“
Fedor Bornemann verstand sie nicht. Ihm war es unfasslich, dass man ein Testament nicht persönlich lesen konnte. Bei dem Brief war es ja gestern eine andere Sache. Aber der letzte Wille …?
„Gut,“ sagte er, „ich werde vorlesen.“
Und er las die drei Seiten, die nur von Liebe handelten, und Dank ihr zu wissen gab für alle Güte, die sie ihm entgegengebracht hatte.
Auf der letzten Seite erfuhr sie von ihrem neuen Reichtum. Güter, Aktienbesitz, bare Gelder und schliesslich das herrliche Landhaus in Tirol. Dieses Landhaus am „Steinernen Meer“, das er so liebte, und wohin er seine Hochzeitsreise machen wollte, empfahl er ihr ganz besonders. „Das verkaufst Du mir niemals, während Du alles andere ruhig veräussern kannst.
Sollte ich also sterben, dann fahre jeden Sommer dorthin, denn dann habe ich das Haus nicht umsonst gebaut. Und nun, meine Geliebte, meine Einzige, lebe wohl, bis wir uns einstens wiedersehen … dort, wo es so herrlich und wonnig ist, wo ewiger Friede herrscht, und wo die Menschen sich nicht zerfleischen und töten wie hier auf dieser Welt. Ich küsse Deine Lippen.
In Treue
Dein Eberhard von Wittinghausen.“
Brigitte schloss die Augen, atmete tief und dann fing sie bitterlich zu weinen an.
Fedor Bornemann hatte andere Empfindungen. Bei ihm siegte der Kaufmann. Von Tränen hielt er nicht viel. Aber durch sein Gehirn schossen allerlei Gedanken.
Er war erstaunt über die Höhe des Vermögens seines Freundes. Für so reich hätte er ihn nie gehalten. Und diese kleine, bescheidene, unwissende Frau, die ohne mondänen Einschlag war, also fast unmodern genannt werden konnte, diese Brigitte sollte nun eine der reichsten Frauen Berlins sein. Und heute, da die Welt verarmt war, da jeder mit dem Dasein zu ringen hatte … dieser, jener, er selbst … Im Augenblick wollte ihm das nicht in den Kopf hinein.
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