Er überlegte, währenddem sie vom Schmerz überwältigt wurde: „Ist das gerecht, wenn ein Mädchen, das gar nichts geleistet hat in der Welt, als Charme um sich zu verbreiten, plötzlich über Nacht zur Erbin eines Riesenvermögens wird, ist es gerecht, dass eine solche Frau, die sich in der Welt noch nicht umgesehen hat, die noch keinen Daseinskampf ausgetragen hat, in gar keiner Form, plötzlich über Millionen verfügt?
Was soll sie mit dem Geld beginnen?
Es ist ja geradezu lächerlich, so ein Testament niederzuschreiben.“
Er überlegte stärker und schärfer. „Eine Frau kann allein ein solches Vermögen nicht verwalten. Sie ist ja viel zu unerfahren. Hierzu gehören ja kaufmännische Talente. Es ist ja kein Sparkassenbuch von fünfhundert Mark.“ Und schliesslich mischte sich auch ein Gefühlston bei ihm ein. Er glaubte, Berechtigung zu haben, dass die Pietät es verlange, dass er mit ihr …
Aber er war ein viel zu grosser Menschenkenner, als dass er den Augenblick für günstig gehalten hätte, um jetzt schon einzugreifen. Im Gegenteil, er tröstete sie, und er fand Worte der Weichheit und der Menschengüte.
„Aber liebe Freundin,“ sagte er, „Sie dürfen sich von dem Schmerz nicht niederdrücken lassen, behalten Sie den Kopf hoch … Sie sind doch eine tapfere, mutige Frau, die das Leben kennt. Brigitte, es wäre bestimmt nicht im Sinne des Verstorbenen, wenn Sie sich ganz in Seelenschmerz verlören.“
Und um seinen Worten schärferen Nachdruck zu verleihen, bemühte er sich um sie, zog sie aus dem Sessel hoch und erklärte:
„Wir wollen im Sinne des verehrten Toten gemeinsam alles tun, um …“
Er brach ab, denn er wusste selbst nicht, was er im Sinne des Toten tun sollte.
Brigitte vertraute sich ihm ganz an, und sie bat ihn noch, ihr recht behilflich zu sein. Sie war ihm ja so dankbar, dass er sie in diesen Tagen nicht allein liess. Von seinen Gedanken hatte sie natürlich nicht die geringste Ahnung. Dass er der Freund ihres Verlobten war, genügte ihr vollständig und das gab ihr Vertrauen.
Alle die nächsten Tage galten Brigitte von Pahlen.
Fedor vernachlässigte ein bisschen seinen Beruf. Er kalkulierte: „Tausend Mark Monatseinkommen gegen eine Riesensumme … Kindische Angelegenheit! Mag die Fabrik zum Teufel gehen … Das Vermögen Brigittes muss erhalten bleiben ... für sie, für mich. Eberhard ist tot, Fedor lebt. Und sollte sie etwa Lust auf einen anderen haben? … Ausgeschlossen.“
Der kalkulierende Kaufmann hatte sich nun alle Papiere zu seiner persönlichen Orientierung verschafft.
Er rechnete, er addierte, er multiplizierte, er subtrahierte, er dividierte, kurzum: er hatte in den Bürostunden allerlei zu tun.
Dann nahm er den neuesten Atlas und machte sich mit der Landschaft Ungarns bekannt. Er trieb im stillen Landwirtschaft, überlegte das Gewicht von Ochsen, Kühen und Schweinen, dachte nach über die Meliorisierung des Bodens, verlegte seinen Sinn auf den Forst und auf das Weideland, und dann mit einem Sprung war er plötzlich in Amerika. Noch einen Sprung, und er sass mittendrin in den Kaffeeplantagen Brasiliens.
Diesen Kaffee muss man gut mischen, denn in geschickter Mischung liegt der Gewinn.
Und weiter überlegte er: welche Papiere stösst man ab, welche behält man? Ist Amerika auf die Dauer sicher? Wird Ungarn eines Tages an dieses oder jenes Land angegliedert?
Oel braucht man ja immer. Und Kaffee trinken die ältesten Frauen Europas.
Dann fielen ihm die Häuser am Kurfürstendamm ein. Weg damit mit den Zwölfzimmerwohnungen. Aber zu jedem Preis, meine Herrschaften. Und weiter: in Tirol hat er ein Landhaus gebaut. Was soll man mit einem Landhaus in Tirol? Eine alberne Belastung, so ein Ding. Man will ja nicht landesflüchtig werden. In Deutschland ist es ja auch ganz nett. Aber da fiel ihm ein, dass der Tote von diesem Landhaus mit einer gewissen Heiligkeit sprach. Und Brigitte war willens, dieses Stückchen Erde nicht preiszugeben.
Nun ja, besann er sich, fahren wir eben mal nach Tirol. Einmal acht Tage Luftveränderung kann nichts schaden. Wenn die Sonne heiss scheint, wird man gut verbrannt, und wenn es regnet, dann ist die Luft umso reiner. Also darüber keine Streitigkeiten. Eberhard wird es mir ja im Himmel danken, und er war mir ja auch ein lieber Freund.
Fedor dachte zuletzt an Brigitte.
„Sie ist ja ein ganz guter Kerl, sie hat ja auch eine hübsche Figur und ein niedliches Gesicht, dumm ist sie auch nicht, aber sie hat mir doch ein bisschen zu viel Gemütsleben. Das Gemüt irretiert mich ein wenig.“
In diesem Moment fiel sein Blick auf die Wand. Hier lächelte ihm eine ganz rassige Tänzerin entgegen, und die Worte entschlüpften ihm:
„Vera! Wir bleiben deshalb doch die alten Freunde. Du schwingst deine Grazie nicht mehr länger, ich kaufe dir auch ein Auto und ich setze dich in eine meiner Zwölfzimmerwohnungen. Pass auf, Vera, du wirst mit mir zufrieden sein. Brigitte wird nie eifersüchtig werden, denn Brigitte ist nicht kleinlich.
Jetzt die grosse Frage: Wenn ihr nun von mir abgeraten wird? Es gibt ja genug Neidhammel, die es nicht überwinden könnten, dass auch einmal ein Mann sein grosses Glück im Leben macht.“
Daran aber dachte er nicht, dass Brigitte etwa Nein sagen könnte.
„Wenn sie Eberhard geliebt hat, der bald 18 Jahre älter war als ich, dann schlägt sie mich niemals aus.
Heisse ich vielleicht umsonst der schöne Fedor? Bin ich nicht aus bester Familie? Und die paar Schulden, die ich habe? Ach, Unsinn, Schulden, zwanzigtausend Mark! Lappalie!“
Und wieder ging der Kaufmann an die Vermögensobjekte des Verstorbenen.
„Kaffee, Oel, Kühe, Aktien, Liebe, Landhaus in Tirol, Zwölfzimmerwohnungen ohne Mieter ... es gibt hier viel zu tun, und Brigitte kann mir sehr dankbar sein, wenn ich ihr zur Seite stehe.“
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