Liane Sanden
Brücken, die die Sehnsucht schlug
Saga
Brücken, die die Sehnsucht schlug Copyright © 1930, 2019 Liane Sanden and und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711593332
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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In leuchtender Bläue spannte sich der Himmel über der Insel Vilm. Funkelnde Sonnenstrahlen tanzten auf den schaumgekrönten Wogenkämmen. Sie schlugen in übermütigem Spiel an die Nussschale von Motorboot, das in einer schmalen, zum Strande führenden Fahrtrinne vertäut war. Ein derber Baumstumpf hielt das Tau, dessen Knoten nach seemännischer Art geschlungen, fest. Der nicht abgestellte Motor liess ein leises Brummen hören.
Ein junger blonder Mensch mit einem braungebrannten und festgefügten Gesicht sah einen Augenblick von seiner Arbeit auf. Er stellte die Oelkanne, mit der er den Mortor seines Bootes schmierte, hin, liess seinen Blick von den weissleuchtenden Kreidefelsen der Insel Rügen weit in die Runde schweifen.
„Ist das nicht alles schön wie ein Wunder?“ sagte er halblaut, aber man wusste nicht recht, galt diese Begeisterung allein der wirklich herrlichen Natur — oder auch dem jungen Mädel, das dicht bei ihm auf dem silberweissen Sande des Strandes ausgestreckt ruhte. Märta blickte von ihrem Zeichenblock auf, liess den emsig gleitenden Stift sinken und lächelte dem jungen Manne zu. Da drosselte er schnell das klopfende Herzchen seines Schiffes, den Motor, ab, sprang mit einem Satz hinüber zu der ruhenden Mädchengestalt. Lächelnd sass er nun und betrachtete sie, die, ganz der Wärme und der Sonne und dem Sommer hingegeben, da in ihrem lichten Kleidchen ruhte.
Sie waren ein eigentümlicher Kontrast, und doch passten sie zueinander, wie von der gütig schaffenden Natur für einander bestimmt, der blauäugige, energische Sohn der Waterkant mit seiner hochgereckten, sportlichen Erscheinung — und die zierliche Märta mit den grossen lichtgrauen Augensternen in einem lieblich geschnittenen Gesichtchen unter einer rotgoldflammenden Haarmähne. „Ja, schön“, sagte Märta — und ihre Augen leuchteten in die des Gefährten. „Ist es nicht eigentümlich zu denken, Jürgen, dass ich dies alles vielleicht niemals kennengelernt hätte und auch dich niemals so gut, wenn ich nicht darauf bestanden hätte, zu deinen Eltern als Werkstudentin zu kommen, nur weil ich als Backfisch hier einmal ein paar flüchtige Stunden zugebracht hatte?“
„Das ist gar nicht eigentümlich, Märta, das musste so sein“, sagte Jürgen überzeugt. „Es gibt Dinge, die einfach vom Schicksal so und nicht anders bestimmt sind.“
Märta lächelte.
„Bemühst du das Schicksal immer so, Jürgen?“
„Immer, wenn es mir passt“, gab er übermütig zur Antwort. „Aber im Ernst, Märta, ich darf gar nicht daran denken, dass ich dich vielleicht niemals kennengelernt hätte.“
Heiss sah er sie an, die unter seinem Blick dunkel errötete. Hastig setzte sie sich auf. Sie hatte auf einmal das Empfinden, zu sehr seinen Blicken preisgegeben zu sein.
„Dummer Jürgen“, versuchte sie die Befangenheit mit ein paar scherzhaften Worten abzuschütteln und griff wieder nach ihrem Skzizzenbuch. „Du hast doch auch vorher gelebt, ehe du mich kennengelernt hast.“
Das lachende Jungmännergesicht Jürgens wurde ernst — etwas Schweres kam in die hellen Augen, das Märta eifrig versuchte mit ihrem Zeichenstift festzuhalten:
„Aber wie habe ich gelebt, Märta? Glücklich nicht, seitdem ich erwachsen bin.“
Da schwieg sie — wieder sanken Block und Stift zu Boden. Ihre kleine, feste Hand stahl sich in die seine — und so verharrten die beiden jungen Menschenkinder schweigend, jedes seinen Gedanken hingegeben. Aber diese Gedanken kreisten doch gemeinsam um das eine, ihnen gegenwärtige Leben auf Gut Scholtenkamp, wo Jürgen der einzige Sohn, und Märta, die junge Schwedin, als Haushaltsstudentin lebte.
Jürgen Hauer hatte schon eine ganze Reihe solch jugendlicher Haushaltselevinnen kommen und gehen sehen. Das Gut, auf dem die Hauers seit Jahrhunderten sassen, bot die besten Lehrmöglichkeiten in der ganzen pommerschen Provinz. Und zu jedem Quartal ging ein wahrer Wettlauf unter den Praktikantinnen vom Stapel, in dem jedoch nur die siegten, die besonders empfohlen worden waren.
So ausgezeichnet aber Frau Renate Hauer Haus und Keller instand hielt, so wenig verstand ihr Eheherr, Malte, die Erfordernisse rationeller Wirtschaftsmethoden. Die neue Zeit hatte wenig Einfluss auf das versteckte, grosse Rittergut erlangt, das am Rande urwaldähnlicher Laubwälder wie versunken träumte. Es wurde heute noch beinahe ebenso bewirtschaftet wie vor hundert Jahren.
Das Herrenhaus auf Scholtenkamp, bis in seine kleinsten Einzelheiten, dem fürstlichen Schlosse von Putbus nachgebildet, besass noch heute wenig Komfort. Brummend hatte sich der jetzige Besitzer, Jürgens Vater Malte, darein gefügt, dass seine Gattin, die er sich als Hofdame aus dem fürstlichen Schlosse zu Putbus geholt, elektrisches Licht anlegen liess und den Segen der Kanalisation einsah. Aber noch wärmten gemütliche, vorsintflutliche Kachelöfen die riesigen Zimmer, und das nie verlöschende Feuer des Küchenherdes ward von Kienspänen, Holzkohle und Torf gespeist. Der alte Scholtenkamper duzte seine Scharwerker noch genau so, wie es seit Jahrhunderten seine Vorfahren getan. Für Mine und Line, Stine oder Trine aber, denn andere Namen kamen für die Mägde nicht in Frage, mochten sie auch sonstwie heissen, war die Schlossfrau nach wie vor die „Madam“ und der jüngste Scholtenkamper, der sich jetzt neben Märta am Strande von Vilm in der Sonne braunbraten liess, bleib: „uns’ jung’ Harr“! Ein Auto verschrie der alte Malte ebenso als Teufelswerk wie jede landwirtschaftliche Maschine. So standen die Erträgnisse des Guts in keinerlei Verhältnis zu dem, was sie bei moderner Bewirtschaftung hätten bringen können.
Trotzdem die Hauers dem pommerschen Landadel vielfach versippt waren, konnten sie dennoch kein „von“ dem uralten Namen voransetzen. Ein Hausgesetz hatte ihnen kategorisch jede Namensänderung untersagt. Aber das Wort der Scholtenkamper Männer hatte zu manchen Zeiten mehr gegolten als das ihrer blaublütigen Nachbarn, an die sie übrigens mit wenig Ausnahmen bestes Einvernehmen band.
Als Jürgens Vater, Malte Hauer, um das Hoffräulein Renate von Klitzingen freite, tat er es einmal, weil er sie liebte und dann, wiel sie ihm aus dem Schrot und Korn zu sein schien, um einer stattlichen Reihe von Söhnen das Leben zu schenken. Malte Hauer war nicht mehr der Jüngste, sah aber mit seinen 45 Jahren wie ein Dreissiger aus, und Frau Renate, die das dritte Jahrzehnt an ihrem Hochzeitstag vollendete, gab ihm an jugendlichem Aeusseren nichts nach. Ihre Liebe hatte ihm, ohne dass er es wusste, seit langem gehört, und ihr „Ja“ vor dem Altar des Kirchleins in Putbus klang so beseligt, dass Malte es niemals wieder vergass.
Ein Jahr später hob der Fürst, der mit seiner Gattin bei dem jungen Ehepaar bereits Trauzeuge gewesen, den kleinen Jürgen über das Taufbecken. Es war ein Prachtjunge, der da schrie, aber leider blieb er der einzige. Renate badete in Franzensbad und gebrauchte die Kur in Elster, tauchte in das Moor von Pyrmont und hielt sich lange Wochen in Polzin auf. Aber Jürgen blieb allein, und so kam es, dass er mit ganz besonderer Sorgfalt aufgezogen wurde. Er durfte kaum einen Schritt allein zurücklegen, und als er es als Tertianer endlich durchsetzte, dass er zum Gymnasium in Putbus radeln durfte, anstatt täglich von dem alten Krischan dorthin kutschiert zu werden, lebten seine Eltern täglich von 7 bis 15 Uhr in Todesangst um ihn.
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