Plötzlich aber beseitigte sie allen Idealismus und sie warf sich auf die Wirklichkeit der Dinge.
„Eberhard,“ sagte sie energisch, „du heiratest mich also nicht?“
„Nein ich denke nicht daran.“
„Und wie willst du mich abfinden?“
Er wurde mokant: „Obwohl du kein Ladenmädel bist, willst du also doch ...“ er brach ab.
„Ich habe meine Zeit nicht umsonst mit dir verbracht. Und wenn du mir so den Laufpass gibst, mein Lieber, dann sehe ich gar keinen Grund, dir noch freundlich entgegenzukommen.“
„Hast du die Quittung mitgebracht?“ fragte er ernst.
„Ich denke, zwanzigtausend wären angemessen.“
Eberhard verzog den Mund: „Mehr nicht? Aber selbstverständlich …“ verbesserte er sich. „Renate, wir werden das ordnen. Und morgen bist du im Besitze deines Guthabens.“
Plötzlich schien es so, als ob das Gefühl sie übermanne. Sie wollte Eberhard umarmen, er aber sagte:
„Mein Kind, du hast in mir heute einen schlechten Partner. Du weisst, ich kann gar nicht schauspielern.“
Da warf sie sich weinend auf den Sessel und jammerte: „Was hab’ ich dir denn getan …? Was hast du aus mir gemacht …? Dahinter steckt nur ein Weib, eine, die jünger ist als ich, eine, die dich umgarnt ...“
Und sie stand auf, hob die Hände hoch und schrie:
„Stoss mich nicht von dir. Sei wieder gut. Ich verachte das Geld, ich will kein Geld, nur dich will ich, dich Eberhard, dich.“
Er aber kannte seine Pappenheimer, schüttelte das ergraute Haupt und blieb sachlich.
„Renate, was ich versprochen, werde ich halten. Du wirst endlich zu deinem Auto kommen, und du wirst endlich deine Reise nach Aegypten machen.“
Da horchte sie auf. Ein wenig geistesabwesend wiederholte sie:
„Ich werde zu meinem Auto kommen, ja, ja … und ich werde nach Kairo zu den Pyramiden fahren, ja, ja …“
Eberhard reichte ihr die Hand und sagte ihr Lebewohl.
„Werde recht glücklich, liebe Renate, und hege keine Feindschaft mir gegenüber.“
Sie antwortete: „Lieber Freund, du wirst doch aber öfter ins Theater kommen, wenn ich spiele, und du wirst auch nie versäumen, mir bei einer Premiere die zartesten Orchideen zu senden ... du weisst ja, ich liebe Blumen und … und … nimm es mir nicht übel ... ich finde alle Männer über 45 Jahre komisch.“
Dann war sie verschwunden.
Eberhard ging zum Schreibtisch, trommelte heftig auf das Holz und dachte:
„Solche Frauen können im Schluss-Akt doch riesig liebenswürdig werden.“
Dann lachte er hellauf. „Also mich hat sie fürs komische Fach bestimmt.“
Eberhard legte immer Wert auf das Dekorum. Seine Braut durfte nicht zu gleicher Zeit seine Hausdame sein. „Das wäre nicht im Sinne der guten Sitte,“ dachte er.
Erst sollte sie zu ihren Eltern, um dann eines Tages, wenn alles public war, von ihm eingeholt zu werden.
Nun hatte er alle Musse, über die Zukunft nachzudenken. Der alternde Mann überlegte sich nun alles ganz genau. Jedenfalls war er der Ansicht, dass der Zeiger der Uhr etwas zurückgestellt werde. Er erklärte allen, dass er gerade fünfzig geworden sei, und manchesmal fragte er seine Mitmenschen, ob sie es glaubten, dass er die vierzig schon überschritten habe.
Zwei Tage später. Brigitte befand sich auf dem Gut ihrer Eltern. Der Vater machte zwar ein bedenkliches Gesicht, als sie ihm erklärte, dass ihr Bräutigam der Herr Generalkonsul wäre, aber ihre Mutter meinte, wenn nur das Herz jung sei. Und Brigitte bestätigte diese Tatsache.
Das Herz ist nicht nur jung, der Bräutigam sei auch mehr als liebenswert, und vor allem, er sei ein Prachtkerl.
„Nun,“ sagte der Vater, „dann mag mein Schwiegersohn kommen und sich meinen Segen holen.“
Plötzlich hatte aber auch er seine Wünsche und Pläne.
„Siehst du, Brigitte, unser Nachbar möchte sein Gut billig verkaufen, denn er will in die Stadt zurück. Wie wäre es, Brigittchen, wenn der Konsul, dein Bräutigam, mir ein Darlehen darauf gäbe?“
Brigitte sah ihren Vater entsetzt an. „Papa!“ sagte sie, „wir wollen keine Geschäfte abwickeln, Eberhard wäre grausam enttäuscht über den Schwiegervater, wenn er sofort aus dem Verlöbnis ein business machen wollte. Ich heirate den Mann aus reinem Idealismus.“
Da bekam der Vater den Husten.
„Aber Brigitte, Idealismus? Einen Mann heiratest du aus reiner Liebe, der fast sechzig ist? Und du bist doch vierundzwanzig? Mach mir doch keinen Scherz.“ Dann wurde er sehr ernst und entwickelte:
„Wir leben in einer harten Zeit, und mit unserem Träumen kommen wir nicht weiter. Um uns herum brennt geradezu der Realismus, also mein Kind, nimm Vernunft an, und nutze einmal die Konjunktur, die beste vielleicht in deinem Leben, aus.“
Da mischte sich die Mutter in das Gespräch, und sie gab ihrer Tochter recht.
„Nein, Kurt,“ sagte sie, „ich muss meiner Tochter recht geben. Du zerstörst dem Kind alles. Wir wollen auf eigenen Füssen stehen, und sie soll glücklich werden und sich allein ihr Glück ausbauen.“
Brigitte ergriff die Hand der Mutter: „Muttchen, du hast ja so recht und du sprichst mir ja so aus der Seele … Ich will rein durchs Leben gehen, und glücklich machen.“
„Nun ja, sagte der Vater, „wenn du dazu beiträgst, mein Gut zu erweitern, dann steht deinem Wunsch nichts mehr im Wege.“
Brigitte wandte sich ab. Sie verstand den Mann nicht, der ihr Vater war, und dem das Glück seiner Tochter weiter entfernt lag als das Gut seines Nachbars.
Frohe Tage brachen für die Braut an. Der Vater hatte eingesehen, dass sein Geschäftsgeist hier nicht auf fruchtbaren Boden fiel. Also versöhnte er sich rasch wieder mit seiner Tochter, indem er dachte: „Sie kommt schon eines Tages selbst auf mich zu, denn sie ist ja ein pietätvolles Kind.“
Jeden Tag erhielt sie einen Brief von ihm.
Es war die überquellende Liebe eines Mannes, der Jahrzehnte hindurch nie die richtige Frau gefunden hatte, die Frau, von der er annehmen durfte, dass sie ihn ehrlich und wahrhaftig liebe.
Alles, was sich um ihn drängte, strebte nur nach seinem Gelde. Er, der bekannte Mann der Berliner Gesellschaft, lockte sie alle an, diese Frauen, die ihn aussogen und ihre Vorteile suchten.
Es war das späte Glück eines Mannes, das von der Liebe bestrahlt wurde. Oft verglich er sich mit Goethe … Er las fast mit eifriger Begier die Bücher, die eine Friederike von Levetzow behandelten. Brigitte war seine Friederike. Und nun wurde er schwärmerisch, nach altem bewährten und gediegenen Muster.
Sie aber sah in ihm einen Grossen, einen Mächtigen. Er war ihr heilig. Ohne ihn, das sagte sie wohl tausendmal ihrer Mutter, wäre das Leben eine Qual. Und die mütterliche Liebe verstand sie.
Von Zeit zu Zeit kam Eberhard auf das Gut, um seine Braut zu besuchen. Hier wurde er empfangen wie ein Fürst.
Nur die Ackerknechte und Bauerndirnen grinsten. In ihrem natürlichen Sinn sagten sie sich, dass ein solches Paar nicht das richtige sei. Sie, das junge Fräulein, und er, der allzu reife Mann!
Das sei ja zu merkwürdig, zu albern, meinte die Theres. Und Jörg ergänzte: „Mensch, die zwei passen zusammen wie ich mit meiner Grossmutter selig, nur umgekehrt.“
Da lachte die ganze Dienerschaft, die gerade beim Napf sass, und Felix, der Laufbub, schlug mit dem Messer so auf die Schüssel, dass sie sprang, worauf die Gesellschaft über ihn herfiel.
Vierzehn Tage später erwartete sie an einem Sonntag wieder ihren Verlobten. Und während er sonst immer mit der Bahn kam, wollte er heute seinen Mercedes ankurbeln. Diesen Mercedes hatte er ihr versprochen. Sie legte zwar auf solche irdischen Güter keinen grossen Wert, aber sie freute sich dessenungeachtet auf diese „kleine Aufmerksamkeit“.
Um ihn zu überraschen, wollte sie ihm auf der Chaussee entgegengehen, und schon war sie mit ihrem Hündchen unterwegs. Sie ging eine Viertelstunde, eine halbe Stunde, ging eine Stunde. „Das geht nicht mit richtigen Dingen zu,“ dachte sie. Längst müsste er diese Chaussee hier passiert haben.“
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