„Herr Konsul, verzeihen Sie, Sie haben heute etwas ganz Rätselhaftes an sich.“
„Finden Sie, Brigittchen?“
Das „Brigittchen“ war ihr ganz neu. Nun war die Fröhlichkeit an ihr.
„Aber Herr Konsul, was haben Sie denn nur?“
Mit fast sachlichem Ernst erklärte er:
„Mein Kind, ich habe soeben entdeckt, wie reizend und entzückend Sie sind.“
Sie wollte abwehren, die Situation war ihr nicht ganz geheuer. Er aber fuhr fort:
„Verneinen Sie nichts … Ich bin ein alter gediegener Menschenkenner, und Sie sind noch viel zu jung, verzeihen Sie, um vielleicht das Gegenteil davon zu behaupten.“
Sie versuchte, ihn zu unterbrechen. Er aber liess sich nicht beirren.
„Ich kenne Sie mehrere Jahre, wir haben sozusagen Freud und Leid zusammen getragen. Sie haben mir oft einen vernünftigen Ratschlag gegeben, Sie, die kleine, reizende Brigitte, mit dem klaren Menschenverstand.“
„Herr Konsul, das ist zuviel des Guten … Aber ich weiss wirklich nicht … Um was handelt es sich eigentlich?“
Der Herr Generalkonsul setzte sich wieder in seine bekannte Positur. Er räusperte sich einige Male und dann ging es los.
„Brigitte, wie Sie wissen, hatte ich eine Freundin ...“
„Hatte …?“ kam es von ihren Lippen.
Er nickte. „Hatte … Ich glaube, die Sache gehört der halben Vergangenheit an. Diese Frau ist mir nicht treu … Ich glaube, es wenigstens vermuten zu können ...“
Brigitte war etwas betroffen über diese Erklärung. Nun sagte sie:
„Kann man einen Mann wie Sie betrügen?“
Er lachte hellauf. „Man kann.“
„Herr Konsul, ich darf Ihnen wohl sagen, dass ich mich nicht gerne in solche Dinge mische. Eine Frau, die einen Mann liebt, würde sich auch jeden Einspruch von anderer Seite recht sehr verbitten.“
Eberhard war darauf nicht vorbereitet.
„Liebes Kind, Sie sind doch meine treue Beraterin. Sie sind meine Hausgenossin, Sie sind …“ Er suchte nach Worten, nach Worten, die etwas Liebes ihr sagen sollten. Aber er, der Weltmann, war plötzlich nicht fähig, auf dieser Linie, die er so schön beschritten hatte, weiterzugehen. Die profanen Worte, die er Renate gegenüber immer gebrauchte, erschienen für diese Frau hohl und abgeschmackt. Er zögerte, machte eine lange Pause, und während Brigitte etwas nervös mit den Fingern auf der Tischplatte trommelte, fand er plötzlich wieder zu sich selbst zurück.
„Kurz und bündig … Ich bin kein Maun von Phrasen und Rankwerk, ich sage es Ihnen offen heraus: Brigitte, ich habe Zuneigung zu Ihnen gefasst.“ Und er, der Routinier Frauen gegenüber, war plötzlich befangen wie ein Primaner.
„Also kurz und bündig,“ setzte er wieder an, „ich möchte, dass unser Verhältnis von heute an sich ändere.“
Sie stand ihm erstaunt gegenüber.
„Was wollen Sie damit sagen?“
Er streckte beide Arme aus, und es hatte den Anschein, als wollte er diese reizende kleine Frau umfassen. Brigitte wich zurück. Eine jungfräuliche Scham trieb ihr die Röte in die Wangen.
„Seien Sie ganz vernünftig, es ist mein vollster Ernst … Brigitte, ich möchte, dass Sie immer an meiner Seite bleiben.“
„Herr Konsul,“ gab sie zurück, „Herr Konsul,“ wiederholte sie, „ich bin kein Mädchen, das sich zur Freundin eignet.“
„Das weiss ich, dafür kenne ich Sie zu genau, und darum … möchte ich Sie — heiraten.“
Brigitte stand verwirrt da. Wenn sie an alles dachte, auf diesen Gedanken wäre sie nie gekommen.
Ihr Atem flog, ihre Augen irrten unruhig im Zimmer umher, sie wusste nicht, war es Ernst, war es Scherz.
Eberhard schritt auf sie zu, erfasste ihre Hände und küsste sie. Sie suchte abzuwehren. Er aber lächelte und sagte:
„Nicht doch, Brigitte.“
„Herr Konsul …“
„Nein, nicht Konsul, Eberhard heisse ich.“
„Es ist nicht recht von Ihnen, Herr Eberhard ...“ sie verbesserte sich, „Herr von Wittinghausen.“
„Hier gibt es kein Wittinghausen mehr, hier gibt es nur noch Brigitte und Eberhard oder Eberhard und Brigitte.“
Mit diesen Worten fasste er schnell nach ihrem Köpfchen und küsste ihre Stirn.
Sie wusste nicht, wie ihr geschah und stammelte:
„Aber Herr Eberhard, das kommt ja einem Ueberfall gleich, ich weiss gar nicht, was ich dazu sagen soll.“
„Die Antwort muss einfach lauten: Ja.“
Brigitte war skeptisch.
„Aber ich weiss ja gar nicht, wie Frau Renate sich dazu stellen wird.“
„Nichts hat sie mehr zu sagen,“ lautete die Antwort. „Gar nichts. Ich weiss genau, sie hatte keinen anderen Wunsch, als mich in den Ehebann zu zwingen … Ich aber bin nicht der Mann, der dazu da ist, einer Frau Wünsche zu erfüllen, die nur dazu angetan sind, sie zu versorgen und dann ...“
Er besann sich: „Und dann ... ihn laufen zu lassen.“
„Ja, aber sind Sie davon überzeugt?“
„Bitte: bist du davon überzeugt.“
„Ich, wieso ich?“
„Jawohl, ich bin davon überzeugt.“
Eberhard setzte sich und zog sie neben sich.
„Also, liebes Brigittchen, damit wir uns recht verstehen: Du wirst meine Frau und ich werde dein Mann.“
Brigitte versuchte immer noch abzuwehren.
„Aber Herr Eberhard, haben Sie sich das auch richtig überlegt? Ich bin doch ein so armes Mädel, und so etwas erregt doch in Ihrer Gesellschaft grosses Aufsehen.“
„Kind, was redest du denn? Ist denn Armut ein Verbrechen? Du bist doch aus guter Familie, und wir sind uns doch vollständig ebenbürtig ...“ Und dann setzte er schelmisch hinzu: „Die Armut können wir ja beheben, und meinen sogenannten Reichtum auch. Ich gebe dir die Hälfte von meinem Reichtum, und du gibst mir die Hälfte von deiner Armut, und schon ist ein Ausgleich geschaffen.“
„Herr Eberhard, das wollte ich wahrlich nicht damit sagen.“
„Wohl aber ich.“
Nach diesen Worten nahm er sie in seine Arme, und jetzt widerstrebte Brigitte nicht mehr.
Einen Tag später erhielt Generalkonsul von Wittinghausen einen Brief. In diesem Schreiben, das keine Unterschrift trug, war zu lesen, dass Renate ihn täglich und stündlich betrüge. Er sei nur das Spielzeug einer arroganten, selbstsüchtigen Frau. Man warne ihn vor weiterer Fortsetzung der Liaison, denn er bilde das Stadtgespräch und er sei schon überall eine komische Figur.
Das Anonyme an dem Brief gefiel ihm nicht. Aber da er erst mit eigenen Augen sehen musste, wie vielseitig seine Freundin war, bekam die plötzlich eingetretene Aversion neue Nahrung und nun war er sich klar, dass er ohne viel Gefühl und Empfinden diese Frau abmelden konnte. Die letzte Sentimentalität schwand; und nun verstärkte sich noch mehr die Freundschaft und die Liebe zu Brigitte.
Renate aber versuchte, aus dem reichen Manne noch Kapital zu schlagen.
Wiederholt kam sie im Tempo einer hysterischen Akteurin angerast, um unter Tränen ihre Liebe zu beteuern.
Dem feinen Manne ward es nicht leicht, ihren Wutausbrüchen zu begegnen. Immer wieder suchte er in aller Ruhe ihr verständig zu machen, dass sie nicht die richtige Frau für ihn sei.
Sie kam mit triftigen Argumenten.
„Warum hast du mich erst vor wenigen Tagen beschenkt?“
Sie ward bitter und erklärte: „Das war wohl eine komplette Abfindungssumme, ähnlich so wie man ein Ladenmädel laufen lässt, bevor man sie noch mit einem Notpfennig ausgestattet hat?“
Er wies darauf hin, dass er das Glück hatte, sie in flagranti zu erwischen.
Sie lachte darüber: „Wenn ich in aller Oeffentlichkeit mich mit deinem Freunde sehen lasse, so hat das gar nichts zu bedeuten. Nur ein Spiesser nimmt daran Anstoss, oder ein Mann, der eine Frau über Bord werfen will.“
Das Wort Spiesser bezog er geschickt auf seine Handlungsweise, indem er meinte: „Ich bin und bleibe halt ein Spiesser, und wir passen nicht mehr zusammen.“
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