Brigitte biss sich auf die Lippen, machte kurz kehrt und verschwand wortlos.
Nun brach drinnen das Gewitter los.
Gewohnt, auch im Leben ihre schauspielerischen Künste spielen zu lassen, donnerte Renate ihren Freund mit gewaltiger, heroischer Stimme an. Sie gestikulierte in lebendigster Weise, stampfte heftig mit den kleinen Füssen auf, liess die Augen blitzen, und nun ergoss sich ein Hagel von lieblichen Worten über den armen Eberhard.
Er hörte ruhig zu, fuhr mit der rechten Hand oft über die Stirn, ein Zeichen seiner starken Gemütserregung, und plötzlich, als habe er einen Gedanken gefasst, einen Gedanken, der alles zunichte machen sollte, ging er zum Schreibtisch, um hier nach einem Etui zu greifen.
Das wusste er: eine Frau kann man nicht leichter entwaffnen, als wenn man sie beschenkt, und besonders eine Frau wie Renate.
Renate folgte mit den Blicken seinem Gebahren. Im Augenblick dachte sie: er wird doch nicht etwa zum Revolver greifen? Ihr Gesicht wurde etwas bleich, und ihr Wortschwall verstummte.
Aber statt eines Revolvers kam ein Smaragdring zum Vorschein.
„Gnädige Frau, gestatten Sie, wenn ich Sie unterbreche ...“
Er reichte ihr den Ring.
„Eberhard!!“ kam es von ihren Lippen. „Eberhard!“
„Es ist ja nicht der Rede wert. Du weisst doch, wie lieb ich dich habe.“
Stürmisch umfasste sie ihren Freund und wirbelte ihn wie toll im Kreise herum.
„Genug! Genug! Halt! Halt!“ rief er atemlos. „Kind, ich bin ja nicht mehr der Jüngste.“
Sie lachte hellauf, dass man ihre blendendweissen Zähne sah, und dann nahm sie seinen Kopf zwischen ihre beiden Hände und küsste ihn regelrecht, nach allen Paragraphen der hohen Schauspielkunst, ab.
Eberhard warf sich in den Sessel. Er war reichlich erschöpft.
„So, jetzt bin ich tot,“ erklärte er. „Meine Jugend ist, liebes Kind, schon längst begraben.“
Renate hatte Instinkte für so etwas. Sie kannte seine Schwächen.
„Nein, mein Lieber, du bist kein alter Mann, und du musst wieder heiraten. Du musst eine Frau haben, die repräsentiert.“
Er horchte auf:
„Ich soll also wieder Ehemann werden? Wer wird mich an den Altar führen wollen?“
Sie lächelte.
„Moi! Ich! Ich höchstpersönlich!“
Eberhard wieherte auf. Das kam ihm etwas plötzlich.
„Renate! Du machst mir ja Spass! Du machst mir ja Laune! Also du … also ich … wir beide ...? Kind, das ist ja zum Schiessen komisch ...“
Renate nahm einen ernsten Gesichtsausdruck an. Es hatte den Anschein, als kreiere sie eine sehr tragische Rolle.
„Eberhard, das ist kein Scherz von mir! Eberhard, die Zeit verlangt es.“
Er blickte sie starr an. Dann wiederholte er:
„Die Zeit verlangt es? Weisst du denn nicht, dass es viel besser wäre, wenn man sich mit solchen Gedanken nicht beschäftigte?“ Und dann fuhr er nach einer Pause fort:
„Kannst du es schöner haben, als du es hast? Du bist ein freier Mann bezw. eine Freifrau, hast keine Verpflichtungen, brauchst mir keine ewige Treue zu schwören …“ In Wirklichkeit aber war er eifersüchtig wie Othello. Er brauchte nur an seinen Freund zu denken, mit dem man sie, wie man ihm sagte, öfters sah.
Sie fiel ihm ins Wort: „Hallo, Eberhard. Diese Version gibt mir zu denken … Strolch, du betrügst mich …“
Er wehrte ab. „Ich dich betrügen? So abgeschmackt bin ich nicht.“
Nun wurde sie schmiegsam wie eine Schlange. Sie ringelte sich mit ihren Gedanken und mit ihren Armen um den Konsul.
„Eberhard, ich muss ein ernstes Wort mit dir in dieser Stunde sprechen. Du weisst, ich liebe dich. Die Voraussetzungen zu einem grossen Glück sind gegeben. Und sicher: wir werden vernünftig zusammen leben ... du, ich, ich, du, kurz: wir. Hat das Leben denn irgendwelchen Endzweck, wenn man keine Ideale hat, wenn man dahinlebt, wie zwei Menschen, die parallel dahinjagen …?“
„Das ist mir zu hoch,“ erwiderte er. „Du weisst, ich liebe keine Biedermeiereien, und, verzeih mir, liebe Renate, aus deinem Munde klingen solche Worte höchst wunderlich … Du bist Schauspielerin, du gibst das Leben anderer in deiner Kunst wieder, und du …“
„Jetzt sage nur noch, ich empfinde nicht, ich fühle nicht und ich sehe meine Gestalten, die ich wiedergebe nicht vor mir.“
„Mag alles sein, aber ihr Schauspielerinnen und Schauspieler spielt in der Komödie Leben, und im Leben Komödie.“
„Weisst du, Eberhard, gelinde gesagt ist das eine Frechheit. Vor zweihundert Jahren oder dreihundert Jahren, so um Molieres Zeiten herum, waren die Komödianten Menschen, die als unehrlich galten, die vom Priester nicht einmal die letzte Oelung bekamen … Also versetzt du mich in diese Zeit … Das ist ja sehr lieb von dir, aber mein lieber Freund, so geht das nicht weiter.“
„Und was soll werden?“
„Was werden soll? Ich will Frau Generalkonsul von Wittinghausen heissen.“
Er stand auf, sprach kein Wort und rannte mit grossen Schritten im Zimmer hin und her.
Dann wiederholte er mit farbloser Stimme: „Frau Generalkonsul von Wittinghausen … von Wittinghausen … Ueberfallkommando auf den Herrn Generalkonsul von Wittinghausen.“
Sie erblasste, zitterte vor Wut, und dann schrie sie laut auf:
„Mein Lieber, diesen Zustand ertrage ich nicht mehr länger … Zur Freundin bin ich nicht auf Lebensdauer prädestiniert.“
Irgendein Gefühl sagte ihm: „Vielleicht tust du Unrecht an dieser Frau.“ Aber dann machte dieses Gefühl wieder kehrt.
„Nein, mein Kind, ich eigne mich nicht zu der Hausbackenheit eines Ehemannes. Ich will nicht. Ich kann nicht.“ Diese Worte stiess er heftig und überzeugend hervor.
Sie aber erklärte nun hart und bestimmt:
„Wir werden ja sehen, wer Sieger bleibt. Du oder ich.“
„Zu deutsch also: Du willst mich unter die Haube bringen. Die ganze Art sagt mir, dass ich ein Pantoffelheld werden soll.“
Eine Pause folgte. Dann fuhr er fort: „Nein, Renate, darauf gehe ich nicht ein. Und es wird auch so gehen. Wenn es aber nicht so gehen sollte, und du dein Köpfchen durchsetzen willst, dann darf ich dir sagen, dass wir uns in aller Freundschaft trennen.“
Sie erfasste die letzten Worte, nahm ihre Handschuhe und sagte:
„Mein lieber Eberhard, ich gebe dir Bedenkzeit bis morgen. Morgen wirst du wieder vernünftig sein und deiner zukünftigen Frau reumütig Abbitte leisten.“
Nach diesem Vorfall sass der Generalkonsul Eberhard von Wittinghausen sorgenvoll in seinem Fauteuil und grübelte.
Er fand in dieser stillen Stunde doch, dass er nicht mehr der Mann war, der für den Widerstand geeignet war.
Der Gedanke einer Ehe mit seiner Freundin liess ihm keine Ruhe.
„Vielleicht macht sie mich doch glücklich,“ überlegte er.
Wie bei allen alternden Herren machte sich die Ueberzeugung breit, dass eine Frau die Sorgen und Gebrechen des Spätsommers des Lebens zu mildern vermochte. Er dachte an seine Magenbeschwerden, an seinen chronischen Hexenschuss, und an hundert andere Dinge, die das Leben oft stören. Jünger wird man auch nicht … kurz das Alter braucht Pflege und Schonung. „Vielleicht ist sie doch die Richtige.“
Zwei Stunden später begab er sich in das Eden-Restaurant, um dort zu soupieren.
Viele Menschen hatten sich eingefunden, um diesen Abend bei einer schönen Speisekarte gemütlich und fröhlich zu verbringen. Eberhard sass nahe bei der Musik und genoss die schwermütigen Klänge eines malayischen Liedes. Da fiel sein Blick auf den Stehgeiger, einen auffallend schönen Menschen, der mit seinen feurigen Augen unverwandt nach einer Richtung schaute. Seine Blicke schienen erwidert zu werden, es huschte ein überlegenes Lächeln über seine Züge. Wem galten diese Blicke? Eberhard war neugierig. Am Fenster sass eine Frau mit einem tiefen Dekolleté. Und neben dieser Frau ein eleganter, charmanter Mann, recht zärtlich tuend, recht innig … Dieser Herr war sein junger Freund, und diese Dame — heiss ging ein Blutstrom durch seinen Körper — diese Dame war sie, war Renate, die Geliebte, die vor wenigen Stunden noch allen Ernstes ihm einen veritablen Heiratsantrag machte.
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