Am nächsten Tag fand dann meine Heimreise statt.
Auf dem Vorplatz des Flughafens standen hunderte Passagiere und warteten auf die Abfertigung, aber was ich an jenem Abend zu sehen bekam, verschlug mir einfach die Sprache.
Da standen mehrere hundert Chinesen in blauen Arbeitsanzügen und mit Schirmmützen auf dem Kopf, artig wie Schulkinder in Zweierreihe, hintereinander aufgereiht, wie auf eine Perlenschnur.
Wir deutschen Monteure warteten im Pulk auf den Vorplatz aber mit so einer Unordnung konnte die irakische Flughafenbehörde natürlich nicht zufrieden sein.
Ein Sicherheitsbeamter des Flughafens ging durch unseren ungeordneten Haufen, laut „one by one, one by one“ rufend, was bedeutete, dass auch wir uns in Zweierreihe aufstellen mussten, um in den Flughafen eingelassen zu werden. Peinlich genau wurde überwacht, ob das auch klappte. Das war mir so zum letzten Mal in der Grundschule passiert.
In geordneter Formation durften wir nun also, Pärchen für Pärchen, in die Empfangshalle einrücken. Im Unterschied zur Grundschule, brauchten wir uns jedoch nicht an den Händen zu halten.
Soeben war die Maschine aus Berlin mit den deutschen Monteuren gelandet und nach der Betankung und einem technischen Check sollte uns die Maschine nach Hause bringen.
Nach einer angemessenen Wartungs- und Wartezeit hob der Düsenjet endlich ab und brachte uns nach Berlin.
Während des Fluges gab es ein alkoholisches Getränk nach Wunsch gratis, ein zweites oder weiteres gab es nur bei besonderen privaten Anlässen. Wenn man nicht die überteuerten Preise für zusätzliche Getränke berappen wollte, musste man sich schon etwas Intelligentes einfallen lassen, um noch einen zweiten oder dritten Drink zu schnorren.
Ich muss gestehen, dass ich während meiner Montagetätigkeit im Irak auf mehreren Flügen hintereinander Vater geworden bin.
Leider äußerte eine Stewardess, die sich wohl mein Gesicht gemerkt hatte, bald Zweifel an meinen Behauptungen. Weil in unserem Land keine arabischen Verhältnisse herrschten, bei denen ein Mann mehrere Frauen haben durfte, kaufte sie mir die häufige Vaterschaft bald nicht mehr ab.
Viel zu schnell waren die vier Wochen Urlaub vorübergegangen. Der August war vier Tage alt und ich befand mich wieder auf dem Flug nach Bagdad. Über die Bordlautsprecher erfuhren wir, dass eine Woche zuvor zum ersten Mal der neue Flughafen „Saddam Hussein International Airport“ angeflogen worden war. Außerdem teilte man uns mit, dass wir während unseres Fluges mit Turbulenzen rechnen müssten. Eine Mitteilung, die mir überhaupt nicht gefiel, doch ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass so eine große Maschine durch Turbulenzen berührt werden könnte. Allerdings musste ich mich leider schon wenig später eines Besseren belehren lassen.
Eine Stewardess schenkte mir gerade eine Tasse Kaffee ein, als der Jet mit einem unbändigen Ruck viele Meter durchsackte.
Dies geschah so unglaublich schnell und unerwartet, dass sich der Kaffee für einen Moment lang fünfzig Zentimeter höher als meine Tasse befand, aber tatsächlich nur einen Augenblick lang, dann holte der Kaffee die Tasse wieder ein – allerdings nicht der gesamte Kaffee. Ein Teil landete nämlich auf dem Kragen und der Rückenlehne meines Vordermannes, einen Teil bekam ich auf Hemd und Hosen und nur ein kleiner Teil traf noch die Tasse.
Die Stewardess schrie vor Schreck auf, auch sie hatte mit so einem plötzlichen „Durchsacker“ wohl nicht gerechnet.
Wir bekamen die Anweisung, das Rauchen einzustellen, die Rückenlehnen aufzurichten und uns anzuschnallen. Auch die Stewardessen begaben sich auf ihre Plätze und schnallten sich an. Das war eine berechtigte Vorsichtsmaßnahme, denn der Jet sackte immer wieder durch.
Diese Turbulenzen hatte ich in jener Intensität bei meinen sechzehn Flügen nur dieses eine Mal erlebt.
Glücklich auf dem Flughafen Bagdad gelandet, begaben wir uns über den Skywalk zu den Abfertigungsschaltern. Ich hatte ein banges Gefühl, denn in meinen Koffern befanden sich sechs Flaschen Cognac und acht Stangen Zigaretten und in meinem Handgepäck hatte ich noch einmal drei Flaschen Whisky, die ich an Bord gekauft hatte.
Das mag nun erschreckend viel klingen, kaum jemand trinkt pro Woche eine Flasche Schnaps, aber man trank ja nie allein und bei der Einreisefeier saßen etwa zwanzig Leute am Tisch, da flossen schon gleich zwei oder drei Flaschen durch die durstigen Kehlen. Nun galt es also, meine Schätze durch den Zoll zu bekommen.
Meine Hoffnung schwand allerdings merklich, als ich sah, wie der irakische Zoll die Koffer kontrollierte und ebenso wie bei meiner ersten Einreise den überzähligen Schnaps und die Zigaretten in große Kisten warf. Das sah so nachlässig aus, als ob es die Zollbeamten nicht interessierte, was sie da wegwarfen. Ich war mir aber inzwischen ziemlich sicher, dass die eingezogenen Waren nicht vernichtet wurden, sondern in den Besitz der Zöllner übergingen.
Als nun meine Koffer an der Reihe waren und auch ich sie öffnen musste, kam mir eine verzweifelte Idee. Ich nahm aus meiner Handgepäcktasche eine Flasche Whisky und schob sie dem Zöllner heimlich mit den Worten zu: „Please, Mister, this is a present for you.“ Er nahm die Flasche und stellte sie emotionslos unter den Gepäcktisch, klappte anschließend den Deckel des ersten Koffers auf und griff hinein. Plötzlich zog er die Hand zurück, als ob er in einen Igel gegriffen hatte, schaute mich kurz an und schob den Koffer weiter. Auch im zweiten fand er einen „Igel“ und schob auch diesen Koffer anstandslos zur Seite. Nun hatte ich zwar eine Flasche Schnaps verloren, aber acht Stangen Zigaretten und acht Flaschen Schnaps gerettet. Ich war froh, dass ich so glimpflich davongekommen war und nahm mir vor, diesen Trick bei der nächsten Einreise erneut anzuwenden. Was einmal klappt, das würde vielleicht auch öfter funktionieren.
Wichtig war allerdings, dass man bei der Einreise auf dem Airport Bagdad möglichst nüchtern, zumindest aber unauffällig auftreten sollte.
Leider beherzigten das manche Monteure nicht und deren Gepäck wurde dann natürlich besonders intensiv untersucht.
Nach diesen aufregenden Minuten hatte ich nun Zeit, mir den neuen Flughafen in Ruhe anzuschauen und der erste Eindruck war überwältigend. Der zweite allerdings auch.
Die Empfangs- und Abfertigungshalle war mit einem ungeheuren Prunk ausgestattet worden. Feinster Marmor, Wasserspiele in Glaskaskaden, vergoldete Verzierungen wohin man sah, schwere Teppiche, riesige Kristallleuchter, die an langen Seilen von der Decke hingen, es war ein Prunk wie in einem von Saddam Husseins Palästen und so war es auch gedacht. Der Reisende sollte bereits bei seiner Ankunft auf dem Flughafen den Eindruck haben, in ein Land wie aus Tausend und einer Nacht gelangt zu sein. Ich war beeindruckt. Nicht allein die Pracht im Eingangsbereich war aufsehenerregend, auch die Ausstattung im Basement mit Gaststätten, Shops, Bars und Sitzgruppen war einzigartig.
Über mehrere Etagen verliefen verschieden starke senkrechte Glasrohre, in denen Wasser sprudelte und die mit raffinierten Lichteffekten alle Blicke auf sich zogen. Licht spielte im gesamten Gebäude überhaupt eine große Rolle. Dieser Flughafen konnte sich mit den Flughäfen der bedeutendsten Metropolen der Welt durchaus messen. Entgegen bei manch anderem Flughafen wurde die Bauzeit beträchtlich unterboten, zur damaligen Zeit und erst recht zur heutigen, und dabei klammere ich die Peinlichkeit um den Berliner Flughafen BER stillschweigend aus, dessen Fertigstellungstermin noch immer ein Mirakel ist.
Ein Hinauszögern des Eröffnungstermins des Saddam Hussein International Airport hätte sicherlich die Köpfe der Verantwortlichen gekostet. Fast neige ich dazu, Gefallen daran zu finden.
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