Diese Taschenuhren kosteten in Deutschland sechs oder sieben Mark, sie waren nicht wasserdicht und gingen auch nicht sehr genau. Mutawa jedoch legte Wert auf wasserdichte Taschenuhren, also versicherten wir ihm beim Verkauf, dass unsere Uhren „very waterproof“ wären oder auf Arabisch „maja maku mushkylle“ – Wasser ist kein Problem! Wir konnten das mit ruhigem Gewissen sagen, denn bis es wieder einmal regnete, würden noch Monate vergehen.
Nun ergab es sich eines Tages, dass Mutawa von einigen Monteuren ein paar Taschenuhren ergattert hatte, natürlich alle „wasserdicht“. Das wollte er nun kontrollieren und das war für uns nicht vorhersehbar gewesen. Scheinbar war er doch nicht so einfältig, wie wir geglaubt hatten. Er nahm drei oder vier seiner Uhren und hing sie in eine Wassertonne, zwei trug er noch in der Hosentasche.
Wir hatten das Schlitzohr wohl unterschätzt, haben uns vor Vergnügen allerdings fast auf die Erde geworfen, und freuten uns bereits auf das nun unausweichliche Theater.
Als er die Uhren nach einer Weile wieder aus dem Wasser holte, stand das Wasser hinter den Glasscheiben der Uhren und es rührte sich bei ihnen kein Zeiger mehr. Nun wollte er von den Monteuren sein Geld zurück haben und beschimpfte sie in unendlichen Wortkanonaden, unter anderem als „Ali Baba“, was so viel wie „Dieb“ oder „Betrüger“ bedeutete.
Jeder der Monteure versicherte allerdings, dass ausgerechnet eine der beiden intakten Uhren in Mutawas Hosentasche von ihm wäre und dass Mutawa sie ruhig in das Wasser hinein hängen könnte.
Doch soweit ging die Dummheit von ihm nun auch wieder nicht und bei allem Verlustgeschäft wollte er wenigstens die beiden letzten Uhren retten.
Tagelang versuchte er, von den Monteuren sein Geld einzutreiben, aber irgendwann merkte er, dass er damit kein Glück hatte und gab es auf. Mir tat Mutawa ein wenig leid, aber den Verlust der Uhren schlug er mit Sicherheit auf seine anderen Waren um und gab sie an seine ägyptischen Kunden weiter. Insofern war wohl auch Mutawa ein „Ali Baba“.
Ab sofort ließ er seine Finger jedoch von den Uhrengeschäften.
Eines Abends war ich von Mohammed zum Feierabendtee eingeladen worden.
Er war sichtlich erfreut, mich nach meinem Urlaub wieder auf der Baustelle zu sehen.
Zwischen uns hatte sich in den letzten Wochen eine stille Freundschaft entwickelt, die keiner dem anderen mit Worten eingestand, doch wir spürten die gegenseitige Sympathie und genossen die Stunden, in denen wir uns von unseren unterschiedlichen Kulturen erzählten und der eine vom anderen lernte. Seine väterliche ruhige Art, sein Auftreten und vor allem aber sein Aussehen, die langen weißen Haare und sein gepflegter weißer Vollbart, waren ungewöhnlich für einen einfachen Arbeiter. Immer wieder begeisterte mich sein Wissen, egal ob das tagespolitische Themen betraf oder einfach nur den nächtlichen Sternenhimmel anbelangte. Es gab kaum ein Thema, über das ich mich nicht mit ihm unterhalten konnte. Und da ich seit meiner Kinderzeit schon immer sehr wissbegierig war und mir das bis zum heutigen Tag erhalten konnte, hatten wir beide uns gesucht und gefunden. So freute ich mich auch an jenem Abend auf unsere Gespräche.
Nach dem Duschen und dem Abendessen machte ich mich auf den Weg zu Mohammed.
Im Camp der Ägypter angekommen, wurde ich von allen mit großem „Hallo“ empfangen. Es war wie immer, jeder wollte mir etwas Gutes tun. Der eine bot mir eine Zigarette an, ein anderer eine Cola, wieder ein anderer wollte mich zu einem Tee einladen, der nächste hatte sich gerade das Essen bereitet und wollte es mit mir teilen.
Endlich hatte ich mich bis zu Mohammed durchgekämpft und wir umarmten uns zur Begrüßung, obwohl wir uns noch vor Stunden auf der Arbeit gesehen hatten. Wie immer bot mir Mohammed eine Zigarette und ein Glas Schwarztee an, allerdings musste man mit diesem Tee sehr vorsichtig umgehen.
Ein Glas des Tees wirkte beruhigend und der bittersüße Geschmack machte Appetit auf mehr. Mehrere Gläschen machten das Gebräu jedoch zur Waffe. Nur die härteste Konstitution überlebte sechs bis acht, denn so viel wurden es meistens, allerdings saß ich dann die halbe Nacht aufrecht im Bett und schwor, dass ich nie mehr so viel Tee hintereinander trinken würde.
Nun konnte es allerdings auch sein, dass der eine oder andere Whisky ebenfalls ein wenig zu meiner Schlaflosigkeit beigetragen hatte. Das Herz schlug mir jedenfalls bis zum Hals und ich war am Morgen froh, dass ich die Nacht schadlos überstanden hatte.
Nach der ersten Zigarette und dem ersten Tee jenes Abends gingen wir hinaus und setzten uns auf eine Bank, um uns zu unterhalten. Allerdings wollten nun die anderen Ägypter auch an unserer Runde teilhaben und machten mir zu Ehren ein paar Kunststücke.
Ich kam mir ein wenig wie in einem Kinderzirkus vor.
Einer der Ägypter machte einen Handstand auf einem Stuhl, der Nächste balanciert einen Besen auf dem Kinn, wieder ein anderer machte auf der Straße einige Überschläge und ein besonders talentierter Ägypter jonglierte mit vier Apfelsinen, es war irgendwie unwirklich.
Nachdem ich ausreichend Beifall gespendet hatte, konnte ich mich nun endlich mit Mohammed unterhalten.
Ich holte rasch noch eine Flasche Whisky, eine Flasche Wasser und eine Schachtel meiner Lieblingszigaretten, deren Markenzeichen das Konterfei eines Kamels war.
So konnten wir den Abend besser genießen. Die Luft war lau und angenehm, entgegen der wahnsinnigen Tageshitze von jenseits der fünfzig Grad Celsius.
Wieder einmal war der Abend jedoch viel zu schnell vorüber gegangen und ihm folgte eine sehr kurze Nacht.
Der Bauleiter verriet uns eines Morgens eine Neuigkeit. In wenigen Tagen würden neue Kollegen in unserem Camp eintreffen, die die Betonplatten für unsere Hallen herstellen sollten, da wir mit der Arbeit des Subunternehmens nicht zufrieden waren.
Die Ankerlöcher für die Stützen waren bisher so ungenau, dass wir oft mit Presslufthämmern nacharbeiten mussten, um die Stahlstützen stellen zu können.
Das hielt enorm auf, da wir anschließend neue Schraubenbolzen einbetonieren mussten und der Beton natürlich eine gewisse Aushärtungszeit beanspruchte.
Ich hatte in der Vergangenheit unseren Bauleiter ein paar Mal bei unserem Subunternehmen als Dolmetscher unterstützt, um die schlechte Qualität der Betonplatten zu bemängeln, aber leider war die Qualität nicht besser geworden.
Deshalb wurde schließlich die Überlegung angestellt, die Betonplatten selbst herzustellen, jedoch hatte noch keiner der deutschen Kollegen bei diesen Extremtemperaturen plastischen Beton eingebaut und so waren da wohl auch noch einige Probleme zu erwarten.
Nun sollten für dieses Vorhaben also kurzfristig Fachkräfte aus Deutschland eingeflogen werden, doch um für diese Kollegen Unterkünfte zu schaffen, mussten schnellstens zwei Großbungalows gebaut werden.
Die Vorhut der neuen Kollegen goss bereits die Fundamente für diese Unterkünfte und erlebte nun den Umgang mit dem Beton bei hohen Temperaturen.
Da die entsprechende Technik, wie Betonfertiger oder Fahrmischer, noch mit dem Schiff unterwegs war, übernahm ein irakisches Betonunternehmen diese Transporte so lange, bis die deutsche Technik vor Ort war.
Es gab im Irak so gut wie nichts, das sich nicht irgendwie mit einem fahrbaren Untersatz transportieren ließe. Und da habe ich die abenteuerlichsten Fahrzeuge und die nicht weniger abenteuerlichsten Kraftfahrer erlebt!
Was ich jedoch am ersten Tage der Betonierarbeiten erlebt habe, war so unglaublich, dass ich es zu Hause in Deutschland gar nicht zu erzählen wagte, um nicht als Schwindler dazustehen, aber ich kann beeiden, dass ich die Wahrheit sage.
Wir bestellten den Beton in einem Betonwerk in Falludscha. Im Allgemeinen waren die irakischen Firmen nach Terminabsprachen recht zuverlässig.
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