Da ich einige Dinge in der Zentralwerkstatt zu erledigen hatte, befand ich mich noch auf dem Campgelände. Ich sah einen Fahrmischer auf die Baustelle der neuen Unterkünfte fahren, der ferngesteuert zu sein schien, denn ich konnte von weitem im Fahrerhaus keinen Fahrer erkennen.
Der Betontrommler fuhr in einem eleganten Bogen auf die Baustelle und rangierte rückwärts an die vorbereiteten Schalungen. Ich wurde neugierig und ging näher heran, um herauszufinden, wie das Fahrzeug bewegt wurde.
Plötzlich ging die Fahrertür auf und aus dem Auto sprang ein Bürschchen von vielleicht zwölf Jahren und etwa einem Meter und vierzig Zentimetern Größe.
Er schritt um das Fahrzeug herum, löste die Rutschen, die das Schütten des Betons in die Fundamente möglich machten, befestigte einige dieser Rutschen hintereinander, um so nahe wie möglich an die Fundamente zu reichen und sonnte sich sichtlich in unserem Erstaunen.
Um dem Fass jedoch den Boden auszuschlagen, langte er in seine Hosentasche, holte eine Zigarettenschachtel heraus und brannte sich eine Zigarette an. Uns verschlug es angesichts der Kaltschnäuzigkeit des Lümmels die Sprache, aber wir mussten trotzdem schallend lachen. Er schwenkte gekonnt und mit einer zur Schau gestellten Lässigkeit die Rutsche für den Beton über die Schalung, betätigte einige Hebel und ließ den Beton in die vorbereitete Fundamentbettung gleiten.
Als das Fundament gefüllt war, fuhr er ein paar Meter weiter zum nächsten Fundament und wiederholte die Arbeit so lange, bis die Trommel des Fahrmischers leer war. Mit ein wenig Wasser aus einem Behälter reinigte er die Rutschen, stieg in den Lkw und fuhr von der Baustelle. Dabei konnte ich nun sehen, dass der Junge im Auto stand, da er im Sitzen gar nicht an die Pedale gereicht hätte.
Einer der ägyptischen Hilfskräfte verriet uns, dass der Bengel der Sohn des Betonunternehmers war und im Unternehmen sogar die Radlader und Bagger bediente.
Als die Fundamente für die Großbungalows drei Wochen später ausgehärtet waren, wurden die beiden Gebäude errichtet und dann kam für uns die große Überraschung.
Unsere Kuwait-Häuser wurden verkauft und wir mussten ebenfalls in diese Großbungalows umziehen. Nun wäre ja nichts dagegen einzuwenden gewesen, wenn der Wohnkomfort unverändert geblieben wäre, aber leider war dem nicht so, wie wir bald herausfinden sollten.
Die Kuwait-Bungalows waren für maximal drei Leute vorgesehen, die Räume im Großbungalow waren jedoch für vier Personen ausgelegt. Die Holzwände waren so dünn, dass man in den Nachbarräumen jedes Wort verstehen konnte. Der Fußboden war aus Holz und knarrte bei jedem Schritt.
Da die Toiletten und die Duschräume ebenfalls in den Gebäuden untergebracht waren, herrschte auf dem Korridor bis in den späten Abend hinein ein Kommen und Gehen und während dieser Zeit war an Schlaf nicht zu denken. Die architektonische Spitzenleistung jedoch war ein großer Gemeinschafts- und Aufenthaltsraum, der genau in der Mitte des ersten Gebäudes untergebracht war.
Weil wir so schnell wie möglich unsere Kuwait Häuser räumen mussten, durften wir uns die Räume in der ersten Baracke aussuchen. Nun galt es, das kleinste Übel herauszufiltern. Nahm man ein Zimmer zu nahe an der Nasszelle, hörte man den ganzen Abend das Getrampel auf dem Korridor, wenn die Kollegen zum Duschen oder auf die Toilette gingen. War man zu nahe am Gemeinschaftsraum, konnte es passieren, dass man bis in die späte Nacht keinen Schlaf fand, da es immer ein paar Unentwegte gab, die kaum Schlaf brauchten und Skat bis zum Abwinken droschen.
Nach längerer Diskussion bezogen wir schließlich ein Zimmer, von dem wir glaubten, die richtige Wahl getroffen zu haben. Wie sich jedoch schon bald herausstellen sollte, konnten wir von diesem Zimmer sowohl prima das Getrampel zur Nasszelle, als auch den Krawall vom Gemeinschaftsraum hören. Die Isolierung der Wandelemente war so schlecht, dass die Klimaanlage im Nonstop-Betrieb lief. Das Thermostat kam gar nicht zum Abschalten und hätte eigentlich eingespart werden können.
Wir waren nun vier Mann auf dem Zimmer, aber das war kein Problem, denn es hatte sich in den letzten Monaten bereits ein Freundeskreis herausgefiltert, mit dem man abends und am Wochenende ohnehin vieles gemeinsam unternahm.
Der Vorteil an einem Viermann-Zimmer war, dass man auf dem Zimmer endlich eine Doppelkopfrunde zusammen bekam, jedenfalls immer dann, wenn nicht gerade ein Kollege im Urlaub war.
Das Kartenspiel war nämlich unter den Monteuren seit jeher eine der urtypischsten Freizeitbeschäftigungen.
Wenige Tage nach unserem Umzug, als die nächste Maschine von Berlin ankam und die Kollegen vom Flughafen im Camp anrückten, kam auch ein uns bekannter und beliebter Kollege in unser Team, der vorher im Zentrallager wohnte.
Er steckte seinen zotteligen Wuschelkopf durch die Tür, wuchtete sein Gepäck in unser Zimmer und rief lachend: „Gebt mir amol was Kaltes zu Trinken nach der Schinderei, aber zieht ok amol ään Finger, ich hab ään Bäärendurscht“.
Wir waren hoch erfreut über den Neuzugang. Es war nämlich Klaus, der ehemalige Kraftfahrer aus dem Zentrallager, genannt „der Finger“. Nun wurde unsere Runde sicher noch lustiger.
Am 20. August begann der Ramadan, der dreißigtägige Fastenmonat der Moslems, für unsere ägyptischen Arbeitskräfte eine sehr harte Zeit, denn die Leistungsfähigkeit der Arbeiter tendierte dann schon um zwölf Uhr mittags nahe Null. Somit war der Ramadan auch für uns ein Härtefall.
Der Ramadan wird von den Moslems nach ihrem Mondkalender gefeiert. Er findet regelmäßig im Monat Dhu-I-Hiddscha statt und weicht von einem Jahr zum anderen meist um elf Tage ab.
Früh morgens kamen die Ägypter mopsfidel zur Arbeit, jedoch ein paar Stunden später stellten sich mit der Hitze auch der Durst und die Erschöpfung ein.
Auf meiner Hebebühne arbeitete ich mit Mahdi, einem sympathischen jungen Ägypter, an der Außenfassade der Hallen in einigen Metern Höhe. Gegen neun Uhr flehte er bereits das erste Mal: „Please Mr. Peter, down, down.“ Also fuhr ich die Bühne herunter, damit er sich erst einmal ein paar Minuten in den Hallenschatten setzen konnte.
Inzwischen nahm ich ein Kaltgetränk zu mir, denn auch an mir ging die Hitze nicht spurlos vorüber.
Zehn Minuten später arbeiteten wir weiter.
Um neun Uhr dreißig war dann unser reguläres Frühstück und obwohl die Ägypter nichts aßen, sehnten sie die Pause mehr herbei als wir.
Sofort lagen alle ägyptischen Arbeitskräfte in den Hallen, bis es nach dem Frühstück wieder an die Arbeit ging.
Nicht einmal eine Stunde später flehte Mahdi bereits wieder: „Please, down, Mr. Peter!“ Also fuhren wir wieder hinunter. Bis Mittag wiederholte sich das noch zweimal.
Bei allem Verständnis für den islamischen Glauben unserer ägyptischen Arbeiter war ich doch einigermaßen sauer, dass uns durch den Ramadan täglich einige Stunden Arbeitszeit verloren gingen, aber die Oberbauleitung hatte uns im Vorfeld ja bereits auf die Problematik eingestellt und tolerierte es, dass währen dieser Zeit die Leistungen nicht das normale Niveau erreichten.
Nach dem Mittagessen konnte man mit den Ägyptern gar nichts mehr anfangen, da schleppten sie sich nur noch über die Baustelle, doch noch drückte ich ein Auge zu, denn für mich war diese Situation ja neu und schließlich befand ich mich als Christ in einem islamischen Land.
Unsere Wasserpausen, die gewöhnlich nur zehn Minuten dauerten und in denen wir uns im klimatisierten Bauwagen erholten, nutzten die Ägypter sofort, um sich in die Hallenecken zu legen.
Nach dem Feierabend taumelten sie dann zum Bus und nach der kurzen Fahrt in das Camp kämpften sie sich mehr schlecht als recht in ihre Unterkünfte.
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