Ich wartete voller Furcht, nackt und gefesselt auf meinen Knien, in dem Zirkel. Ich beobachtete, wie die beiden vorsichtig ihre Kreise zogen. Ich zerrte an meinen Fesseln, kam aber nicht dagegen an.
Plötzlich und wie in gegenseitigem Einvernehmen brüllten beide, stießen einen unbändigen Schrei aus und stürzten aufeinander zu.
Es handelte sich um das Ritual des Speerwerfens.
Der Speer meines Fängers schien in die Höhe fortzuspringen, als er vom schräg erhobenen Schild des Fremden abprallte. Die abgewehrte Waffe trudelte über hundert Fuß weit und blieb unbrauchbar in der Ferne fest in der Wiese stecken, während der Schaft in Richtung Himmel zeigte. Der Sänger hingegen hatte den Schild seines Gegners durchbohrt und hob ihn nun damit hoch, indem er die Stange zwischen Arm und Oberkörper presste. Dann drehte er sich um und warf den Mann, der keine Zeit gehabt hatte, seinen Arm aus den Schlaufen zu ziehen, vor sich auf den Boden. Schnell hatte der Fremde sein Schwert aus der Scheide gezogen und hielt es dem Gegner unter dem Helm an die Kehle.
Er schnitt ihm aber nicht die Kehle durch, sondern trennte stattdessen die Schlaufen am Schild des Mannes auf, damit dieser den Arm wegziehen konnte. Daraufhin trat er zurück. Nachdem er seinen eigenen Schild in das Gras geworfen hatte, blieb er mit gezückter Klinge stehen und wartete.
Der andere nahm sich zusammen und stand auf. Er war fuchsteufelswild. Auch er zog sein Schwert, stürmte auf den Fremden zu und im Nu war ein Zweikampf im Gange.
Ich kniete wie vom Blitz getroffen da und zitterte vor Schreck. Sie widersprachen dem Menschenbild, das ich kannte, vollkommen, dies hier waren Krieger und Bestien.
Ich schrie laut vor Angst.
Vor Metallklingen, selbst vor Messern, hatte ich mich von jeher gefürchtet. Jetzt kniete ich nackt und gefesselt, hilflos und äußerst bloßgestellt, sodass man mich ohne Weiteres verwunden konnte, in der unmittelbaren Nähe von rauen, fähigen und kräftigen Kerlen, die sich in böswilliger Absicht mit scharfem, blanken Stahl den Grausamkeiten der Kriegskunst hingaben.
Sie fochten miteinander.
Ich schaute zu, wehrlos und mit großen Augen. Sie trugen ihren Streit mit gnadenloser, pointierter Präzision aus.
Sie taten es nur wenige Fuß vor mir. Ich jammerte.
Vorwärts und rückwärts, flink waren sie in ihrem grimmigen Schlagabtausch.
Zu welcher Art Mensch sollte ich sie zählen? Jemand wie sie war mir gewiss noch nie untergekommen. Wieso hatten sie keine Angst vor solchen Waffen? Warum flüchteten sie nicht? Stattdessen traten sie gegeneinander an und kämpften. Ich fürchtete mich vor solchen Männern und tue es nach wie vor. Was bleibt einer Frau anderes übrig, als zitternd vor diesen Kerlen niederzuknien?
Der eine wich mit einem Grunzen zurück, vollzog eine Drehung und fiel im Gras auf die Knie, wo er seitwärts umkippte und schmerzverzerrt auf einer Schulter liegen blieb. Er fasste sich mit einer Hand an den Bauch, aus dem Blut quoll, und seine Waffe lag irgendwo in der Wiese.
Der Fremde entfernte sich von ihm. An seiner Klinge klebte Blut. Er blieb stehen und fasste den übriggebliebenen Mann – den Bärtigen – ins Auge.
Dieser riss schnell seinen Schild und seinen Speer hoch. »Kajira canjellne!«, rief er.
»Kajira canjellne!«, entgegnete auch der Fremde. Er schickte sich an, den Speer aus dem kaputten Schild des Mannes zu ziehen, mit dem er sich nur wenige Momente vorher bekriegt hatte. Der Gefallene lag gekrümmt im Gras und seine Unterlippe war blutig, weil er mit den Zähnen darauf biss, um nicht vor lauter Qual aufzuheulen. Dabei krallte er sich an seiner mit Blut durchtränkten Tunika fest und ballte den Stoff am halb zerschnittenen Gürtel mit der Faust zusammen. Ringsum am Boden bildete sich eine Blutlache.
Der Fremde bückte sich, um den durchstoßenen Schild aufzuheben und die Bronzespitze seiner Waffe herauszuziehen.
In diesem Augenblick brüllte der Bärtige erbost auf und rannte mit erhobenem Speer auf ihn zu. Bevor ich überhaupt mit Schrecken reagieren oder mich rühren konnte, bemerkte der Fremde es, wälzte sich am Boden zur Seite und war im Nu wieder aufgesprungen, um in Stellung zu gehen. Als mir ein Schrei entglitt, hatte die Spitze des Speeres des Bärtigen den Helm des Gegners bereits linker Hand verfehlt. Der Fremde war nicht in der Nähe des durchbohrten Schildes geblieben, sondern hatte ihn einfach liegen lassen. Zum ersten Mal wirkte er verdrießlich. Der Speer des Bärtigen steckte in der Erde, die Spitze und ungefähr ein Fuß des Schafts waren darin versunken. Er stellte sich dem Fremden nun mit gezogenem Schwert. Kaum dass sein Angriff fehlgeschlagen war, hatte er die Stichwaffe losgelassen, sich umgedreht und die Klinge gezückt. Er sah blass aus, der Konter des Fremden ließ auf sich warten. Er verharrte aufmerksam in wehrhafter Haltung. Mit seiner Waffe zeigte er an, dass der Kampf jetzt zwischen ihnen beiden weitergehen würde.
Mit einem wütenden Schrei preschte der Bärtige los und stieß mit dem Schild nach vorne, während er zu einem niedrigen Hieb mit der flachen Seite des Schwerts ansetzte. Die Aktion schlug fehl. Noch zweimal wagte er einen Angriff, doch der Fremde befand sich unerklärlicherweise nie an der Stelle, wo er ihn eigentlich hatte treffen wollen. Beim vierten Versuch stand der Kerl schließlich links hinter ihm und schob ihm das Schwert unter die linke Achselhöhle. Da erstarrte der Bärtige und erblasste abermals. Der Fremde zog sein Schwert zurück und ließ von ihm ab. Daraufhin glitt dem Bärtigen der Schild vom Arm, denn die Schlaufe am Oberarm war zerschnitten. Der Schild schlug mit der Kante am Boden auf und kippte dann rotierend um, bis er still liegen blieb. Ein breites Rund, dessen gewölbte Innenfläche schief nach oben zeigte. Ich konnte die durchschnittene Schlaufe deutlich sehen.
Die beiden Männer stellten sich voreinander auf. Dann setzten sie ihren Kampf fort.
Erst jetzt fiel mir auf, wie behände der Fremde war. Vorher hatte ich es gar nicht mitbekommen, zumal er mit seinem ersten Gegner eine Weile gleichauf gewesen war. Flink, aber auf bemessene Art und Weise hatte er sich behauptet, entschlossen und souverän, mit Respekt vor dem Feind. Aber ohne seine Fertigkeiten mit der Klinge vollständig preiszugeben, die verheerende und doch feinfühlige Gabe, mit welcher er dem schnittigen Stahl nun schreckliches Gewicht zu verleihen schien. Ich sah den Verwundeten und beobachtete mit Grauen, wie er sich auf einen Ellenbogen stützte. Er war gar nicht umgebracht worden; als er im blutgetränkten Gras lag, wurde ihm bewusst, dass der andere ihn verschont hatte. Mit erniedrigendem Geschick war der Fremde mit dem stolpernden, blassen Bärtigen umgesprungen, der sich nur Minuten zuvor darauf vorbereitet hatte, mir die Kehle durchzuschneiden. Während ich gefesselt in dem Kreis kniete, dämmerte mir schlagartig und mit bestürzender Erleichterung, dass der Fremde die beiden vorführte. Viermal hatte er die Verteidigung des einen durchbrochen und hätte ihm in die Brust oder den Hals stechen können, was jedoch nicht geschehen war. Er lotste den Bärtigen zu seinem fallen gelassenen Schild und ließ ihn davor stehen bleiben. Dann drängte er ihn mit einem Schrei zurück, sodass dieser rücklings über den Schild fiel und vor dem Fremden in der Wiese lag. Der hielt ihm sein Schwert an den Hals, trat aber dann mit verächtlicher Miene zurück. Der Liegende raffte sich wieder auf, während der Fremde erneut in einer Haltung verharrte, die suggerierte, dass er auf der Hut war.
Der Bärtige nahm seine Waffe und schleuderte sie ins Gras. Sie blieb bis zum Heft im Boden stecken. Dann stand er da und schaute den Fremden an. Dieser schob das Kurzschwert zurück in seine Scheide. Sein Gegenüber öffnete den Gürtel, an dem sein Dolch hing, und ließ beides in die Wiese fallen. Danach begab er sich langsam zu seinem Gefährten und zog auch ihm den Hüftgürtel mit der Waffe aus. Der Verletzte drückte seine nasse Tunika auf die Wunde, um die Blutung zu stoppen. Der Bärtige half ihm auf die Beine, woraufhin die beiden, indem einer den anderen stützte, das Feld verließen.
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