Kaiser Gallienus war über den Verlust untröstlich, konnte sich aber nicht entschließen, das Kind als seine Tochter anzuerkennen, obwohl seine Ehefrau Salonia ihm dazu riet. Senator Drusus war darüber mehr als erbost. Auch die kaiserlichen Schenkungen an seine Enkelin Olympia konnten ihn nicht beruhigen: eine palastartige Villa in Roma, Häuser am Golf von Napoli und in den Aventiner Bergen sowie ertragreiche Ländereien in den Provinzen Hispania und Africa proconsularis. Als Dank für das Verständnis seiner Ehefrau und aus Rücksicht auf ihre Gefühle vereinbarte Kaiser Gallienus mit dem Senator, dass Olympia auf dem Landgut von Clepsina aufwachsen würde.
Olympia kehrte erst als junge Frau nach Roma zurück, um eine standesgemäße Ehe einzugehen. Aber als illegitime Kaisertochter standen ihr nicht dieselben protokollarischen Ehren zu wie den legitimen Töchtern eines römischen Kaisers. Olympia litt darunter und fühlte sich in der Gesellschaft von Roma, die ihr die Achtung, die einer Kaisertochter gebührte, versagte, nie zu Hause.
Die Villa, die Kaiser Gallienus seiner Tochter geschenkt hatte, lag auf dem Aventin, einem der sieben Hügel von Roma. Der Aventin bestand aus einer Erhebung mit zwei Gipfeln, die ein Tal trennte. Zur Zeit der Republik ein Wohn- und Geschäftsviertel der Plebejer, entwickelte sich die Gegend zur Kaiserzeit in ein elegantes Wohnviertel, in dem der römische Adel seine prunkvollen Stadtpaläste bauen ließ.
Ein weiteres Mal gestand sich Senator Titus verärgert ein, dass seine Frau Olympia über ein größeres Vermögen verfügte als seine Familie. Ohne ihre hohen Einkünfte hätte er sich seinen aufwendigen Lebensstil mit allen dazugehörenden teuren Pflichten wie das Ausrichten der Spiele im Amphitheatrum Flavium (Colosseum) zu Beginn seines Senatorenamtes und die regelmäßigen Brotgaben an die Bevölkerung nicht leisten können.
Senator Orestes stammte aus einem der ältesten Geschlechter von Roma, die Ahnentafel konnte er bis in die Zeit der Republik zurückverfolgen. Seine Familie hatte dem römischen Volk und ihren Kaisern immer treu gedient, nur das Familienvermögen war dabei auf der Strecke geblieben: Kaiser Nero hatte einen Vorfahren gezwungen, ihm sein Vermögen testamentarisch zu vermachen und im Anschluss von eigener Hand aus dem Leben zu scheiden. Sein Vater verlor einen Großteil seiner Ländereien beim Glücksspiel mit Kaiser Elagabel. Zu dieser Zeit verliebte sich Olympia in den Senator, als er ihr bei einem Fest bei Hofe vorgestellt wurde. Und es war ihm eine Ehre und Freude, das schüchterne, freundliche Mädchen zur Frau zu nehmen. Zusätzlich versetzte ihr Reichtum ihn in die Lage, die öffentliche Rolle in der römischen Gesellschaft einzunehmen, die ihm von Geburt zustand.
Olympia war noch nicht lange verheiratet, als sie bemerkte, dass der Senator neben ihr viele andere Frauen beglückte; sie nahm das enttäuscht, aber schweigend hin. Nach Daphnes Geburt war es ihr nicht mehr möglich, Kinder zu gebären, und sie zog sich immer häufiger schwermütig in ihre Räume zurück. Als die Gesellschaft von Roma über die Liebschaften des Senators zu tratschen begann, wies Olympia ihren Ehemann mit der Begründung aus dem Ehebett, seine Leidenschaft ruiniere endgültig ihre Gesundheit. Ein Arrangement mit einer stadtbekannten Kurtisane akzeptierten alle Beteiligten, und es beendete das Gerede in der Stadt. Außerdem besaß der Senator unzählige Sklavinnen, die ihm bei Bedarf zur Verfügung standen. In späteren Jahren verließ Olympia nur das Bett, um an den Versammlungen der römischen Christengemeinde teilzunehmen. Die Christen glaubten an einen einzigen Gott und dessen Sohn, von dem es hieß, dass er viele Jahre zuvor auf Erden gelebt hatte. Der Senator, ein gebildeter Mann mit umfassendem Wissen, begriff nicht, wie seine Frau ihr Herz an diesen Hokuspokus hängen konnte. Doch die Abende in Gesellschaft ihrer Glaubensbrüder machten sie glücklich. Oftmals tauchte sie im Anschluss an das gemeinsame Abendmahl für ein paar Stunden aus ihrer Melancholie auf, und ihre Augen strahlten wie in ihrer Jugend.
Der Senator war ein mittelgroßer, kräftiger Mann von zweiundvierzig Jahren. Man kannte ihn nicht nur als Verehrer schöner Frauen, sondern auch als Genießer exquisiten Essens und süffiger Weine. Letztere genoss er zur Missbilligung seiner Frau meistens unverdünnt, ein Laster, dem er ein gerötetes Gesicht, den nicht zu übersehenden Bauchansatz Ersterem verdankte. Neben den leiblichen Genüssen liebte er die griechischen Philosophen, anregende Gespräche und Daphne, seine Tochter. Nur zwei Dinge in seinem Leben betrübten ihn, seine beginnende Glatze und dass ihm kein Sohn geboren worden war. Mit den Jahren fand er sich damit ab, dass er keine männlichen Nachkommen haben würde, und wandte sich seiner energischen kleinen Tochter zu, um die sich die Mutter immer weniger kümmerte. Häufig erzählte er dem aufgeweckten Mädchen aufregende Geschichten aus der griechischen Mythologie. Als Daphne älter wurde, ließ er sie in allen Wissenschaften der Zeit unterrichten. Senator Orestes war stolz auf Daphnes umfangreiche Bildung und ihre Schönheit: der Gedanke, sie an einen Ehemann zu verlieren, behagte ihm gar nicht.
Der Senator sah seine Tochter freundlich an und sagte:
„Daphne, morgen verlassen wir Roma vor Sonnenaufgang mit dem Cursus publicus (kaiserlichen Postdienst), um die ersten kühlen Stunden des Tages für unsere Fahrt nach Ostia zu nutzen. Das Schiff wird uns von Portus nach Rating (Catania) auf Sicilia bringen. Von dort aus ist es eine halbe Tagesreise bis zu dem Landgut des Kaisers. Er ist stolz auf sein prächtiges Anwesen mit dem großen und artenreichen Wildbestand. Es ist eine hohe Ehre, dass er uns zusammen mit wenigen Getreuen zur Jagd eingeladen hat.“
Daphne hatte sich auf ihr Sofa geworfen, das ihr Vater ihr für die vielen Stunden, in denen er sie unterrichtete, in sein Arbeitszimmer hatte stellen lassen. Sie hob den Kopf und fragte:
„Wer ist denn außer uns eingeladen, Vater, alte Kaiser und seine noch älteren Freunde oder auch junge Leute in meinem Alter?“
Der Senator lachte.
„Außer uns sind zwei Freunde des Kaisers eingeladen: Constantius, Maximians Prätorianerpräfekt mit seinem Sohn Konstantin, der etwas jünger ist als du. Der Zweite heißt Gaius Antonius Rufus Vitruv, ein Mann, von dem man in Zukunft noch viel hören wird. Er möchte dich gerne kennenlernen, teilte mir der Kaiser bei der letzten Audienz im Vertrauen mit.“
„Ach Vater, bring´ mich nicht schon wieder mit einem Langweiler zusammen, den ich heiraten soll. Du verdirbst mir den Spaß an der Reise.“
Dabei runzelte Daphne die Augenbrauen und zog die Mundwinkel nach unten, was ihr das Aussehen eines unzufriedenen Kindes gab.
„Daphne, du weißt, dass ich dich nicht zwinge, einen Mann zu heiraten, den du nicht willst. Ich behalte dich gerne bei mir. Aber ich lebe nicht ewig, und ohne eigene Familie wird es für dich eintönig werden. Jetzt genießen wir erst einmal zusammen die Reise, und im Anschluss sehen wir, wie wir deine Zukunft gestalten.“
Beruhigt rannte Daphne aus dem Arbeitszimmer und in den Schlaftrakt des Hauses. In ihrem Zimmer wartete Philomena minor, um ihr bei der Nachttoilette zu helfen.
Die Sklavin, eine Enkelin von Philomena Maior, der Amme ihrer Mutter, war Daphne zu ihrem dritten Geburtstag zu ihrer persönlichen Bedienung von ihrem Vater geschenkt worden. Mit Daphne aufgewachsen und erzogen, ihre Mutter starb bei der Geburt, kannte Philomena minor ihren Platz in dem großen Haushalt des Senators und war stolz auf ihn. Sie war ein dünnes Mädchen mit pechschwarzen Haaren, freundlich und ihrer Herrin bedingungslos ergeben. Freudig hatte sie alle von Daphne angezettelten Kinderstreiche mitgemacht, ließ sich aber von den Launen ihrer Herrin nicht aus der Ruhe bringen.
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