Nachdem der Trauerzug das Palastgelände durch die Chalke verlassen hatte, bewegte er sich über die westlich an das Augusteum angrenzende Rhegia, die Paradestraße der Stadt, vorbei am Daphnepalast, den Zeuxippos-Thermen mit ihrem prächtigen Skulpturenschmuck und dem daran anschließenden Hippodrom, in dem mehrmals jährliche Wagenrennen stattfanden. Langsam zog der Zug in Richtung des der Göttin Tyche geweihten Heiligtums und des Millions, dem Meilenstein der Stadt. Dort begann die Mese, die auf beiden Straßenseiten mit Arkaden und Geschäften bebaute Hauptstraße. Hunderte von weinenden, klagenden Menschen säumten die Straße und verfolgten den Zug. Dem von Abteilungen des Heeres angeführten Trauerzug folgte der kaiserliche Sarg, umgeben von Lanzenträgern und Schwerbewaffneten. Hoch zu Ross ritt Caesar Constantius voran. Schweigend schloss sich die Menschenmenge dem Ende des Zuges an.
Als der Trauerzug nicht mehr zu sehen war, stand Daphne auf, wandte sich zu Germanicus und sagte:
„Ich wäre dir dankbar, wenn du mich zum Trauergottesdienst in das Mausoleum begleiten würdest, allein hätte ich wegen der Gefahr von Unruhen nicht teilgenommen.“
„Das wäre Euch gewiss schwergefallen. Ihr wollt mit eigenen Augen sehen, ob unser Freund es gewagt hat, sich einen Platz unter den Aposteln zu reservieren. Ich hörte in der Stadt das Gerücht, dass der Kaiser den Befehl erteilt hatte, seinen Sarg zwischen die zwölf Kenotaphe (Scheingräber) der Apostel zu stellen, um wie sie von den Christen Constantinopolis angebetet zu werden.“
Daphne antwortete lachend:
„Bei einem unserer letzten Gespräche erzählte mir der Kaiser glücklich, dass er diesen Ort zum Andenken an die zwölf Apostel erbauen ließ, nicht zum Gedächtnis an die zwölf heidnischen Götter des Olymps, wie geredet wird. Du hast recht mit deiner Vermutung, Germanicus. Im Mausoleum soll Gottesdienst gehalten werden. Sein größter Wunsch war tatsächlich, dass er in die Gebete für die Apostel eingeschlossen wird.“
„Unser Kaiser war nie demütig, aber das übertrifft alles bisher Dagewesene.“
Kopfschüttelnd stand Germanicus auf.
„Ich begleite Euch, Herrin, bis zum Mausoleum. Bitte habt Verständnis, wenn ich vor dem Eingang auf Euch warte. Das unwürdige Schauspiel sehe ich mir nicht an.“
Dankbar lächelnd zog Daphne den Kopf des Mannes zu sich herunter und gab ihm einen Kuss auf die Stirn.
Eine halbe Stunde später stiegen beide in schwarze Gewänder gekleidet in ihren Wagen. Im Schutz bewaffneter Sklaven fuhren sie die Küstenstraße entlang, um den Trauerzug auf der Mese zu umgehen. Schon von Weitem sah man das Mausoleum, ein hohes Gebäude, das in den gebrochenen Sonnenstrahlen hellgolden glänzte. Das Dach war zum Schutz gegen Regen nicht mit gewöhnlichen Ziegeln, sondern mit Erz gedeckt; ringsherum lief ein zierliches Gitter aus Gold und Erz. Das Mausoleum umgab ein weitläufiger viereckiger Hof mit Säulenhallen, der die Begräbnisstätte gegen die Häuser für die Unterkunft der Wächter, die Brunnen und Spazierwege abschloss. Germanicus geleitete Daphne zum Eingang, während die Sklaven ihnen den Weg durch die Menge bahnten, die sich vor dem Mausoleum versammelt hatte. Als Daphne die Kirche betrat, blieb sie starr vor Staunen stehen. Vom Boden bis zum Dach erstrahlten die mit Marmorplatten verkleideten Wände in bunter Farbenpracht. Die getäfelte Decke war mit Gold überzogen. In der Mitte des Raumes stand ein silberner Altar. Um ihn herum wie Säulen aufgestellt die zwölf Kenotaphe der Apostel. In der Mitte freigehalten ein Platz für den Sarkophag des Kaisers.
Als der Begräbniszug ohne die vom Trauergottesdienst ausgeschlossenen Soldaten in das Mausoleum einzog, sah Daphne, dass Constantiana, die älteste Tochter Konstantins, die neben ihrer Schwester Helena auf einem mit Seidenstoff bezogenen Sessel saß, den kaiserlichen Kämmerer Eusebios zu sich winkte. Leise sprach sie auf ihn ein und zeigte dabei auf Daphne. So flink es seine Körperfülle erlaubte, bahnte sich der Eunuch umringt von seinen Sklaven den Weg zu ihr. Während zwei Sklaven Daphne fest am linken und rechten Arm nahmen und sie nach draußen drängten, zischte er in ihr Ohr:
„Ihr, Gnädigste, seid an diesem Ort unerwünscht.“
Aufgeschreckt lief Philomena mit den anderen Sklavinnen in Daphnes Begleitung hinterher. Daphne war zu überrascht, um sich gegen das für sie unverständliche und brutale Vorgehen zu wehren. Draußen ließen die Sklaven von ihr ab, und Philomena machte Germanicus ausfindig, der aufgeregt zu Daphne eilte, um sie aus der Menschenmenge zu befreien.
„Ich verstehe das nicht Germanicus, man hat mich hinausgeworfen.“
Erschöpft sank Daphne in die Polster ihres Wagens.
„Constantiana will nicht, dass ich dem Begräbnisgottesdienst beiwohne. Ich weiß nicht, was ich ihr Böses angetan habe.“
„Ich wusste es, Herrin. Ihr habt keine andere Wahl, Ihr müsst Constantinopolis verlassen. Wie ich sagte, es wird ein Machtkampf ausbrechen, dem viele Getreue des Kaisers zum Opfer fallen werden“.
Nur langsam kamen sie vorwärts. Hunderte Menschen, die ihnen entgegenkamen und in Richtung Mausoleum liefen, verstopften die Straßen. Als Daphnes Haus in Sichtweite kam, rief Germanicus:
„Herrin, seht, Eure Villa ist von kaiserlichen Soldaten umstellt, wir können sie nicht betreten, ohne Euch zu gefährden. Bei wem können wir uns verstecken, bis ich für unsere Rückreise nach Augusta Treverorum alle Vorbereitungen getroffen habe?“
Daphne, die während der Fahrt mit immer blasser werdendem Gesicht zusammengesunken in den Polstern gesessen hatte, richtete sich mühsam auf.
„Es ist möglich, Schutz in der Hagia Eirene bei Erzbischof Antonius zu suchen.“
„Ist der Bischof, ein langjähriger Begleiter und Freund des Kaisers, nicht auch in Gefahr, Herrin? “
„Nein, Germanicus, die fromme Constantiana traut sich nicht, einen heiligen Greis zu erfolgen.“
Die Hagia Eirene, die erste Bischofskirche von Constantinopolis, lag auf der antiken Akropolis, wenige Minuten von Daphnes Haus entfernt. Germanicus klingelte am Tor, und man ließ sie eintreten. Johannes, der Presbyter (Ältester) der Kirche, der zusammen mit Daphne in den vergangenen Jahren für die Bedürftigen Constantinopolis gesorgt hatte, erschrak, als er von dem unverständlichen Rausschmiss aus der Apostelkirche hörte. Er brachte sie in einen kleinen Raum, den Erzbischof Antonius nach kurzer Zeit betrat. Der Bischof war nur ein Häufchen Mensch - krumm und kahl, mit krallenähnlichen Händen. Sein langes Leben hatte seinen Körper zerstört, nur die Augen blickten klar und wach wie bei einem Jüngling.
„Meine liebe Tochter Daphne, ich freue mich, dich zu sehen. Ich kann nicht verstehen, was mir mein lieber Johannes erzählt hat, man hat dich nicht am Trauergottesdienst teilnehmen lassen?“
Kurz berichtete Daphne, was geschehen war.
„Natürlich findest du Schutz bei Mutter Kirche, wir werden dir und deinem Gefolge Zimmer herrichten lassen. Ich habe das befürchtet. Gleich morgen muss ich mit meinem Nachfolger, Bischof Paulus, sprechen. Constantiana und Helena haben ihn zu ihrem Beichtvater erwählt. Er muss versuchen, Einfluss auf die Töchter unseres geliebten Kaisers zu nehmen. Die Verfolgung der Getreuen unseres verstorbenen Freundes muss im Keim erstickt werden.“
Während Gemanicus in der Nacht mithilfe des Presbyters Johannes die Vorbereitungen für die Reise nach Augusta Treverorum traf - die Kirche stellte Reisewagen, Pferde und Proviant zur Verfügung -, zog Daphne sich mit Philomena zurück, um sich auszuruhen. Auf Vorschlag Bischof Antonius´ hatte Germanicus aus Sicherheitsgründen die Reisroute geändert: sie würden den längeren, aber sicheren Landweg in die Heimat nehmen, nicht den Seeweg. Das Schiff würde ohne sie ablegen.
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