Von ihrer Stadtvilla war Daphne begeistert. Das zweistöckige Haus lag an der Hauptstraße der Stadt, am decumanus maximus, schräg gegenüber den Barbarathermen, der größten Therme nördlich der Alpen, und nur wenige Schritte entfernt vom Forum. Im hinteren Teil des mit hohen Bäumen bewachsenen Grundstücks lagen die Sklavenhäuser und der Wirtschaftstrakt. Die ganze Stadt war im Aufbruch, überall wurde gebaut, und den ganzen Tag rumpelten hochbeladene Wagen mit Sand, Steinen und Marmor an der Villa vorbei, die von den Sklaven der Fuhrunternehmer mit so durchdringendem Geschrei gelenkt wurden, dass Daphne nicht ihr gewohntes Mittagsschläfchen halten konnte. Aber nach den einsamen Monaten auf dem Land genoss sie das Stadtleben in vollen Zügen: Das Forum mit seinem Markt und seinen Geschäften, in denen alles angeboten wurde, was ihr Herz begehrte und in den nahen und fernen römischen Provinzen hergestellt wurde, und den neuen Regierungs- und Palastbereich. Beide Orte waren nur ein Häuserblock von ihrer Villa entfernt.
Nur Freundinnen hatte sie nicht gefunden. Die Ehefrauen des Finanzprokurators, der Höflinge und der höheren Beamten waren älter als Daphne und hochnäsig und langweilig. Es gab für diese Damen nichts Wichtigeres, als über ihre lange Ahnenreihe und die hohen Ämter und Privilegien ihrer Familien zu reden, neue Frisuren zu kreieren oder Nachrichten darüber auszutauschen, welche in den unterschiedlichsten Farben funkelnden Seidenstoffe aus Tyros in Augusta Treverorum eingetroffen waren. Wenn diese Themen durchgehechelt waren, gaben sie mit den wunderbaren Eigenschaften ihrer Söhne an, die sie in wenigen Jahren für höchste Ämter im Römischen Reich befähigen würden. Auch vergaßen sie niemals, die aufblühende Schönheit ihrer Töchter zu preisen, die in einer nicht allzu fernen Zukunft einer Kaiserin würdig sein würde und berechtigte Hoffnung auf eine Heirat in die höchsten Kreise machte. Für die letzte Schwärmerei hatte Daphne Verständnis, fand sie doch ihre Claudia schöner und intelligenter als alle anderen Kinder zusammen. Auch vergaßen diese wichtigen Damen nie, leise und hinter vorgehaltener Hand über die kaiserliche Familie herzuziehen. Es war doch zu interessant zu mutmaßen, ob die blauen Flecken auf den Unterarmen von Eutropia von ihrem Ehemann oder vielleicht von einem Liebhaber stammten - war ein Eifersuchtsdrama schuld an den unschönen Hämatomen?
Die Mädchen der römischen Elite wurden früh verheiratet, viele schon im Alter von zwölf Jahren. Bis dahin lebten sie in großen Häusern und Landgütern, kaum beachtet von ihren Eltern, aber verwöhnt von ihren Ammen. Häufig lernten sie nur ungenügend lesen und schreiben. Eine höhere Bildung, wie ihre Brüder sie in Mathematik, Geometrie und Rhetorik bekamen, hielt man für das weibliche Geschlecht nicht für notwendig.
Claudia gedieh prächtig unter der sorgsamen Betreuung ihrer Amme Tullia, einem kräftigen Sklavenmädchen aus Germanien. Bevor sie ein Jahr alt war, hatte sie dicke Backen, konnte sitzen und stehen und wäre schon allzu gern mit ihren noch krummen Beinchen ihrem Vater entgegengelaufen, wenn er ihr Zimmer betrat.
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