Overbeck zog mit spitzen Fingern die durchsichtige Hülle aus dem Umschlag und legte sie in die Mitte des Tisches, so, dass sie alle einen Blick darauf werfen konnten.
„ Frist ab morgen – 13 Tage - keine VG-Fusion – kein Spaß “, las Leni betont langsam vor, was auf dem aus Buchstaben zusammengesetzten Zettel stand. „Können Sie uns erklären, was genau dieser Spruch bedeuten soll?“
„Das ist schnell erklärt“, begann Anders, indem er mit starrem Blick auf den Drohbrief schaute. „Sicherich haben Sie mitbekommen, dass die Landesregierung, also SPD und Grüne die kommunale Landkarte verändern wollen. Also wieder einmal eine Reform. Sie selbst waren auch schon von Reformen betroffen, wie Sie wissen.“
„Sie meinen die Polizeireform? Unnötig wie ein Kropf. Aber fahren Sie fort. Was vorbei ist, ist vorbei.“
„Also wieder eine Reform“, fuhr Anders fort. „Eine Gebietsreform oder anders ausgedrückt, eine Verwaltungsreform. 32 Verbandsgemeinden und verbandsfreie Gemeinden stehen auf einer Liste eines sogenannten vordringlichen Bedarfs und sollen mittelfristig, -was auch immer darunter verstanden wird-, verschwinden. Sie seien zu klein, größere Verwaltungen arbeiteten kostengünstiger, das ist die Begründung.“
„Und was bedeutet das für Sie, für Ihre Dienststelle?“ wagte Leni die Frage. „Was bedeutet das für die Verbandsgemeinden dieser Region?“
„Uns wird dieses Schicksal auch ereilen.“ Anders flüsterte es fast, als er dabei aus dem Fenster sah, als habe er alle die Dinge vor Augen, die seine Verbandsgemeinde ausmachte. „Ich gehe davon aus, dass während meiner Amtszeit in dieser Richtung nichts passiert …“
„Sie stehen vor Ihrer Pension?“, fragte Leni keck.
„Ja, in zwei Jahren ist es so weit. Aber in zwei Jahren finden auch die Kommunalwahlen statt und dann weht ein anderer, ein neuer Wind. Dann interessiert das Geschwätz von gestern nicht mehr. Dann spätesten ist unsere Verbandsgemeinde an der Reihe, um mit anderen zu fusionieren.“
„Womit sich offensichtlich nicht jeder in dieser Region abfinden kann“, sinnierte Overbeck. „Offensichtlich auch nicht dieser Schreiber dort.“ Er zeigte auf den Erpresserbrief. „Aber was verspricht er sich davon? Was kann er damit erreichen?“
„Nichts kann er damit erreichen, außer, dass man über ihn lacht“, antwortete Anders kopfschüttelnd.
„Wenn es ein Psychopath ist, wird er es nicht hinnehmen, dass man über ihn lacht. Gerade dann wird er zu einem Problem. Sie sagten zuvor, er habe auch angerufen? Wann war das?“
„Ja, er hat angerufen. Vor etwa zwei Stunden. Bis dahin dachte ich in meinem Innersten, dass es sich um einen Scherz handelt.“
„Was hat der Anrufer gewollt? Erinnern Sie sich genau. Was hat er gesagt?“
„Was er gesagt hat, na ja, warten Sie mal.“ Anders schien zu überlegen und sich die Worte des Anrufers noch einmal vor Augen, oder besser, zu Ohren zu führen. „Er sagte, dass er mir … nein, er sagte, dass er uns bis morgen 14 Uhr Zeit lassen würde, ihm eine Nachricht über die Website der Verbandsgemeinde zukommen zu lassen. Mit uns meinte er mich und die Beamten des Ministeriums.“
„Was bedeutet das?“, fragte Overbeck stirnrunzelnd. „Welche Beamte des Ministeriums?“
„Es ist … es ist ein reiner Zufall, dass die beiden Herren heute Morgen in einer gänzlich anderen Angelegenheit hier vorsprachen. Eigentlich konnte der Anrufer es doch gar nicht wissen.“
„Aber er wusste es“, fragte Leni, die dabei war, sich einige Notizen zu machen.
„Ja, er wusste es. Am Telefon ging er auf die beiden Beamten ein. Ich solle die Gelegenheit ihrer Anwesenheit nutzen, sagte er, also war er informiert.“
Overbeck griff in seine Hosentasche und zog ein einzelnes Bonbon heraus, das er langsam aus dem Papier wickelte und dann in den Mund steckte. „Haben Sie einen Verdacht, wer die Person sein könnte?“, fragte er unvermittelt.
„Ich … nein. Ich habe nicht den blassesten Schimmer. Ich sagte doch bereits, die Stimme war verstellt oder entfremdet.“
„Ich stelle die Frage einmal anders“, sagte Overbeck gedehnt, wobei er während der einzelnen Worte sein Bonbon im Mund hin und her rollen ließ. „Halten Sie es für möglich, dass jemand aus Ihrer Dienststelle …?“
„Jemand meiner Leute?“ Anders schien schockiert. „Einer meiner Mitarbeiter? Unmöglich. Nein, nein, für jeden einzelnen lege ich meine Hand ins Feuer.“
„Nach solchen Aussagen hat es schon jede Menge Brandwunden gegeben“, gab Overbeck zu bedenken. „Denken Sie mal darüber nach. Hier ist meine Karte. Sie können mich gerne jederzeit anrufen, oder Frau Schiffmann. Sie wohnt ja hier im Ort.“
Wenn der Blick, den Leni mit einem winzigen Augenaufschlag zu Overbeck schickte, Verletzungen hätte verursachen können, wäre das Erscheinen eines Krankenwagens sicherlich vonnöten gewesen.
„Und was tun Sie jetzt?“, fragte Anders erwartungsvoll. „Was passiert denn jetzt?“
Overbeck überlegte kurz ehe er antwortete. „Was würden Sie den tun, wenn ein unbekannter Täter zu einer unbekannten Zeit etwas völlig Unbekanntes zu tun vorhat? Was ich damit meine ist, dass wir abwarten müssen. Ich beauftrage noch heute Abend ein paar Kollegen von der Technik, die eine telefonische Fangschaltung installieren. Vielleicht finden wir so den Anschluss des Anrufers heraus. Wenn er aber clever ist, wird er weder von seinen Telefonapparat noch von seinem Handy anrufen, letzteres wegen einer möglichen Ortung durch uns. Aber vielleicht ist sein Intellekt ja so dürftig, das er an diese Dinge nicht denkt. In diesem Fall würde ich sagen, dass wir schon morgen mit einer Festnahme rechnen können. Andernfalls …“
„Andernfalls folgen ab morgen Konsequenzen“, stöhnte Anders.
„Von denen wir nicht wissen, wie sie aussehen werden. Ich mache Ihnen einen Vorschlag. Morgen zu Dienstbeginn soll Ihr Administrator eine Meldung auf Ihrer Website eintragen. Vielleicht mit diesem Inhalt: Die Zeit ist zu knapp, wir werden uns bemühen. Melden uns wieder , oder ähnlich. Sie müssen den Anrufer hinhalten. Wir brauchen Zeit und vor allem Anhaltspunkte. Halten Sie den Mann hin, wenn er wieder anruft. Die Kollegen werden Sie instruieren bezüglich der Fangschaltung. Wir werden uns morgen wieder bei Ihnen melden.“
„Ich frage mich, wie die Konsequenzen aussehen, mit denen der Anrufer gedroht hat“, fragte Leni, als sie wieder draußen vor dem Amt standen. „Will er die Verwaltung in die Luft sprengen oder anzünden?“
„Vielleicht will er ja den Bürgermeister entführen“ lächelte Overbeck, um gleich wieder ernst zu werden.
„Eines verstehe ich nicht an seinem System. Normalerweise wird erst jemand entführt, dann werden die Forderungen gestellt. Unser Erpresser schlägt da einen völlig anderen Weg ein. Wir haben es hier nicht einmal mit einer versuchten Erpressung zu tun. Eine Nötigung, das ja. Aber ich habe das dumpfe Gefühl, dass der Straftatbestand ganz schnell in eine Erpressung umschlagen kann.“ Dann blieb er stehen und sah Leni direkt an. „Und was meint er mit den 13 Tagen?“
„Wir werden es erfahren“, antwortete Leni. Und leise, so, dass es nur Overbeck hören konnte: „Ich mache dir einen Vorschlag. Du rufst die Dienststelle an und orderst die Fangschaltung. Dann sehen wir zu, dass wir heue Abend im Hochwaldstübchen etwas zu essen bekommen. Auch ein kleines Bier oder zwei müssten drin sein“. Leni lachte. „Schließlich muss ich ja heute nicht mehr Auto fahren.“
Montag, 20:00 Uhr,
Forstenau, „Hochwaldstübchen“
Montag im Hochwaldstübchen, das bedeutete einen vollbesetzten Stammtisch. Schon als sie die Treppe zu er kleinen aber gemütlichen Kneipe hinaufstiegen, hörten sie die Diskussionen durch die offenstehende Gaststättentür. Es war schwülwarm an diesem Juliabend und hätte das Hochwaldstübchen eine Terrasse gehabt, wäre sie heute vollbesetzt gewesen.
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