Verena Becker erschien erneut in der Tür. „Er ist weg.“
Anders atmete durch. „Gott sei Dank!“ Dann schien er einen Entschluss getroffen zu haben, denn mit fester Stimme sagte er: „Frau Becker, verbinden Sie mich mit der Polizei!“
Montag, 13:30 Uhr,
Trier, Kommissariat
„Mahlzeit!“
Mit mürrischer Miene betrat Hauptkommissar Overbeck sein Büro in der fünften Etage des Trierer Polizeipräsidiums und ließ die Tür hinter sich geräuschvoll ins Schloss fallen. Seine kräftige jugendliche Erscheinung mit dem normalerweise frohen Gesichtsausdruck kam heute eher schleppend daher. Wäre da nicht sein nach hinten gekämmtes und zum Zopf gebundenes blondes Haar, das ein Runzeln der Stirnhaut kaum möglich machte, wäre seine betrübte Miene vollkommen gewesen. Heute hatte er am Morgen freigemacht und Überstunden abgefeiert. Dann war er noch einer dienstlichen Angelegenheit in der Stadt nachgegangen und wollte nun die letzten Stunden des Tages ruhig hinter sich bringen.
„Au weia. Da geht es einem aber gar nicht gut.“
Die Stimme kam aus Richtung der beiden Schreibtische, die sich in dem Büro schräg gegenüber standen und gehörte Leni Schiffmann, deren Anblick offensichtlich auch nichts an der Laune Overbecks ändern konnte. Leni trug heute ihr brünettes, leicht welliges Haar offen, so dass die Spitzen ihre Schultern berühren. Sie hatte ein leichtes Rouge aufgelegt, gerade so viel, wie der kriminalpolizeiliche Dienstherr es zuließ, was ihr schönes Gesicht mit den leicht hervorstehenden Backenknochen und den vollen Lippen richtig zur Geltung kommen ließ. Eine locker getragene helle Bluse rundete die obere Erscheinung Lenis –mehr konnte Overbeck momentan hinter dem Schreibtisch nicht ausmachen- ab.
„Probleme?“, versuchte sie es noch einmal, doch Overbeck hatte sich bereit seiner ledernen Trainingspuppe zugewandt, die er am Ende des doch sehr großen Büros aufgestellt hatte, zugewandt. Dann hagelte es plötzlich Faustschläge, Tritte und Ellbogenstöße auf das schmerzunempfindliche künstliche Pendent eines Menschen und das Klatschen der Treffer hallte durch den Raum.
Leni hatte sich inzwischen an dieses Ritual gewöhnt. Ja, es war allmählich zu einem Ritual geworden, was Overbeck dort anstellte. Immer, wenn es ein Problem gab oder wenn seine Laune auf dem Nullpunkt gefallen war, musste der arme Kerl in der Ecke dran glauben. Er stand dort, seit Overbeck das erste Mal die Dienststelle betreten und Leni erfahren hatte, dass ihr Kollege ein Kampfsportler war. Karate, Aikido und andere Kampfsportarten beherrschte er und er hatte sogar ein eigenes Studio in Trier, wo er sein Können weitervermittelte.
Sogar Leni hatte anfangs geglaubt, dass dieser Sport der richtige für sie sei, doch dann hatte sie es aufgegeben. Nicht allein aus dem Grund, dass sie keine Lust mehr dazu gehabt hätte, vielmehr waren es die ständigen Einsätze, die sie entweder vom Training fernhielten oder sie aus dem Dojo abriefen.
Overbeck hörte auf, auf die Puppe einzuschlagen und schlich zu seinem Schreibtisch. Meist ging es ihm nach einer solchen Aktion besser, doch heute war das anders.
„Der Jogi hat uns die EM gekostet“, fuhr es plötzlich aus ihm heraus und er packte seine dunkelblaue Jeans am Gürtel und brachte sie mit einem Ruck wieder in die Lage, die sie vor seinem sportlichen Ausbruch hatte.
„Es war die falsche Aufstellung. Ganz Deutschland hat es so gesehen, schon beim Einlaufen der Mannschaft, nur der Jogi nicht. Und die Nationalhymne! So, wie sie gesungen haben, genauso haben sie gespielt. So ein verfluchter Mist.“
Leni grinste. „Ach, daher weht der Wind. Der Herr kann nicht verkraften, dass Spanien Europameister geworden ist. Mensch, Overbeck, das ist doch nur ein Fußballspiel. Und es ist doch schon einige Zeit vergangen. Man muss auch vergessen können“, frotzelte Leni. „In zwei Jahren wird es besser, bei der WM. Neues Spiel – neues Glück.“
„Nur ein Fußballspiel, sagst du. Eine EM ist nicht nur ein Fußballspiel. Die Fahnen an den Häusern, den Autos … Leni, das ist mehr … das ist …“
„Guten Morgen zusammen. Ich hoffe, ich störe nicht allzu sehr. Aber nein, wie ich mitbekommen habe, ging es ja nur um Fußball. Wie man sich für so etwas interessieren kann. Da wüsste ich Sinnvolleres.“
Kriminaloberrat Peter Krauss stand in der Tür und hätte er direkt in das Gesicht von Overbeck, der sich zum Fenster gedreht hatte und auf die Stadt Trier hinaussah, sehen können, wären ihm die Worte im Hals steckengeblieben. So aber fuhr er fort:
„Kaum hat das Nachlaufen nach dem Ball ein Ende, hat die Bevölkerung wieder Zeit, sich auf andere Dinge zu konzentrieren … was nicht heißt, dass es immer bessere Dinge sind.“ Dann wechselte er das Thema uns Overbeck schien es, als wolle er das Thema Fußball mit einer lästigen Körperbewegung abschütteln.
„Meine Herrschaften, es gibt Arbeit für Sie.“ Krauss wartete einen Moment, um die Aufmerksamkeit auf sich gerichtet zu sehen. Leni schaute erwartungsvoll zu ihm auf Overbeck drehte sich langsam in seine Richtung um.
„Was ist denn mit Ihnen, Kollege Overbeck?“, entfuhr es Krauss, als er in das Gesicht seines Gegenübers schauen konnte. „Und in naivem Ton fuhr er fort: „Sind Sie krank? Doch hoffentlich nicht. Sie werden gebraucht. Heute. Für einen neuen Fall.“
„Ich … bin … nicht … krank!“ Overbeck ging zu seinem Schreibtisch und ließ sich auf seinen Bürosessel fallen, der sich aufgrund dieser unerwarteten Maßnahme mit einem stöhnenden Geräusch beschwerte. Er versuchte, seine Aufregung zu dämmen, denn er wusste, dass Kraus der falscheste Ansprechpartner war, den es nur geben konnte, das eigentliche Problem zu diskutieren.
„Mir geht es gut … die Hitze … mehr nicht.“
„Das freut mich sehr“, frohlockte Krauss. „Ich dachte schon, Sie seien einer von denen, die einem verlorenen Fußballspiel nachtrauern. Dinge gibt es. Na, ja.“
Overbeck lächelte Krauss breit und schweigend an, dass dieser seine Backenzähne bewundern konnte. Hätte der aber in seine Augen gesehen, wäre ein Blitz durch seinen Körper gefahren und hätte ihn dahingerafft.
„Eine Erpressung“, begann Krauss, für den das Thema Fußball bereits zu den zu schreddernden Akten gelegt war. In Forstenau. Eine etwas pikante Angelegenheit. Das Rathaus … die Verwaltung der Verbandsgemeinde … wie soll ich es sagen? Der Bürgermeister hat einen Drohbrief erhalten.“
„Man will ihn erpressen?“, fragte Leni und erhob sich. Sie wusste: es ging gleich los. „Was verlangt der Erpresser?“
„Na, ja, so einfach ist es nicht. Die Erpressung richtet sich nicht gegen seine Person, sie richtet sich eher gegen … eine Sache.“
„Gegen eine Sache? Wie soll das gehen?“ Krauss sah das ungläubige Staunen in Lenis Gesicht.
„Nun, irgendwie geht es schon gegen Personen … aber auch gegen eine Sache. Ich werde es Ihnen erklären, wobei ich hoffe, dass ich das Problem richtig verstanden habe. Da gibt es jemanden hier in unserer Region, der will verhindern, dass es zu der angestrebten Verwaltungsreform kommt. Ich gehe davon aus, Sie sind über diese Reform informiert?“
Krauss machte eine Kunstpause und wartete auf eine Zustimmung der beiden Kollegen.
Leni nickte nur mit dem Kopf und Overbeck gab zu verstehen, dass er wohl wisse, was eine Verwaltungsreform ist und was es mit ihrem Sinn oder Nichtsinn auf sich habe.
„Also“, fuhr Krauss fort, „Dem Bürgermeister der Verbandsgemeinde Forstenau, dessen Amtssitz ja bekanntlich Forstenau ist -Frau Schiffmann kennt sich dort ja bestens aus, ist schließlich ihr Wohnort- dieser Bürgermeister hat ein anonymes Schreiben erhalten, dass er die anstehende Gebiets-Reform unter allem Umständen verhindern müsse.“
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