Der Grund des hohen Besuchs war ein gänzlich anderer und eigentlich irrelevant für die weiteren Ausführungen, weshalb wir an dieser Stelle auch großzügig darauf verzichten wollen.
Als die beiden Abgesandten des Ministeriums endlich eingetroffen waren, verliefen die ersten Gespräche in geordneten Bahnen. Höflichkeitsfloskeln wurden ausgetauscht und schließlich näherte man sich dem eigentlichen Thema, dessen Ergebnis eigentlich nur eine Formsache darstellte.
Verena Becker, eine attraktive Mittvierzigern mit strenger Frisur –die schwarzen Haare hatte sie zu einem Knoten gebunden, der schwarze Rock und die weiße Bluse betonten ihre üppige Figur-, war Sekretärin und rechte Hand von Anders. Sie unterbrach die Besprechung ihres Chefs und den beiden Herren aus dem Ministerium genau zweimal. Zum einen brachte sie ein Tablett mit Tassen, Zucker und Milch und einer Kanne heißen Kaffees und erntete dafür ein dankbares Lächeln der Mainzer Delegation. Als sie das zweite Mal den Raum betrat, was in keinem Fall ohne einen triftigen Grund passiert wäre, sah die Runde in ihrem Gesicht etwas, das an Ernsthaftigkeit kaum noch zu überbieten war.
Sie schloss die mit einem Polster zur Geräuschdämmung versehene Tür, denn im Sekretariat tauchten im Laufe eines Arbeitstages zahlreiche Vertreter politischer Gremien auf, um Gespräche der verschiedensten Kategorien mit dem Bürgermeister zu führen. Die Ortsbürgermeister der insgesamt 13 Gemeinden innerhalb der Verbandsgemeinde gaben sich dabei die Tür in die Hand. Manche kamen öfter, offensichtlich, weil die Last, die sie sich selbst auferlegt hatten, sie zu erdrücken schien und sie Hilfe vor Ort benötigten. Aber auch diejenigen Ratsmitglieder, die sich von ihren eigenen Leuten verraten und verfolgt fühlten und aus diesem Grund zu einem Scharmützel geblasen hatten, kamen, um sich Schützenhilfe beim Bürgermeister zu erbeten. Dass sie im Laufe der Zeit aus dem Scharmützel einen Krieg vom Zaun brachen, an dessen Folgen sie selbst am meisten zu leiden hatten, bemerkten sie dabei oftmals kaum. Auch wenn die Presse mit scharfen Zungen ihrer immer wieder gedachte, waren sie selten bereit, andere Wege einzuschlagen. Selbst wenn der Bürger, der sie um ihrer Fähigkeiten Willen in den Rat gewählt hatten, erkennen ließ, dass es doch nun genug der Farce sei, hielten sie an der eigenen Meinung fest und schafften lieber einen Abstand zwischen sich und denen, die da völlig anderer Meinung waren.
Doch zurück zur eigentlichen Situation im Bürgermeisteramt: Verena Becker also legte mit ernster Miene wortlos einen braunen Briefumschlag von der Größe eines DIN a 4-Papiers vor Bürgermeister Anders auf dem Tisch ab. Doch sie machte keine Anstalten, den Raum wieder zu verlassen, wie es ihr der Anstand sonst immer geboten hatte. Der Grund lag auf der Hand. Sie hatte den Umschlag, wie sie es mit der täglichen Post an allen Tagen der Woche handhabte, geöffnet, um den Inhalt wie sonst, meist einen Antrag oder eine Beschwerde, in die Unterschriftenmappe zu geben, um sie dem Chef vorzulegen. Dafür war heute keine Zeit, wie sie selbst nach Einsicht in den Inhalt beschloss. Erwartungsvoll wartete sie auf die Reaktion des Bürgermeisters.
„Was ist das?“ Voller Erstaunen blickte Anders auf den Zettel, den er aus dem Umschlag ans Tageslicht beförderte, um noch einmal, dieses Mal mit einem erschreckten Tonfall zu wiederholen: „Was zum Teufel ist das?“
„Wahrscheinlich ein Scherz“, versuchte die Sekretärin beruhigend auf ihn einzuwirken, doch ihre Stimme zitterte, während sie starr auf den Umschlag auf dem Tisch sah. „Vielleicht …“ Ihre Stimme versagte.
Anders schien sie nicht zu hören. Er starrte auf das Blatt Papier, das er halb aus dem Umschlag herausgezogen hatte und schob es langsam wieder in das Innere zurück.
„Ein Drohbrief“, sagte er mit leiser Stimme und sah von einem zum anderen der Mainzer Delegation. „Irgendein Verrückter schickt mir einen Drohbrief.“
„Ein Drohbrief?“ Der ältere der beidem Männer aus dem Ministerium, ein kleiner untersetzter Mittvierziger mit lichtem blonden Haar mit dem unaussprechlichen Namen Czypansicz, Martin Czypansicz –seine Familie war offensichtlich polnischer Abstammung- riss die Augen auf und sah Anders fragend an. „Ein Drohbrief? Gegen Ihre Person? Gegen Sie persönlich?“ Dass er die Frage in ihrem Sinn verdoppelte, schien ihm seine Aussage attraktiver zu machen und seine weit geöffneten runden Augen trugen ihr Übriges dazu bei. Und dann wagte er eine leise Frage: „Was schreibt er denn?“
„Ich möchte den Brief nicht noch einmal anfassen, bevor ich die Polizei informiert habe“, brummte Anders zurück, doch seine Gedanken schienen weit weg. Was zum Teufel soll das bedeuten? Wer schreibt mir einen Drohbrief? Aus Zeitschriften ausgeschnittene Buchstaben auf einem Blatt Papier zu einem Wortgefüge aneinandergeklebt? Meine Zeit auf diesem Amt in dieser Position ist bald auf natürliche Weise beendet. Das wird man doch wohl noch abwarten können!“
Laut sagte er: „Also gut, ich werde zumindest nachsehen, was darauf geschrieben steht.“ Er nahm ein sauberes, seidenes Taschentuch aus seiner inneren Jackentasche, faltete es behäbig auseinander und fasste es mit Daumen und Zeigefinder, so, dass der Stoff die Hautschicht der Finger von außen abschirmte. Dann griff er in den Umschlag und zog das Papier bis zur Hälfte heraus. Es reichte, um zu lesen, was darauf geschrieben, ja, besser gesagt, darauf montiert war: Frist ab morgen! 13 Tage Keine VG-Fusion Kein Spass .
„Eine Kunststoffhülle“, kam es fast lautlos über seine Lippen.
Verena Becker stand immer noch bewegungslos da und starrte auf den Umschlag und den halb herausgezogenen Zettel.
„Eine Kunststoffhülle oder etwas ähnliches, bitte!“ Sein Ton verschärfte sich um einen Deut und seine Sekretärin machte eilte davon, um das Gewünschte herbeizubringen. Czypansicz und sein Kollege sahen sich schweigend an und harrten der Dinge, die da kommen sollten.
Verena Becker brachte den gewünschten durchsichtigen Umschlag und vorsichtig verstaute Anders das Schreiben und den Umschlag darin. Dann legte er die Hülle in der Mitte des Tisches ab, so dass jeder der Anwesenden einen Blick darauf werfen konnte.
„Da hat jemand etwas gegen die neue Verwaltungsreform“, kicherte der Kollege von Czypansicz, den Anders bei der Begrüßung mit Harald Breuer angesprochen hatte. Doch er verstummte sogleich, als er die vorwurfsvollen Blicke der beiden Männer auf sich gerichtet sah.
„Der hat sie nicht alle“, brachte Anders trocken heraus. „Ein Psychopath.“
„Wenn es ein Mann ist.“ Czypansicz beuge sich über den Tisch, um das Schreiben aus der Nähe in Augenschein zu nehmen.
„Wollen Sie damit andeuten, dass Sie erkennen, dass es sich bei dem Schreiber um eine Frau handelt?“, fragte Anders kopfschüttelnd und mit Falten auf der Stirn. Sein Schnurrbart, der inzwischen die weiße Farbe seiner kurzgeschnittenen Haare angenommen hatte, zuckte leicht.
„Ich will damit sagen, dass es nicht unbedingt ein Mann sein muss. Es kann auch eine Frau geschrieben haben.“
„Niemand hat hier etwas geschrieben. Geschnitten wurde hier. Mehr nicht. Und wenn ich mir den Inhalt so betrachte, kommt mir die Idee, dass es nicht unbedingt ein Erwachsener gewesen sein muss.“
„Sie meinen, ein Kind hat diesen Brief geschr … die Buchstaben ausgeschnitten und aufgeklebt? Ich weiß nicht. Aber eines weiß ich: Sie sollten jetzt die Polizei verständigen.“
Anders schnappte sich die Folie mit dem Schreiben und schob beides in den Briefumschlag zurück. „Das mit der Polizei hat Zeit. Was soll das Ganze? Es kann sich doch nur um einen Streich handeln. Niemand wird ernsthaft verlangen wollen, dass eine angestrebte Reform wegen einer solchen Drohung ad acta gelegt wird. Sie werden sehen, es werden keine weitere Reaktionen mehr kommen.“
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