Seine Hände beben, als die Schere durch das dünne Papier der Tageszeitung, den Trierischen Volksfreund, gleitet und einzelne Buchstaben, mal große und mal weniger große ausschneidet. Nicht, dass er die Buchstaben in seiner Form aus dem Papier trennt, er schneidet sie vielmehr mit einem ein Quadrat umfassendes Umfeld aus. Hat er einen Buchstaben aus seinem lesbaren Inhalt gelöst, legt er ihn in den Deckel eines Schuhkartons, den er auf einem Stuhl platziert, ehe er sich dem nächsten Wortteil zuwendet.
Das Zittern seiner Hände lässt nicht nach, ebenso wenig wie seine Aufregung, die kausal zu der Unruhe seiner Extremitäten steht, die seine innere Verfassung nach außen trägt. Ab und zu legt er die Schere auf dem Tisch ab, reibt sich die Hände, um das Blut, das die Öffnungen der Scherenhaltung zeitweise in seinem natürlichen Fluss zurückgehalten hat, wieder zirkulieren zu lassen und streckt die Arme von sich, um sich dabei selbst über seinen erregten Zustand zu wundern. Gleichzeitig stößt er böse Verwünschungen aus, auf die er auch nicht während der Ausschneide-Arbeiten verzichtet.
Er betrachtet noch einmal das wüste Durcheinander auf dem Tisch, die teils zerschnittenen, teils zerfetzten Zeitungen, dann wendet er seinen Blick von ihm ab, geht zum Fenster und sieht in den regnerischen Nachmittag hinaus. Während im Fernseher im Nebenraum wiederum oder immer noch über die seit Monaten vergangene Fußball-Europameisterschaft berichtet wird und der Reporter zum hundertsten Mal bedauert, dass die deutsche Mannschaft trotz guter Leistungen im Halbfinale ausgeschieden ist und dass Spanien ein würdiger Gewinner des Turniers sei, schaut er durch die teils beschlagene, teil verschmutzte Scheibe auf das satte Grün der Bäume, deren Blätter durch den Aufprall der Regentropfen auf und niederwippen. Sein Blick gleitet über die satten grünen Wiesen, die Weiden, die sich hinter seinem Haus erstreckten, bis hin zu dem langgezogenen Fichtenhain, der sich bis in die Nachbarortschaften der Hochwaldgemeinde, seines Heimatortes, erstreckt.
Er wohnt am Rande des Ortes, dessen Anzahl der Einwohner noch überblickbar ist, wo einer den anderen kennt, jeder mit jedem ein gutes Verhältnis hat. Nein, nicht mit jedem. Er selbst zum Beispiel hat ein solches mit diesen andern nicht. Er will es auch nicht. In seinen Augen kriechen die meisten von ihnen der Obrigkeit zu Kreuze, sind Ja-Sager und Kopfnicker. Wird etwas von oben her beschlossen, finden sie sich meist mit der neuen Situation ab und wechseln ihre Meinung so schnell wie ein Chamäleon seine Farbe.
Das ist nicht seine Welt. Und so ist es auch kein Wunder, dass man ihn als politischen Außenseiter betrachtet, und man lässt es ihn auch spüren. Als er sich vor Jahren sein eigenes Haus mehr oder weniger mit seiner Hände Arbeit errichtete, hatte er niemanden, der ihm wirklich dabei half. Damals, vor rund zehn Jahren, war er vierzig gewesen. Eine eigene Familie mit Kindern hat er nie besessen, die Frau, die ihn nach rund fünf Jahren verlassen hatte, zählt er nicht dazu. Aber er ist immer noch zurechtgekommen, hier, in diesem Ort, mit den Menschen, von denen er keinen als seinen Freund betrachtet. Dennoch ist ihm das Geschehen außerhalb seiner vier Wände außerordentlich wichtig. Die große Politik verfolgt er im Fernsehen und in der Tageszeitung und es schnürt ihm den Hals zu, wenn Entscheidungen herbeigeführt werden, die in keiner Weise seine Zustimmung finden, weil es für ihn keine nachvollziehbare Erklärung dafür gibt. Aber er muss diese Entscheidungen als Bürger des Landes hinnehmen und wenn ihn dann die Wut überkommt, geschieht dies ausschließlich in seinen eigenen vier Wänden. Dann tobt er und verflucht die gesamte politische Landschaft und lässt seinen Zorn von oberster Ebene hinabgleiten bis in die unterste Basis. Dann schreitet er zornentbrannt in seinem Wohnraum hin und her, flucht vor sich hin, beschimpft diejenigen, die sich auf der Mattscheibe seines Fernsehers redeschwingend zeigen und nicht allzu selten hat er Rachegedanken und Pläne geschmiedet, auf welche Weise er selbst in die Entscheidung würde Einfluss nehmen können. Und da bekanntlicherweise der Krug so lange zum Brunnen geht, bis er bricht, bewahrheitet sich auch in seinem Falle nun endlich das Sprichwort. Er hat es satt. Jetzt ist es genug. Nun betrifft es ihn auch. Es betrifft ihn in einer Art und Weise, die er persönlich nimmt.
Er wendet seinen Blick, der nun nicht mehr auf die Wiesen und Wälder des vorderen Hunsrücks gerichtet ist, sondern durch alles, was vor ihm liegt, durchzusehen scheint, ab, dreht sich um, geht zu seiner schwarzen Ledercouch hinüber und bleibt davor stehen. Dort liegen ebenfalls aus Zeitungen herausgeschnittene Teile, die jedoch nicht dazu dienen, einzelne Buchstaben zu verwerten. Die Zeitungen, die er nebeneinander über die gesamte Sitzfläche verteilt hat, geben inhaltlich Schlagzeilen über ein bestimmtes Thema preis:
„ Ab Juli droht Verbandsgemeinden in der Region die Zwangshochzeit“
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„ Vor Ort gibt es Protest gegen Fusionen. Aber CDU-Chefin Julia Klöckner schlägt Gespräche vor, um parteiübergreifend ein Konzept zu entwickeln.“
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„ Hermeskeiler machen neuen Heiratsantrag.“
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„ Reinsfelder geben Nachbar-Verbandsgemeinde einen Korb.“
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„ Verbandsgemeinde will ihrem Kampf ums Überleben mit einer Bürgerumfrage Nachdruck verleihen.“
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„ CDU Mandern hält Fusion mit Nachbar-VG Ruwer für beste Lösung.“
Man will uns verkaufen , flüstert der Mann, während seine Blicke über die Schlagzeilen flogen, von einer zur anderen und wieder zurück. Dann schreit er: Ihr wollt über uns bestimmen wie über ein Ferkel, das ihr zur Schlachtbank führt! Verwaltungsreform nennt ihr das, wenn ihr uns die Selbstständigkeit nehmt ! Was wir uns aufgebaut und errichtet haben, das sollen nun andere als ihr Eigen betrachten und damit repräsentieren? Wir werden nur noch das fünfte Rad am Wagen sein, Hinzukömmlinge, die auf Almosen angewiesen ist! Man wird es uns spüren lassen, dass wir nicht dazugehören!
Die Stimme des Mannes wird leiser. Ich werde es verhindern, flüstert er nun. Ihr da oben werdet tun, was ich sage. Und wenn ihr es nicht tut, werden jene leiden, die ihre Köpfe in eure Richtung drehen und mit glänzenden Augen bestätigend nicken.
Der Mann wendet sich wieder seiner Puzzlearbeit zu, schneidet mit hektischen Bewegungen weitere Buchstaben aus der Zeitung aus. Nach einiger Zeit hält er inne. Dann nickt er bestätigend, nimmt einen weißen Papierbogen und ordnet die Fragmente so aneinander, dass sie für ihn einen Sinn ergeben.
Seine Augen beginnen zu funkeln und ein diabolisches Grinsen legt sich über sein Gesicht. Das Spiel kann beginnen , kommt es schließlich über seine Lippen und ein lautes Lachen, von dem seine grauen Augen verschont bleiben, hallt durch den Raum. „Ihr werdet meinem Fingerzeig folgen!“
Montag, 10 Uhr,
Forstenau, Bürgermeisteramt
Kaffeeduft durchzog den vom Eingang her gesehenen rechten Bereich des Trakts im Erdgeschoss der Verbandsgemeinde-Verwaltung von Forstenau und das Brabbeln der dafür verantwortlichen Maschine wurde zum Ende hin stärker und lauter, ehe es langsam verebbte. Es klang, als wollte sich die Maschine gegen die Vollendung der kulinarischen Maßnahme wehren, um sich schlussendlich doch in ihr Schicksal zu ergeben.
Die Verbindungstür des Sekretariats zum Chefzimmer stand weit offen, denn Bürgermeister Walter Anders erwartete eine Delegation aus dem Mainzer Ministerium des Innern, Sport und Infrastruktur. Thema der heutigen Besprechung war nicht die schon lange im Raum stehende Verwaltungsreform, diese Diskussionen trugen die Mitarbeiter des Ministeriums nicht in untergebene Dienststellen. Was dieses Thema betraf, beobachtete man die Wirkung der drohenden Vereinigungen abwartend von oben herab, jeden Trend, gleich in welche Richtung beobachtend und festhaltend für eine spätere Verwertung.
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