»Und was ist die Bedeutung dieser Bäume?«
»Das kommt irgendwie von den Germanen und hat mit Fruchtbarkeit zu tun.«
Was mir sofort einleuchtet. Diese Jahreszeit strotzt nur so vor Fruchtbarkeit. Kein Wunder, dass auch Jungs und Mädels ihre Kraft und Zuneigung unter Beweis stellen.
Maren spielt an ihrem Handy herum. So macht sie es immer. Wenn sie etwas wissen will, googelt sie. Und sie will viel wissen und interessiert sich für alles Mögliche.
»Schau hier. Früher gab es noch viel mehr Pfingstbräuche. Die waren überall verschieden. Jedenfalls galt Pfingsten auf dem Land als schönstes Fest des Jahres. Die Mägde haben am frühen Morgen noch vor dem Melken einen geschmückten Pfingstbusch ans Fenster genagelt bekommen. Oh!« sie lacht laut auf. »Wenn sie faul waren, bekamen sie statt des frischen Baumes einen trockenen Besen!«
Ich nehme mir vor, meiner Liebsten am Pfingstsamstag einen frischen Maibaum vor die Tür zu stellen. Einen Besen haben wir schon und sie verdient ihn nicht! Hoffentlich vergesse ich meinen Vorsatz nicht ...
Plötzlich und schrill heult die Sirene.
Ist heute Montag? Am Montagmittag gibt es jeweils einen Probealarm, wohl damit die Sirene nicht einrostet. Jedes Mal zucke ich zusammen und der Warnton zieht wie ein stechender Schmerz durch alle meine Glieder. Nein, heute ist Mittwoch, abends gegen neun.
Ich arbeite gerade in meinem Kellerbüro an einem Artikel über ein Konzert im Alten Lichtspielhaus. Ein engagierter Zahnarzt hat eine Initiative gegründet und im ehemaligen Kinosaal des Nachbarortes einen Kulturtreff eingerichtet. Die »Line Walkers«, eine Cover-Band, imitiert Johnny Cash und hat den wegen Corona etwas reduziert im Saal verteilten Zuschauern gestern unglaublich eingeheizt. Obwohl Tanzen, Mitsingen und Jubelstürme nicht erlaubt waren, fühlte man sich zurückversetzt in die sechziger oder siebziger Jahre. Auch ich war fasziniert. Es war überraschend, wie viele der Hits des »King of Country« ich bereits kannte. »Wenn ich die Augen schließe, meine ich, Jonny Cash sei auferstanden«. So sagte es mein ebenfalls begeisterter Sitznachbar, ein Jungsenior, vermutlich wie ich Anfang der Sechziger. Richtig gut, diese Truppe! Gerade tippe ich den Titel eines der Hits des »Man in Black« in meine Tastatur: »Ring of fire«.
Da heult also die Sirene auf dem Dach des Tagungshauses gegenüber der Kirche los. Feuer!
Ich ahne, was jetzt an unserer kleinen Feuerwehrstation neben dem Friedhof los ist. Vermutlich ist Gerd Meyer, ein Mittvierziger aus der Nachbarschaft, wieder als erster bei den Fahrzeugen. Er ist Truppführer bei der freiwilligen Feuerwehr von Himmelstal. Sein Chef, Ortsbrandmeister Enno Dieckmann hat mir erzählt, dass Gerd manchmal sogar auf Socken und in Boxershorts angelaufen kommt, direkt in die Ausrüstung steigt und dann sein Fahrzeug schon mal vor die Halle fährt. Ein Pfundskerl, dieser Gerd, und zuverlässig dazu. Kurz nach ihm werden auch die anderen da sein, sich umziehen, noch Reste an Ausrüstung einpacken und los geht‹s.
Kurz nachdem ich Anfang des Jahres nach Himmelstal gezogen war, brannte es das erste Mal. Ich glaube, es war in der zweiten Februarhälfte. Es war ein alter Bootsschuppen neben einem Teich. Als die Feuerwehr eingetroffen war, gab es nichts mehr zu retten. »Vermutlich Brandstiftung«, informierte mich der Ortsbrandmeister. Ich habe nur eine winzige Meldung geschrieben, nicht einmal ein Foto gemacht. Da gab es auch nichts mehr zu fotografieren. Der morsche Schuppen mit einem löchrigen Ruderboot darin war nur noch ein Haufen Asche. Zum Glück hatten sie eine große, knorrige Trauerweide daneben gerettet und damit auch das Wohnhaus abgesichert. Wenn man den Qualm erst später entdeckt hätte, wäre ein viel schlimmerer Ausgang möglich gewesen. Etwa eine Woche danach habe ich noch mal nachgefragt. »Na ja, die Polizei war da und hat im Schutt herumgestochert«, meinte Enno, der mir, wie in diesem himmlischen Dorf offenbar üblich, gleich bei der ersten Begegnung das Du angeboten hatte, »aber die haben auch keine Spur gefunden. Und niemand hat etwas gesehen.« Damit war die Sache damals zunächst erledigt gewesen.
Ich höre jetzt weitere Sirenen, zuerst aus dem Nachbarort, dann von Feuerwehrfahrzeugen. Der Kampf um Ruhm und Ehre hat begonnen. Ich weiß, dass nun mindestens drei Dörfer darum ringen, als erste am Brandort zu sein. Es ist der ganze Stolz freiwilliger Feuerwehren, schnell und konsequent ganz vorne mitzumischen ... Man kann das kritisch sehen, sich aber auch darüber freuen. Sie beeilen sich definitiv.
Ich greife zum Telefon. Enno hat mir seine Mobilnummer gegeben. Er nimmt sofort ab. Im Hintergrund höre ich die Sirene des Fahrzeuges, in dem er vermutlich gerade sitzt, gleichzeitig höre ich sie durchs gekippte Fenster meines Büros. Sie sind also ganz in der Nähe.
»Jens, ich kann jetzt nicht! Wir sind im Einsatz!«
»Ja, ich weiß«, sage ich und hoffe, dass er nicht auflegt. »Ich würde gerne wissen, wohin ihr fahrt. Vielleicht kann ich diesmal einen Artikel machen. Bitte. Ich bin immer fair, das weißt du!«
Ein kurzes Zögern, dann atme ich auf.
»Es ist ganz bei dir in der Nähe, hinten am Bauhof am Ortsausgang. Komm hin, und sag’ den Kameraden an der Absperrung, du willst zu mir.« Dann legt er auf.
»Jens, pass auf dich auf!« ruft Maren mir noch hinterher, als ich die Haustür öffne. Es klingt schon wie bei einem alten Ehepaar. Dabei ist noch alles ganz neu für mich.
Drei Minuten später sitze ich auf meinem Stevens-Rad. Auch das habe ich natürlich aus der Kreisstadt mitgenommen. Ein besseres kriege ich nie im Leben!
*
Wieder brennt ein Schuppen. Was darin aufbewahrt wird, kann man nicht erkennen. Vermutlich wird es enden wie bei dem Bootsschuppen von damals: Mit einem verkohlten Holz-, Metall- und Aschehaufen. Drei Feuerwehren sind bereits dabei, ihre Schläuche auszurollen. Zwei von ihnen haben eigene Tanks im Fahrzeug. An der Hauptstraße gibt es einen Hydranten. In der langsam immer schwärzer werdenden Dunkelheit sich drehende gelbe und blaue Lichter verstärken die gespenstische Atmosphäre des Feuers. Ich habe den Weg durch die östliche Neubausiedlung genommen und bin schon nach knapp zehn Minuten nach meinem Telefonat dort. Die Feuerwehren waren schneller. An der Straße unten stehen mindestens vier rot-weiße Fahrzeuge, alle mit Blaulicht. Ein Rohr befeuert den Schuppen bereits mit dickem Wasserstrahl.
Ich lehne mein Rad an die Böschung des Bauhofs und gehe zur Einfahrt des Geländes des kleinen privaten Bauunternehmers. Wie erwartet ist alles abgesperrt. Ich halte einem der mir fremden Feuerwehrleute, der den Verkehr auf der Hauptstraße stoppt und zur Umkehr anweist, meinen Presseausweis unter die Nase und berufe mich auf den Ortsbrandmeister.
»Da kann ja jeder kommen!«
Der Kamerad weist mich schroff ab. Er hat hier jetzt endlich etwas zu sagen! Aber nicht unbedingt mir. Ich entdecke neben einem der Fahrzeuge eine junge Erwachsene aus der Nachbarschaft. Auch sie trägt Uniform. Ich glaube, sie leitet die Jugendfeuerwehr.
»Kerstin, kannst du mal eben kommen!«
Ich bin der jungen Frau mehrfach begegnet. Immer war sie fröhlich und hatte eine positive Ausstrahlung. Nun kommt sie sofort an die Absperrung und klärt den eifrigen Kollegen auf, dass ich nicht stören, sondern nützen werde. Der Mann murrt noch etwas, fühlt sich vermutlich auch unwohl, weil eine Frau ihn korrigiert, lässt mich jedoch durch.
Meine Canon im Anschlag nähere ich mich dem Brandherd. Je näher ich komme, desto größer die Hitze. Die Flammen schlagen wie muntere Tänzer aus dem mit Platten bedeckten, aber offenbar löchrigen Dach des Schuppens gen Himmel. Die zweiflüglige Holztür ist bereits verbrannt und herausgefallen. Drinnen stehen kleinere Baugeräte. Im Qualm erkenne ich einen Zementmischer und einen Rüttler. Ich mache Fotos von dem Inferno.
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