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Es wird Frühling. Wie Schmetterlinge aus Raupen haben sich aus zarten Knospen samtweiche, hellgrüne Blätter entfaltet. Der Buchenwald zu Beginn meiner Heimfahrt lässt mir wieder und wieder das Herz aufgehen. Es scheint, als käme mit längeren Sonnentagen auch das Leben zurück. Schwarze, kahle Wälder werden zu Boten eines Kreislaufs, der niemals aufhört. Auch politische Erdbeben, Wahlniederlagen, Kriege, Corona, Brände und Flutkatastrophen sind nicht in der Lage, diesen Kreislauf des Lebens zu stoppen. Oder doch? Wenn sich das Klima weiter erwärmt, werden diese Buchen irgendwann sterben. Wenn sich hier in der Heide der Grundwasserspiegel weiter senkt, werden auch die Felder mit ihren saftig frischen Getreidehalmen, durch die ich jetzt fahre, keine Früchte mehr tragen ... Nein! Ich bin nicht bereit, in die Angst- und Pessimistenhaltung einzustimmen, wie sie uns heute so schnell umklammert, allemal nach mehr als einem Jahr Pandemie und diversen Lockdowns. Ich will atmen, will positiv denken, will Gott zutrauen, seine Schöpfung zu bewahren – wenn wir es schon nicht schaffen!
Himmelstal verändert sich. An der Mühle haben sie zwei Häuser abgerissen. Neben der Feldsteinkirche steht fast immer ein großer grüner Lastwagen. Er beleidigt mein auf das Ensemble von Kirche und Fachwerkgiebel gerichtetes Fotografenauge. Der alte Dorfkrug wurde ebenfalls abgerissen. Am Ortsrand im Norden ist eine neue Siedlung im Werden. Ja, und Jens Jahnke wohnt nun auch hier.
Es hat über ein Jahr gedauert. Maren und ich haben uns zunächst nur gelegentlich, dann fast jede Woche und bald sogar beinahe täglich getroffen. Um es schlicht auszudrücken: Es hat zwischen uns heftig gefunkt. Ich habe die Sechziger überschritten, sie ist acht Jahre jünger – da hat man keine Zeit für ein langes Techtelmechtel. Man entscheidet sich, wagt etwas und zieht zusammen. Wir werden sehen, wie es sich entwickelt.
Als ich in »unsere« Straße einbiege, überkommt mich wieder dieses Fremdheitsgefühl. Es war wirklich ein mutiger Schritt, meine wenigen Habseligkeiten zu verkaufen, meine Wohnung in der Kreisstadt aufzugeben und in Marens Haus zu ziehen. Irgendwie spukt der Geist von Oliver, ihrem verstorbenen Mann, dort noch herum, manchmal jedenfalls. Es ist ihr Haus, sind ihre Möbel, ist ihr Garten ... daran muss ich mich noch gewöhnen. Vermutlich dauert es, bis ich »unser« sagen kann, ohne dass komische Gefühle geweckt werden.
Ich stelle meinen alten grauen Golf IV in den Carport. Ja, meiner alten Kiste bleibe ich treu! Maren ist aus Lüneburg zurück. Ihr schwarzer Golf glänzt im Abendlicht.
»Hallo Jens!« Sie grüßt mich mit einem flüchtigen Kuss. »Ich muss die Wäsche noch eben fertigmachen. Kannst du schon mal den Tisch decken?«
Klar, ich kann. Ich muss. Wir sind beide berufstätig und teilen uns die Hausarbeit, na ja, fast.
Beim schlichten Abendessen erzählen wir uns dies und jenes. Sie hat einen stressigen Tag im Krankenhaus hinter sich und hat sich über einen Oberarzt geärgert. Dann berichtet sie von einem Telefonat mit ihrer Tochter in Berlin und einem mit Miriam. Die ehemalige Untermieterin Marens wohnt mit ihrem kleinen Sohn Jeschu nun bei ihrem Verlobten Peter auf dem Eichenhof südlich von Unterlüß und ist richtig glücklich. Im nächsten Jahr wollen die beiden heiraten. Ich erzähle Maren von meinen Frühlingsgefühlen auf der Herfahrt und dann vom Artikel, zu dem Florian mich verdonnert hat.
»Oh Jens, das ist doch prima! Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche. Ist doch spannend!«
Ich weiß nicht, ob das spannend ist. Und auch nicht, ob es ein fröhlicher Anlass ist, den Geburtstag der Kirche zu feiern. Immerhin hat die nicht nur Gutes gebracht, sondern auch viel Unglück. Nicht nur die Blutspur im Mittelalter mit Inquisition und Hexenverbrennung oder die kolonialistische Missionsgeschichte, auch die seit vielen Jahren unter den Tisch gekehrten Fälle von Kindesmissbrauch lassen die Kirche nicht gerade gut dastehen. Aber Maren scheint an so etwas nicht zu denken.
»Da kannst du was über das erste Pfingsterlebnis der Jünger Jesu schreiben«, meint sie und ihre braunen Augen strahlen, als wäre sie dabei gewesen, »und wie sie gepredigt haben und von allen verstanden wurden. Und dass der Geist Gottes wie in Feuerflammen auf sie kam.«
Ich staune über die Naivität meiner geliebten und sonst so klugen Partnerin.
»Und wie stellst du dir das vor? In Feuerflammen?«
»Na, weiß ich auch nicht. Vielleicht ist es ja nur ein Bildvergleich, eine Metapher. Die Jünger waren derart begeistert und hatten eine solche Ausstrahlung, dass man meinte, es schweben feurige Flammen über ihren Köpfen.«
»Wie so vieles in der Bibel also nicht wirklich, nicht tatsächlich passiert, sondern nur in bildhafter Sprache beschrieben ist?«
Maren schaut mich missbilligend an.
»Natürlich nicht. Auch wenn Metaphern gebraucht werden, ist es doch ganz genau so geschehen!«
Soll einer die Frauenlogik verstehen. Ich habe längst gelernt, nicht weiter zu bohren und auf meine »Wahrheit« zu pochen. Also lenke ich das Thema in eine andere Richtung.
»Ich soll auch über Pfingstbräuche schreiben. Kennst du welche?«
Maren schiebt sich ihre braunen Locken über die Ohren. Ich liebe diese Bewegung, wenn sie nachdenkt. Sie lacht.
»Pfingstochse?«
»Das ist ja wohl kein Brauchtum, oder?«
Wieder lacht sie.
»Ich glaube doch! Jedenfalls weiß ich, dass man in manchen Regionen im Süden zu Pfingsten die Tiere auf die Weiden treibt. Die Rinder werden geschmückt und man macht eine festliche Prozession aus dem ersten Auftrieb. Der stattlichste Ochse geht dann am prächtigsten geschmückt vorweg.«
Ihr Allgemeinwissen ist wirklich beachtlich. Ich bin beeindruckt und nehme mir vor, dazu mehr zu recherchieren.
»Aber hier in der Heide gibt es das nicht. Oder gibt es hier Pfingstschnucken?«
Sie lacht – und ich mag es sehr, wenn sie lacht!
»Witzbold. Nee, hier gibt es zwar manche Ochsen, aber nicht nur zu Pfingsten, sondern ganzjährig. Dafür haben wir den Pfingstbaum.«
»Ich denke, das ist der Maibaum? Der wird am 1. Mai aufgestellt und dann wird kräftig gesoffen.«
Wieder lacht Maren schallend.
»Gesoffen wird hier auch sonst recht kräftig, jedenfalls die jüngeren Leute. Uns älteren wird ja meistens schneller schlecht.«
»Na, das sah aber beim Feuerwehrball etwas anders aus. Da haben die Alten ganz schön mitgehalten.«
»Stimmt. Aber du hast recht. Pfingstbaum und Maibaum sind im Grunde dasselbe. Nur die Traditionen unterscheiden sich. Meist sind es Birken. Ein langer, schlanker Birkenstamm wird auf einem zentralen Platz aufgestellt. Die frühlingsfrisch belaubte Krone wird mit bunten Bändern geschmückt und in manchen Orten klettern die jungen Männer auch hinauf.«
»Und wieso Pfingsten? Das ist doch eher Ende Mai, jedenfalls in diesem Jahr.«
»Stimmt. Pfingsten ist jedenfalls immer fünfzig Tage nach Ostern. Daher kommt der Name. ›Penta‹ ist das griechische Wort für fünfzig. Da Ostern wechselt, ändert sich auch das Datum für Pfingsten.«
»Dann steht der Maibaum also schon.«
»Ja. Aber in vielen Orten bei uns im Norden werden zu Pfingsten kleine Birken vor die Häuser gestellt. Manchmal suchen junge Männer auch besonders die Häuser heraus, in denen junge Mädchen wohnen ... und dann wird Spiegelei gegessen und Schnaps getrunken. Kennst du den Spruch dazu?« Bevor ich antworten kann, redet sie schon weiter: »Der Maibusch ist genagelt, nun will er auch begossen sein. Es können ein paar Eier sein oder eine Flasche Wein.«
Nun lache ich. »Na, das hört sich eher nach Süddeutschland an, das mit dem Wein jedenfalls.«
»Stimmt, kann sein. Hier müsste irgendwas mit Bier und Korn kommen.«
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