»Ach ja. Hab ich vergessen auszuschalten. Es war bloß ein Hausierer.«
»Ein Hausierer? Was wollte er den verkaufen?«
»Es war einer vom Blindenheim. Hatte alle möglichen Bürsten bei sich. Ich hab ihm gesagt, wir bräuchten keine und hätten dieses Jahr bereits gespendet.«
Jules nickte und gab sich zufrieden, begann in einer Zeitschrift mit mäßigem Interesse zu blättern. Beide hörten, wie Alina aus dem Bad kam, denn sie zog die Türe recht unsanft hinter sich ins Schloss.
»Kommst du zum Essen, Liebling?«, rief die Mutter hinaus auf den Flur.
»Eine Minute, Maman«, antwortete diese, »ich muss mich erst noch anziehen.«
Dann waren ihre patschenden Fußsohlen auf der Marmortreppe nach oben zu hören.
»Das kann dauern«, murmelte Jules über die Zeitschrift gebeugt, während Alabima das Gemüse in einer Schüssel anrichtete, noch eine Butterflocke auf die Kohlrabi legte und mit einem Deckel verschloss, sie auf den Tisch stellte, danach die warm gestellten Scampi hervorholte, sie mit etwas Meersalz und schwarzem Pfeffer aus der Mühle bestreute.
Alina kam überraschend schnell aus ihrem Zimmer herunter, setzte sich an den Tisch, zog sofort das Glas mit dem Mineralwasser zu sich hin und sog die Hälfte davon durstig und in langen Schlucken hinunter, kam dabei außer Atem.
»Das war großartig, Papa«, kommentierte sie danach den Vormittag, »wir sollten öfters Fußball spielen. Vielleicht wirst du dann auch noch etwas besser?«
Jules blickte von seiner Zeitschrift auf und legte sie dann zur Seite, schaute seine Tochter lächelnd an.
»Ich denke, wir sollten mit dem Boxunterricht beginnen«, scherzte er, »denn darin wirst du mich nicht so rasch übertrumpfen können, Alina.«
Es wurde ein richtig schönes, entspanntes Mittagessen, vor allem, weil Alina nun doch eine zunehmende Müdigkeit verspürte und auch Jules das Recken und Strecken nach den fliegenden Bällen schmerzhaft in seinen Gliedern fühlte. Vielleicht wäre ihm sonst eher aufgefallen, wie wortkarg Alabima während des gesamten Essens blieb, dass sie kaum an ihrem Gespräch teilnahm und eigentlich bloß auf Fragen antwortete.
*
Jussuf und Sheliza hatten sich auf Mor Gabriel nach wenigen Tagen eingelebt. Mit den anderen Alawiten verstanden sie sich ausgezeichnet, zu den Schiiten und Sunniten pflegten sie kaum Kontakt. Jede der moslemischen Kirchen blieb im Grunde genommen unter sich. Die christlichen Mönche und Nonnen sorgten für die notwendige Kommunikation zwischen ihnen, spielten Puffer und Schaltstelle zugleich. Sogar drei Gebetsräume waren für die Flüchtlinge eingerichtet worden. Die Sunniten hatten allerdings darauf bestanden, ihre Andachtsstätte außerhalb der geweihten Klostergebäude einzurichten, weshalb man ihnen die ehemalige Schreinerei zuwies, die etwas abseits lag. Dort hatten sie die Werkbänke und Maschinen entfernt und den Boden mit Teppichen und Matten ausgelegt. Nur auf einen Muezzin mussten die geflohenen Syrer verzichten. Denn der Ruf des Propheten zum Gebet auf dem Gelände eines christlichen Klosters wäre den Mönchen und Nonnen wohl doch unerträglich gewesen. Da halfen auch die lautstarken Proteste der Schiiten nichts. Erzbischof und Abt Timotheus blieb zumindest in diesem Punkt hart.
Sheliza war für Arbeiten in der Wäscherei und in der Klosterküche eingeteilt. Daneben konnte sie jeden Tag für wenigstens drei Stunden am Schulunterricht teilnehmen, den vor allem die Nonnen für alle Flüchtlingskinder organisiert hatten. Von den Sunniten nahm allerdings niemand daran teil. Denn dort hatte ein selbst ernannter Imam das Zepter an sich gerissen, lehrte die Kinder ausschließlich den Koran, verbat sich jede Einmischung in die Erziehung und Erbauung der moslemischen Jugendlichen durch Vertreter des Klosters, wiegelte auch die Eltern gegen den Schulunterricht der Christen auf, machte ihnen Angst vor falschen Lehren, mit denen ihre Kinder gefüttert würden.
Sheliza allerdings genoss die Schulstunden sehr. Denn Mohammed al-Barani hatte ihnen vor allem Lesen, Schreiben, Rechnen und den Koran vermittelt, später kam noch islamische Geschichte hinzu, jedoch kein einziges naturwissenschaftliches Fach. Hier auf Mor Gabriel dagegen gab es für sie Unterricht in Biologie und Physik, auch ein wenig Chemie und in Rhetorik. Eine neue, aufregende Welt tat sich für die Vierzehnjährige auf, eine Welt, für die sie noch zu jung war, als sie noch in Damaskus lebte und dort zur Schule ging und die im religiös geprägten Unterricht des Provinzortes nicht vorkam. Von der ersten Stunde an wunderte sich die junge Muslimin über die offenen Worte der Nonnen, vor allem wenn es um Biologie und damit auch um den Glauben ging, aber auch in Physik und den Glauben, ja in Rhetorik und den Glauben. Die Christen trennten diese Dinge voneinander, stellten zwar Abhängigkeiten her, zeigten gleichzeitig aber auch gerne die Grenzen der Wissenschaft auf und benannten die Vorteile des Glaubens und damit der Religionen, blieben jedoch ohne jeden Fanatismus, beharrten nicht auf ihre heilige Schrift als einzig gültige Antwort auf sämtliche Fragen des Lebens. Nein, sie abstrahierten die Worte ihres Gottes und damit im Grunde genommen die Worte aller Gottheiten, versuchten sie in einen Kontext zu den Beobachtungen und Forschungsergebnissen in der Wissenschaft zu bringen. Sie interpretierten auch die Aussagen in ihrer Bibel für sich persönlich und für sie als Schulklasse. Die Kernaussagen der christlichen Religion schienen sich allerdings nicht großartig von den zentralen Forderungen im Koran zu unterscheiden, was Sheliza anfangs sehr erstaunte.
Vor allem wenn ihnen die noch recht junge Schwester Helene, eine hagere, blauäugige, blonde und recht groß gewachsene Nonne, in Biologie ein weiteres Wunder der Erde mit klaren Worten und ohne jede religiöse Anspielung erklärte, vermisste Sheliza ihren Vater ganz besonders. Denn auch der hatte sie stets aufgefordert, selbst zu denken und so hinter die Fassade von Tradition, Geschichte und Religion zu blicken. Immer wieder mal musste sie darum Tränen der Sehnsucht nach ihren Eltern unterdrücken. Ihr Großonkel Jussuf sprach sehr einfühlsam mit ihr darüber, sagte auch ganz klar, dass sie sich keine Hoffnung machen durfte, dass ihre Eltern und ihre Geschwister ohne jeden Zweifel Opfer des unsäglichen Bürgerkriegs geworden waren. Das machte Sheliza zwar traurig. Doch hinterher hatte sie sich auch stets gestärkt gefühlt, so als würde ihr Klarheit auch Kraft verleihen. Vielleicht war es aber auch nur ihr Trotz.
In der Küche machte sich die Vierzehnjährige ebenso rasch beliebt, wie in der Wäscherei. Unermüdlich schnitt sie Kartoffeln, wrang Kleidungsstücke durch die Mangel, zerpflückte Salat und bügelte Hemden und Hosen. Die Nonnen bewunderten ihren Einsatz, lobten sie immer wieder dafür. Doch Sheliza winkte stets bescheiden ab, sprach von einer Selbstverständlichkeit, wusste längst, dass nur ein müder Körper in einen erholsamen Schlaf finden konnte und plagende Albträume abhielt. Auch Onkel Jussuf hatte ihr am dritten Tag nach ihrer Ankunft auf Mor Gabriel geraten, sich mit aller Kraft überall einzusetzen, nachdem sie in den beiden Nächten zuvor mehrmals laut schreiend aufgewacht war.
Ihre freien Stunden verbrachte Sheliza oft auf der niedrigen Mauer vor dem Torbogen, unter dem die Zufahrtsstraße zum Kloster hindurchführte. Vor dort aus hatte sie einen weiten Blick über das Land, bis fast zur Grenze nach Syrien, wie sie sich zumindest vorstellte. Die Hügel und Senken, Berge und Täler luden zum Träumen ein, weckten Sehnsüchte, nach Freiheit und nach Weite, aber auch nach der Fremde. Was band sie noch an die Stätten ihrer Heimat? Wenn sie an Damaskus dachte, erinnerte sie sich noch an ihre Wohnung und an verschiedene Nachbarn, auch an Klassenkameradinnen und einige Lehrer. Doch all das lag bereits zu weit in ihrer Kindheit zurück, als dass sie sich noch mit ihnen verbunden fühlte. Und al-Busayrah? In dieser Stadt starben ihre Eltern, ihre Brüder und Schwestern und weitere Verwandte und Freunde. Nichts konnte sie jemals zurück zu diesen Barbaren bringen, zu diesen Fanatikern, wo die Schiiten wohl zuerst nach der Hisbollah riefen und die Sunniten darum die Dschihadisten und damit den Tod in ihre Gemeinschaft brachten. So jedenfalls hatte es Onkel Jussuf ihr erklärt.
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