Die Vierzehnjährige spürte, dass nicht nur das erlebte Schreckliche, sondern auch die Umgebung des christlichen Klosters, die Offenheit der Nonnen und Mönche, ihr großes Wissen um die Welt und ihr tiefer Glaube ohne jeden Fanatismus, einen immer stärkeren Einfluss auf sie ausübte. Das spürte sie vor allem in ihren Gesprächen mit ihrem Großonkel, denn der sah sie immer öfters überrascht und auch ein wenig misstrauisch an, fühlte wohl auch die starke Wandlung in seiner Großnichte, wusste wohl noch nicht, wie er darauf reagieren sollte.
»Ziemlich schräg, was die alte Schachtel uns heute vorgeschwindelt hat.«
Die Stimme ließ Sheliza erschrocken herumwirbeln. Sherif stand hinter ihr, kaum vier Schritte entfernt, musste sich leise an sie herangeschlichen haben. Sie blickte in ein grinsendes, hübsches Jungengesicht, das ein wenig wild auf sie wirkte. Sherif war zwei Jahre älter als sie, besuchte trotzdem dieselben Schulstunden, kam mit dem Stoff nicht wirklich zurecht. Der junge Sunnit kümmerte sich jedoch kaum um Fortschritte, machte selten die Hausaufgaben mit der notwendigen Ernsthaftigkeit, glaubte wohl, sich durch sein weiteres Leben schummeln zu können. Gestern hatte er damit geprahlt, dass sein Vater ein reicher Kaufmann aus Aleppo wäre, keiner dieser armen Seifenkocher, sondern ein Großhändler, der mit Europa und den USA Geschäfte machte, im ganz großen Stil. Er erzählte auch von ihrer Villa, von dem halben Dutzend Bediensteten, vom Luxus, den er gewohnt wäre. Was davon Wahrheit und was Lüge war, wusste Sheliza nicht zu sagen. Doch dieser Sherif hatte von Anfang an einen seltsam neuen Reiz auf die Vierzehnjährige ausgeübt. Vielleicht lag es an seinem selbstsicheren, ja prahlerischen Auftreten? Oder doch an seinem überaus hübschen Gesicht mit den dunklen Locken und den beinahe schwarzen, tiefgründigen Augen? Er war einen ganzen Kopf größer als sie, überragte auch alle anderen Schüler in ihrer Klasse, war schlank und wirkte drahtig, war bestimmt ein guter Sportler.
Sheliza senkte ihre Augen nicht, blickte Sherif direkt in die seinen, als müsste sie sich mit ihm messen, als wollte sie seiner Willenskraft entgegentreten und standhalten.
»Was schaust du mich so deppert an?«, maulte der sunnitische Junge, »und warum beantwortest du meine Frage nicht?«
Ungeduld war aus seiner Stimme zu vernehmen, Ungeduld und eine gewisse Herablassung. Doch Sherif war zu ihr gekommen, hatte sie wohl auf der Mauer sitzen sehen, hatte sich herangeschlichen, um sich mit ihr zu unterhalten. Er war der Suchende, nicht sie. Sheliza fühlte, wie ihre Selbstsicherheit anwuchs, trotz des Jungen, trotz dem vielen Geld seiner Eltern.
»Ich finde, Bruder Cornelius hat uns das mit den schiefen Ebenen sehr klar und verständlich erklärt.«
Das Grinsen von Sherif wurde impertinent.
»Du hast die Pointe wohl nicht mitbekommen? Schiefe Ebene und ziemlich schräg. Kapiert?«
»Ach so«, antwortete ihm Sheliza gleichgültig, »das hast du gemeint.«
Beide schwiegen, sahen einander an, der sunnitische Junge mit zunehmendem Unbehagen, das er keinesfalls nach außen zeigen wollte, das alawitische Mädchen mit der Gewissheit, die Fäden ihrer Unterhaltung fest in ihren Händen zu halten. Darum drehte sie sich auch recht gleichgültig von ihm ab, blickte wieder in die Ferne, zum Horizont hinüber, in dessen Nähe die Sonne an diesem späten Nachmittag immer rascher hin kroch.
»Ich hab dich in der Küche gesehen. Du bist ziemlich geschickt«, nahm Sherif ihre Unterhaltung erneut auf. Sheliza schaute weiterhin geradeaus, hob bloß stumm ihre schmalen Schultern an, ließ sie wieder sinken.
»Ich mein mit dem Messer«, ergänzte der Junge ein wenig unbeholfen.
Sie schwiegen beide, sahen hinüber zum blendenden Ball der Sonne, der das Land in ein zunehmend warmes Licht tauchte und die Abenddämmerung einläutete.
»Darf ich mich zu dir hinsetzen?«
Das Herz von Sheliza machte einen Hüpfer, ob vor Freude oder bloß vor Aufregung, konnte die Vierzehnjährige auch hinterher nicht sagen. Doch sie nickte stumm und der Junge setzte sich neben sie hin, schwang dann seine Beine über die niedrige Mauer, stieß dabei mit seinem Rücken unsanft an ihre linke Schulter.
»’tschuldigung«, murmelte er, aber sie winkte ab, »is’ nix.«
Beide starrten auf den Hügelzug vor ihnen, hinter dem sich dunkle Berghänge erhoben, deren Flanken bereits im Schatten der untergehenden Sonne standen. Was Sherif dabei fühlte, konnte Sheliza nicht wissen. Ihr Herz dagegen pochte hart und laut und sie hatte Angst, dass dieser Junge das wilde Klopfen womöglich hören konnte. Sie wollte sich zur Ruhe zwingen, doch das funktionierte nicht, ganz im Gegenteil. Die Hände wurden ihr feucht und sie wischte sie rasch an ihrem Rock ab.
»Schon Schei ß e, das mit dem Krieg«, warf Sherif ein neues Thema auf.
»Ja, große Scheiße«, meinte Sheliza und blickte kurz zu ihm hinüber, sah in sein Gesicht, lächelte ein wenig verschämt und drehte ihren Kopf rasch wieder weg.
»Du bist mit deinem Vater hier?«
»Mein Großonkel.«
»Und deine Eltern?«
Die Vierzehnjährige antwortete nicht, fühlte, wie sich ihre Augen mit Tränen füllen wollten, schniefte kurz, kniff die Augen zusammen, unterdrückte die Regung.
»Wahrscheinlich sind sie tot.«
Ihre Worte klangen so schlicht, so klar und ohne Emotionen. Sie sollten den wahren Sturm ihrer Gefühle verbergen, ihrem Drang nicht nachgeben, laut aufzuschreien und diese Welt mit all ihrer Bösartigkeit zu verurteilen, ja, den Tod selbst anzuklagen und die Ungerechtigkeit des Lebens zu verfluchen.
»Das tut mir leid.«
Ihr aufgewühlter Trotz verflog mit seinen Worten, machte ihren Tränen nun endgültig Platz. Sie schluchzte laut auf und schlug die Hände vor das Gesicht, bedeckte ihre Augen, drehte sich auch von ihm weg und beugte ihren Kopf, spürte das Zittern am ganzen Körper, durfte endlich ganz Kind und verzweifelt sein.
Erst mit Verspätung fühlte sie seine Hand auf ihrem Rücken, wie sie zu trösten versuchte. Sie schüttelte sie sofort ab, bedauerte das gleich darauf auch schon.
»Ich wollte dich nicht…«
Seine unbeholfen ausgesprochene Entschuldigung ließ sie wieder Kontrolle über ihre Gefühle erlangen. Rasch wischte sie mit den Ärmeln die feuchten Augen trocken und sie schniefte auch zweimal. Dann drehte sie sich ihm zu.
»Ist schon gut…«
Sie schluckte noch einmal, hart und tapfer, sah dann wieder weg, hinaus auf die Ebene und in die untergehende Sonne.
»Das Leben ist nicht gerecht.«
»Nein«, pflichtete sie ihm traurig zu, »das ist es nicht.«
Sein Name ertönte laut vom Kloster her. Er drehte sich zur Stimme um, winkte ihr kurz und beruhigend zu.
»Ich muss gehen…«
Sie schwieg und er blieb unschlüssig neben ihr sitzen.
»Wenn ich etwas…?«
»Nein.«
Er schwang seine Beine wieder über die Mauer, diesmal darauf bedacht, sie nicht zu berühren. Dann hüpfte er herunter, blieb jedoch noch stehen.
»Ich mag dich. Du bist hübsch.«
Sie blickte ihn nicht an, starrte weiterhin zum Horizont hinüber und in das zunehmend orange Licht, nahm ihn vielleicht gar nicht mehr wahr oder tat wenigstens so.
»Du bist so anders…«, fügte er hinzu und musste wohl erst noch darüber nachdenken, was denn so Besonderes an diesem Mädchen war. Doch dann sah und wusste er es auf einmal und so ergänzte er leise, »…so stolz.«
Er sah nicht die wiederkehrenden Tränen in ihren Augen, sah nur, wie sich ihr Rücken und Nacken versteifte und wie sie zu zittern anfing. Sherif trat einen Schritt zur Seite, betrachtete ihre kecke Nase mit dem leichten Schwung nach oben, ihr schmales Kinn mit dem seidigen Flaum, ihr fast schwarzes, linkes Augen, dessen Pupille im Licht des Abendrotes Orange flimmerte.
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