Eine junge Frau wollte allerdings gegen 23 Uhr einen ihr verdächtig erscheinenden Asiaten gesehen haben, der vor dem Wohnhaus herum zu lungern schien, wie sie aussagte. Ihr Yorkshire Terrier hatte diesen Fremden wütend angekläfft, konnte sich kaum mehr beruhigen, musste von dem Mann weggezerrt werden. Der Asiate war wohl um die vierzig Jahre alt und besaß ein typisches Vollmondgesicht und Schlitzaugen, wie sie weiter anführte. Er hatte nichts zu ihr oder zu ihrem Hund gesagt, hatte sie beide jedoch drohend angeblickt. Als sie ein paar Minuten später vom Gassi-Gehen um den Block herum wieder zur Eingangstüre zurück kam, stand der Asiate nicht mehr da.
Eine ältere Frau aus dem zweiten Stock glaubte, gegen zwei Uhr nachts ein Poltern gehört zu haben. Sie hätte einen sehr leichten Schlaf und wäre wohl über irgendwelche Geräusche, im Haus oder auf der Straße, aufgewacht, hätte auf den Wecker neben ihrem Bett geschaut und danach noch einmal Krach in der Wohnung über ihr vernommen, ein kurzes Rumpeln, als würde ein Möbelstück gerückt. Ein Uhr achtundfünfzig sei es exakt gewesen, führte sie weiter aus. Und der Lärm war um diese Zeit eine Zumutung. Der Kommissar sah sich den Wecker an und notierte sich zwei Uhr null drei als wahrscheinliche Todeszeit, da der Wecker etwas hinterher ging, was der Frau ausgesprochen peinlich war.
LeMatin berichtete am nächsten Tag über die Ermordung des Junggesellen Jean-Robert Babtiste, sprach von einem Philosophie Studenten Ende zwanzig, mit unbestimmten Einkünften, der bei seinen Nachbarn äußerst beliebt war. Er galt als heterosexuell aber ohne feste Freundin, war immer wieder mal mit wechselnden Frauen im Treppenhaus gesehen worden. Meist wären die Frauen einige Jahre älter gewesen.
Als Alabima die kurze Nachricht in der Zeitung las, ließ sie vor Schreck die Teetasse klirrend auf den Unterteller knallen, so dass dieser zerbrach. Jules schaute erstaunt hoch und sah sie fragend an.
»Was ist los? Hast du dich erschrocken? Über was denn?«
Das Gesicht von Alabima wirkte blutleer und sie musste zwei weitere Sekunden um Fassung ringen, bevor sie ihrem Ehemann ruhig antwortete.
»Nein, es ist nichts. Nur ein weiterer Mord in Lausanne.«
Der Schweizer lächelte ihr zu.
»Du warst doch früher nicht so schreckhaft?«
Die Äthiopierin versuchte sich ebenfalls an einem Lächeln, nahm einen Schluck aus der Tasse, die sie nicht losgelassen hatte, stellte sie neben dem zerbrochenen Unterteller auf dem Tisch ab und blätterte die Zeitungsseite um.
Eine Stunde später suchte sich Jules den Artikel im LeMatin heraus, las ihn zweimal aufmerksam durch, konnte nichts Schreckliches darin finden, sah man vom Ableben eines jungen Mannes ab. Doch die Reaktion seiner Ehefrau auf dessen Tod machte ihn stutzig und Misstrauen schlich sich in seine Gedanken. Und so rief er wenig später von seinem Bürozimmer aus seinen guten Freund Frédérick Glasson in dessen Detektivbüro in Genf an und bat ihn, nach Hintergründen zur Ermordung dieses Jean-Robert Babtiste und zu möglichen Verbindungen des Toten zu Alabima zu suchen. Glasson hörte sich den Auftrag an und dachte erst ein paar Sekunden nach, bevor er seinen Freund fragte: »Und du bist dir ganz sicher, dass ich in der Vergangenheit dieses Babtiste herumwühlen soll?«
Jules bestand darauf und versicherte Frédérick, dass es ihm nur um das Wohl von Alabima ginge. Glasson versprach, sein Möglichstes zu tun.
Die nächsten drei Tage regnete es fast beständig am Genfersee. Die Trübsal draußen schien sich auf die Seelen der Menschen drinnen zu legen. Vor allem Jules fühlte sich unruhig und gereizt, schlief schlecht, ohne dass er von schlechten Träumen wusste, schnauzte sogar Dr. Grey bei ihrer Sitzung ohne jeden Grund an, wurde von ihr kurzerhand hinausgeworfen. Er fuhr anschließend über eine Stunde lang ohne Ziel herum, kam immer noch wütend nach Hause, verkroch sich in seinem Büro, nahm irgendein Buch aus dem Regal, überflog den Deckel. Eine Art zu leben – Über die Vielfalt menschlicher Würde von Peter Bieri. Er versuchte sich zu erinnern, wann und wo er das Buch erstanden hatte, kam nicht sofort drauf. Doch er blätterte die ersten Seiten auf und begann zu lesen, legte es nach wenigen Seiten jedoch genervt wieder beiseite, nicht wegen den wenig anschaulichen Theorien zur menschlichen Würde, in die sich der Autor zu Beginn des Buches zu verirren schien, sondern aufgrund seiner inneren Unruhe, die beständig zunahm. Er stand vom Ledersessel auf und legte sich auf seinen Soft Pad Chaises von Charles und Ray Eames, faltete die Arme über seinem Bauch zusammen und schloss die Augen, atmete bewusst ruhig und langsam ein und aus, versuchte an nichts als an dieses Atmen zu denken.
Sein Smartphone meldete sich, spielte ihm den Mittelteil aus Phantom of the Opera von Iron Maiden vor. Jules lies das leise beginnende und danach rasch anschwellende Gitarren-Solo mit dem unverkennbar klaren Sound von Dave Murrays Fender Stratocaster aus der American Serie mit der Humbucker Bestückung an Steg und Hals als sogenannte Double Fat Strats und dem Floyd-Rose-Vibrationssystem einige Sekunden lang erklingen, bevor er mit leisem Bedauern den Anruf von Frédérick Glasson entgegennahm.
»Hallo Freddie. Wie läuft’s in Genf? Steht euch das Wasser auch schon bis zum Hals?«
»Im Moment sitze ich im vierten Stock und hab noch trockene Füße, Jules.«
Die Antwort von Frédérick war zwar lässig gesprochen, doch unüberhörbar mit einem ernsten Unterton in seiner Stimme.
»Du hast was über diesen Babtiste herausgefunden?«
Glasson antwortete nicht sofort. Dafür hörte Jules seinen Freund seufzend einatmen und der Druck in seiner Magengrube nahm entsprechend zu.
»Spuck’s aus, Freddie«, ermutigte er Glasson, spürte gleichzeitig Gänsehaut auf Nacken, Schultern und Armen, so als wäre die Temperatur im Raum auf einen Schlag um zwanzig Grad gefallen.
»Nun, Jules, eigentlich sollte ich dich anlügen. Es wäre wohl weit besser für uns alle…«
Jules wartete mit noch stärker klopfendem Herz stumm ab.
»…aber als dein Freund kann und will ich das nicht.«
Frédérick sammelte sich noch einmal.
»Es verhält sich so. Ein alter Kollege aus dem Kriminaldezernat in Lausanne hat mir im Vertrauen ein paar Fotos gezeigt, Fotos von verschiedenen Frauen in höchst intimen Situationen, durchwegs vulgäre und sexistische Bilder.«
Noch einmal schnaufte sein Freund schwer am Telefon und Jules wusste bereits alles, bevor er es sich anhören musste.
»Darunter waren auch Fotos von Alabima.«
Jules blieb am anderen Ende der Verbindung weiterhin stumm. Nicht mal sein Atmen war für den Genfer Privatdetektiv hören.
»Mein früherer Kollege versprach mir, nur den neueren Fotos nachzugehen. Die Aufnahmen von Alabima dürften dagegen zwei Jahre alt sein.«
Weiterhin gab Jules keinen Ton von sich. Doch er hatte sich aufgesetzt, hielt sein Handy ans Ohr, starrte in Gedanken versunken zum Fenster hinaus, sah die dunkelgrauen Regenwolken über dem fast schwarzen See stehen, dazwischen ein paar weiße Nebelfetzen träge dahingleiten, nahm nichts von all dem wirklich wahr. Blass sah er aus, abgekämpft und erschöpft.
»Bist du noch dran?«, fragte Frédérick Glasson mitfühlend.
»Ja«, krächzte Jules heiser geworden, »ja, ich bin noch hier.«
»Es tut mir so leid, Jules.«
»Ich weiß, Freddie. Danke.«
Bevor sein Freund noch etwas hinzufügen konnte, unterbrach Jules die Verbindung. Ein wilder Sturm von Gefühlen durchströmte ihn nun, Wut und Verzweiflung, Machtlosigkeit und dann sogar Hass. Aber nicht etwa auf Alabima, sondern auf die Situation, auf sein Leben, auf die Lüge.
Hatte er sich Alabima nicht vor ein paar Wochen vollständig geöffnet? Ihr alles über Vevey und der Sklavin Monique erzählt? Von seiner eigenen Untreue? Der körperlichen und der seelischen?
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