»Hi, Paps.«
Die flapsige Anrede von Silver blieb vom Oldman unbeachtet, denn der behielt seine Augen scharf auf seinen älteren Sohn gerichtet.
»Alioth ist von all seinen Ämtern zurückgetreten, wie ich erfahren habe.«
Das war keine Frage des Alten, sondern eine Feststellung. Und die Worte von Oldman klangen wie eine Drohung, ließen die breiten Schultern von Reginald ein Stück weit einsinken, wie Silver amüsiert feststellte.
»Ja, ab sofort«, gab sein Bruder zu.
»Und warum?«
Die Stimme des Oldman blieb drohend und Unheil verkündend.
»Was weiß ich. Vielleicht das Alter? Er sprach unbestimmt, von irgendwelchen persönlichen Gründen.«
Ollie Oldman McPhearsen starrte sein Kind weiterhin an, mit verkniffenem, störrischem Mund und stechenden Augen, drohend und unversöhnlich. Seine lange und spitze Hakennase, die grau-gelbe, ungesund wirkende Gesichtsfarbe, die weißen buschigen Augenbrauen und das grau-weiße, leicht gewellte und viel zu lange Haupthaar, all das wirkte auf Silver in diesem Moment wie die Verkörperung allen Unheils. Sein Vater hätte den perfekten bösen Zauberer im Märchen abgegeben, ein personifizierter Kinderschreck, ein Scrooge für hartgesottene Fünfjährige.
Alioth und der Oldman waren langjährige Gefährten und Weggenossen gewesen, hatten den Familienkonzern im Grunde genommen zusammen mit Rupert über die letzten vier Jahrzehnte zu dem gemacht, was er heute war. Während Ollie die Ideen einbrachte und Rupert die Drecksarbeit verrichtete, setzte Alioth die Pläne um, fand die richtigen Leute, bandelte mit den Entscheidungsträgern an, schuf viel Goodwill oder schmierte die richtigen Stellen. Ollie war stets der mächtige Geldgeber und Drahtzieher, blieb meistens im Hintergrund, trat nur manchmal in die Öffentlichkeit. Vor dieser alten Seilschaft zwischen Alioth und seinem Vater mochte sich Reginald insgeheim fürchten, weshalb er den Alten belog. So jedenfalls stellte es sich Silver vor, während er das stumme Ringen von Vater und Bruder interessiert beobachtete.
Doch auf einmal hellten sich die strengen Augen des alten Patriarchen auf, verloren jede Schärfe, ja sprühten über vor innerer Fröhlichkeit. Ollie McPhearsen schlug sich mit der Hand auf seinen mageren Oberschenkel und stieß dazu ein meckerndes, unangenehm klingendes Lachen aus.
»Reingelegt…«, freute er sich wie ein Kind, »…, das mit Alioth hast du großartig hinbekommen, mein Junge, Respekt.«
Vergnügt und mit sichtlichem Wohlgefallen betrachtete der Oldman seinen älteren Sohn. Der straffte nach dem Kompliment seinen Oberkörper, richtete sich gerader auf, sah seinen Vater wieder fester in die Augen. Sein Gesicht war allerdings die ganze Zeit über genauso kalt und unbeweglich geblieben, wie er es eigentlich immer nach außen zeigte. Nichts und niemand schien den Älteren McPhearsen Erben wirklich aus der Reserve locken zu können. Zu abgebrüht schien er. Oder ganz und gar unempfindlich?
»Musstest du ihm eine Abfindung bezahlen?«
Reginald schüttelte verneinend den Kopf.
»Nein, das war nicht nötig.«
»Und bei was hast du ihn erwischt? Freiwillig wäre der alte Alioth doch niemals zurückgetreten. Unter keinen Umständen. Hast du ihn mit seinen schleimigen Fingern etwa in der Firmenkasse erwischt? Oder was? Alioth muss doch längst bankrott gewesen sein?«
Einmal mehr bewunderte Silver seinen Vater, wie der seit vielen Jahren und die meiste Zeit über auf seinem Schloss in der Provinz hockte und trotzdem über jeden und alles Bescheid zu wissen schien, den Draht nach Draußen nie verloren hatte.
Das Gesicht des Oldman zeigte bei seinen letzten Fragen eine wollüstige und gierige Fratze. Silver dachte unwillkürlich zurück an eine Begebenheit in seiner Jugend hier auf Bedfort Castle. Er hatte unten in der Halle gespielt, als von oben aus einem der Zimmer ein kurzer, spitzer Schrei ertönt war. Er schlich damals die Treppe hoch, getrieben von Neugierde und einem gruseligen Gefühl. Die Tür zu einem der Schlafzimmer stand eine Handbreit offen und dahinter war ein unterdrücktes Keuchen und manchmal leises Stöhnen zu vernehmen. Er spähte durch den Spalt hinein, sah seinen Vater, wie er mit heruntergelassener Hose über einem der Dienstmädchen auf dem Bett lag. Ihr Rock war weit nach oben geschoben, zeigte schlanke, weiße Beine. Sein Vater hielt ihr den Mund mit einer Hand verschlossen, während er wie ein Gummiball auf ihr herum hüpfte. Damals erschrak sich Silver sehr über das Gesicht, das sein Vater zeigte, diese Fratze voller Gier und grenzenloser Wollust. Er hatte es damals nur von der Seite her erblickt, hatte bange Sekunden dagestanden, wohl mit offenem Mund, hatte nicht wirklich begriffen und sich trotzdem rasch abgewandt und war wieder hinunter in die Halle gerannt, hatte das Gesehene versucht zu verdrängen. Katrina, das Zimmermädchen, war wenige Tage später aus dem Haushalt entlassen und aus Bedfort Castle entfernt worden. Sie hatte ihm leidgetan, auch wenn er erst Jahre später begriffen hatte, was in diesem Zimmer tatsächlich vorgefallen war.
Reginald ließ seinen Vater lange auf eine Antwort warten. Der blickte seinen Sohn immer noch auffordernd an, wollte auf jeden Fall Gewissheit erlangen.
»Reginald ist finanziell tatsächlich so ziemlich am Ende. Er wollte sich wohl mit Hector & Clide zusammentun. Silver hat das herausgefunden.«
Der Kopf des Vaters ruckte für einmal hinüber zum jüngeren Sohn und die Geieraugen des Alten fingen den Blick von Silver ein.
»Und wie?«
Silver wehrte bescheiden ab.
»War reiner Zufall. Ein Tipp von einem meiner Bekannten. Eine Detektei hat den Rest erledigt.«
Das Gesicht des Alten zeigte Unwillen. Es passte ihm wohl nicht, dass bloß ein glücklicher Zufall dahintersteckte.
»Und um was ging es ihm? Was wollte Alioth den Dreckskerlen von Hector & Clide verkaufen?«
Silver hob bedauernd seine Schultern an und so blickte Oldman wieder zu Reginald hinüber.
»Das wissen wir nicht so genau. Doch Hector & Clide scheinen sich in letzter Zeit für die Fracking Technologie zu interessieren. Wir besitzen einige wichtige Patente in diesem Bereich. Und da Alioth für den Bereich Erdöl und Erdgas zuständig war, hatte er Zugriff auf diese Patente, verfügte auch über die notwendigen Vollmachten, um sie an jemand anderen zu übertragen.«
Der Alte stierte seinen Sohn dumpf an, dachte nach.
»Ja, das ist möglich«, entschied er dann, schien jedoch gleichzeitig unzufrieden über seine Feststellung.
Die Suppe wurde aufgetragen. Reginald und Silver wünschten guten Appetit, während der Oldman uninteressiert und geistesabwesend abwinkte. Er begann jedoch sogleich mit Appetit zu löffeln und zu schlürfen, dachte stumm über dem Teller brütend weiter über Alioth und dessen Verrat nach. Auf einmal hielt er mit Essen inne, blickte wiederum Reginald mit stieren Augen an und streckte seinen Löffel fast wie ein Messer gegen den Sohn aus. Ein Tropf der Suppe löste sich dabei und fiel direkt in den Teller von Reginald, der dies mitbekam und der sein Missfallen und seine Abscheu durch ein leichtes Rümpfen der Nase auch zeigte.
»Und was machst du nun mit dem alten Alioth?«
Bevor Reginald darauf antwortete, schob er mit Daumen und Zeigefinger seinen Suppenteller erst ein Stück weit zur Mitte der Tafel, als Zeichen, dass er nicht mehr weiter essen würde. Dann erst schaute er seinem Vater tief in die wässrig-blauen Augen, so als suchte er dort nach der Antwort.
»Alioth ist für immer weg. Er ist bereits Geschichte.«
Das Gesicht des Alten wurde hart und zeigte Angriffslust, ähnlich einem Terrier kurz bevor er nach dem Genick der Ratte schnappte, um sie mit einem Biss zu töten. Genau vor diesem Blick, vor diesem Gesicht hatte sich Silver zeitlebens gefürchtet. Der Oldman hatte schon immer alles von seinen Söhnen verlangt und keine Ausreden gelten lassen. Scheiterten sie an einer zu schwierigen Aufgabe, dann bestrafte er sie unerbittlich, kannte keine Gnade, zeigte keine Gefühle. Die Schläge mit dem Rohrstock waren dabei nicht etwa der Ausdruck von Wut und auch nicht aus Hilflosigkeit als alleinerziehender Vater geboren. Für den Oldman waren sie einfach nötig. Das war das Grausame an den väterlichen Strafen, dass sie in den Augen des Alten eine zwingende Notwendigkeit darstellten, als wären sie von Gott befohlen.
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