Ich würde gern erfahren, ob sich Karin genauso verhält, wenn ihr Mann nicht dabei ist. Mir ist klar, dass er bei diesem Geschehen eine wichtige Rolle spielt, wahrscheinlich keine besonders gute.
Wie sieht es nun mit dessen Verhalten aus? Karins Hilflosigkeit hat er kommen sehen. Sie war ihm sichtlich peinlich, und er wollte sie vermeiden. Aber warum wurde sie für ihn zum Problem? Fühlte er sich wie ein Vater, der sein plärrendes Kind beruhigen muss, damit es die anderen nicht stört? War es ihm peinlich, eine derart schwache Frau zu haben, fürchtete er, die Wertschätzung der anderen zu verlieren? Warum hat er das auf sich genommen? Er hätte ebenso Karin ermutigen können, später zu bestellen. Damit hätte er ihr den Druck und die Angst genommen, und wir anderen wären aus der Wartehaltung entlassen. Hat er nicht anders gekonnt oder nicht anders gewollt? Hat er das Verhalten seiner Frau vielleicht sogar bewusst oder unbewusst hervorgerufen und ihre Angst noch schüren wollen? Ein solcher Verdacht entstand, als er sie trotz ihrer mühselig getroffenen Entscheidung zum Schluss noch einmal attackierte. Was wäre das für ein merkwürdiges Spiel? Und wozu würde er es betreiben?
Bleibt noch die Frage, was der kleine Spyros erlebt hat? Hatte nicht auch er gute Gründe, ungeduldig zu sein? Wir waren nicht seine einzigen Gäste. Konnte er seine Ungeduld besser kaschieren? Ist er toleranter und verständnisvoller, weil er solches Verhalten öfter erlebt? Empfand er die Unentschlossenheit Karins überhaupt als kritisch? Meine Stimme meldet sich:
„ Mann, du hast ja Sorgen! Um was kümmerst du dich da eigentlich? Worum geht’s überhaupt?“
„ Ich finde interessant, was da geschehen ist, und hier habe ich die Zeit, mich mit Dingen zu beschäftigen, die ich im Alltag gar nicht beachten oder abtun würde“, gebe ich zurück.
„ Und was genau ist daran interessant?“ , fragt sie beharrlich weiter. „Ich sehe im Verhalten von Karin etwas Grundsätzliches, was mich beschäftigt: Es geht um das Problem, öffentlich seine Wünsche zu äußern - Karin ist nur ein Beispiel. Ich meine, wenn man sagt, was man wirklich wünscht und will, kann das zu Problemen führen, denn nur die wenigsten Menschen können es sich leisten, ihre wahren Wünsche offen zu legen. Andere könnten gekränkt oder entsetzt sein“, antworte ich ungeduldig. Darauf meine Stimme: „Und was hat das mit Karin und der Auswahl ihres Essens zu tun? Vielleicht solltest du erst mal selbst überlegen, welche Wünsche du hast und welche du davon öffentlich preisgeben willst.“
„ Es geht doch hier gar nicht um mich“, versetze ich ungehalten, „sondern um ein allgemeines Problem, dass jemand, der etwas wünscht, sich angreifbar macht. Vielleicht hat das Karin von einer eigenen Wahl abgehalten?“
„ Mann, du beschäftigst dich stellvertretend mit einem Problem, das du und nicht Karin hast. Willst es nur nicht wahrhaben. Wie wäre es, wenn du beginnen würdest, dich mit der Frage zu befassen, was du hier in dieser Gesellschaft suchst?“
Ich winke innerlich ab, sage, dass das mit dem anderen Thema nichts zu tun hat, und beende ärgerlich meine innere Zwiesprache.
* * *
Der Vorfall scheint niemanden sonst weiter zu bewegen. Man hat sich anderen Themen zugewandt. Zwei Gesprächsgruppen, säuberlich getrennt nach den Geschlechtern haben nun am Tisch gebildet.
Die Damen: wie es heute in der Stadt war? Ob die Bluse hier gekauft wurde? Man habe in der Hitze die Festung nicht mehr besichtigen wollen. In der Nähe des Hafens hätte man sehr schöne und preisgünstige Ledersachen entdeckt. Im vorigen Jahr habe man in der Türkei eine Ledertasche gekauft ..., es folgen Preisvergleiche, Berichte über Einkäufe und Beinahe-Einkäufe, Beweggründe dafür und dagegen.
Die Herren: Diskussion über das allgemeine Verhalten der Einheimischen im Straßenverkehr, die hiesige Qualität und Kosten von Mietwagen, die Benzinpreise und der Straßenzustand im internationalen Vergleich. Letzterer ermöglicht, auf unaufdringliche Weise zu erwähnen, wo überall in der Welt man schon gewesen war. Beim Thema „Tourenziele“ bin ich ein gefragter Gesprächspartner. Heute jedoch stellt meine touristische Beratung ein eher zwiespältiges Vergnügen für mich dar. Es macht mir durchaus Freude, auf die Sehenswürdigkeiten, die ich im Laufe meiner Besuche entdeckt habe, aufmerksam zu machen oder Interessierte dorthin zu führen. Ich komme mir dann wie ein Gastgeber vor, der voller Stolz den Gästen sein großes, schönes Haus zeigt. Bei diesen Gästen hier bin ich noch nicht sicher, ob ich sie in alle Zimmer dieses Hauses lassen werde. Die Damen scheinen mir für eine solche Besichtigung am wenigsten in Frage zu kommen, denn mit Kenntnissen über Modeboutiquen, Schmuckläden und Cocktailbars auf der Insel kann ich nicht aufwarten.
Langsam versickern die Gespräche, und es droht Schweigen. Gabi verhindert das, indem sie Karin und Wolfgang - die zuletzt eingetroffen sind - quengelig fragt, wo diese denn vorhin so lange geblieben sind. Sie hätte mit Günter eine ganze Zeit in der Hotelhalle vergeblich gewartet.
Mit Genugtuung, zu diesem Thema direkt befragt zu werden, reckt sich Wolfgang Bedeutung heischend, als wollte er zur Beantwortung der Frage aufstehen, räuspert sich ausgiebig und beginnt seinen Bericht.
Man hatte, bevor man losgehen konnte, noch dies und jenes zu erledigen.
„Und was glaubt ihr, ist dann passiert?“ Das weiß natürlich niemand von den Unbeteiligten. Nur Karin schmunzelt still und wissend in sich hinein. Trotz dieses dramaturgischen Kunstgriffs will keine rechte Spannung aufkommen. Was folgt, ist eine komplizierte, breit angelegte, wenig interessante Geschichte über einen verwechselten Zimmerschlüssel und die damit verbundenen Irrungen und Wirrungen.
Ich folge der Erzählung nicht einmal mit halbem Ohr. Meine Aufmerksamkeit gilt dem Geschehen auf der Restaurantterrasse. Die Krähenfamilie ist nicht mehr vollzählig. Eine der schwarzen Frauen fehlt. Die Fütterung des Jungen und die Mahlzeit des Vaters sind beendet. Die Mutter redet auf die verbliebene Frau ein, während sich der Vater mit dem kleinen Spyros unterhält.
In einer etwas veränderter Haltung hängt die Tochter noch immer auf ihrem Stuhl. Sie blickt jetzt in unsere Richtung. Dies hat sicher etwas mit dem jungen Mann neben mir zu tun. Soeben hat sie eine neue Kassette in ihren Walkman geschoben und schaut verstohlen zu uns herüber. Ich fange ihren Blick auf und frage sie mit einer diskreten Kopfbewegung in Richtung meines Nachbarn, ob dieser nicht etwas für sie wäre. Ein Hauch von Röte huscht über ihr Gesicht. Sie hat aber schnell ihre Verlegenheit überwunden, und nun steht dort Zweifel geschrieben. Unschlüssig, mit einem skeptischen Lächeln wiegt sie ihren Kopf. Ich deute dies als: „Ich weiß noch nicht, mal sehen, vielleicht.“
Das überzeugt mich nicht, ich denke, dass sie sich längst entschieden hat. Wer außer Michael sollte sie aus dem Krähennest befreien? Ehe sich unsere Blicke wieder trennen, lächelt sie mir dankbar und fast liebevoll zu. Wahrscheinlich tut es ihr gut, dass ein Erwachsener ernsthaft und partnerschaftlich auf sie eingeht. Nach dem, was ich in ihrer Familie beobachtet habe, dürfte sie in dieser Hinsicht nicht verwöhnt sein. Außerdem glaube ich, dass sie - genau wie ich - davon angetan ist, wie problemlos wir uns ohne Worte verständigen können.
Mein Blick wandert weiter zu den französischen Lehrern. Diese sind schweigend und konzentriert mit ihrer Mahlzeit befasst. Sie verzehren einen Boursetto, einen besonders schmackhaften Fisch, zubereitet in roter Pfeffersauce. Es ist eine der Spezialitäten der Küche und vergleichsweise kostspielig, weil dieser Fisch nicht immer zu bekommen ist. Aber es lohnt sich, ihn zu bestellen; allein die Sauce ist ein Gedicht. Der Anblick des Fischgerichts bringt mein Hungergefühl zurück ins Bewusstsein. Da die Franzosen schon bedient worden sind, dürfte mein Essen nicht mehr lange auf sich warten lassen.
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