„Schau mal hier, wie wär’s damit?“ Wolfgang hält ihr zum wiederholten Male die Karte vors Gesicht, viel zu dicht, als dass sie darin lesen könnte. Eine Hand umfasst die Karte wie eine Klammer, Mittel- und Zeigefinger auf der Innenseite sorgen dafür, dass die betreffenden Seiten auseinandergeklappt bleiben. Mit dem gestreckten Zeigefinger der anderen Hand weist er auf den entsprechenden Eintrag hin. Diese Geste wirkt auf mich nicht unterstützend, sondern bedrohlich. Sie erinnert mich an Szenen in Kriminalfilmen, wo Polizeibeamte einem Übeltäter den Haftbefehl vor die Nase halten. Karin schreckt jedes Mal hoch, beugt Oberkörper und Kopf ein Stück zurück, um erkennen zu können, was ihr gezeigt wird. Sie blättert nun folgsam in der eigenen Karte, bis die entsprechende Seite gefunden ist. Ohne etwas zu antworten, verfällt sie erneut in stilles Brüten.
Der gemeinsame Abend beginnt mühselig und verkrampft.
Wahrscheinlich ist es die Fremdheit der Parteien und die Spannung innerhalb der Paare, die eine lockere Stimmung nicht zustande kommen lassen.
Zwar gehen ein paar Spötteleien über Körpergewicht und Diätabsichten zwischen den Partnern hin und her, werden aber, wenn von den anderen überhaupt wahrgenommen, nur höflich belacht. Man weiß nicht, was man miteinander anfangen kann. Eigentlich kann es nur besser werden. Meine Stimme fragt:
„ Wieso wunderst du dich darüber? Du hast doch eigentlich keine Lust auf diese Gesellschaft. Warum soll es den anderen anders ergehen? Deren Verspätung ist doch auch nicht ganz zufällig.“
Spyros bringt die Getränke. Sie sind vollständig, und er ordnet sie den Personen richtig zu. Ein großes Lob für den kleinen Spyros.
Nun nimmt er die Bestellungen für die Speisen entgegen. Das sollte eigentlich zügig gehen. Weit gefehlt! Alle bestellen, nur Karin tanzt aus der Reihe. Sie ist diejenige, die sich trotz Wolfgangs ‚Vorhaltungen’ noch immer nicht entscheiden kann. Alle Augen sind auf sie gerichtet. Aus dem Prozess, ein Gericht auszuwählen, scheint nun ein Gerichtsprozess zu werden. Wolfgang verhält sich wie ein Anwalt, der längst von der Schuld seiner Mandantin überzeugt ist und sie zu einem strafmildernden Geständnis bewegen möchte. Er gibt sich den Anschein von Fürsorglichkeit, blättert mit ihr gemeinsam in der Karte und redet leise auf sie ein, aber die zunehmend drängende Schärfe seiner Stimme ist nicht zu überhören. In Karins beharrlicher Sprachlosigkeit und ihrem unverwandten Starren auf die Karte meine ich, Angst und Panik zu erkennen. Ich spüre, wie es in Wolfgang gärt. Es ist sicher nicht das erste Mal, dass Karin solche Unentschlossenheit zeigt.
Mit seinen Hinweisen will er sie wohl rechtzeitig mit der Nase auf Möglichkeiten stoßen, damit sie uns andere mit ihrer Zögerlichkeit nicht nervt. Wolfgang hat Mühe, seine Verärgerung unter Kontrolle zu bringen.
Am Tisch wächst die Spannung. Obwohl ich bereits bestellt habe, macht Karins Verhalten nun auch mich kribbelig.
Schließlich, als sie immer noch keine Entscheidung getroffen
hat, zischt Wolfgang sie zornig an:
„Ach, mach doch, was du willst!“, und wendet sich demonstrativ von ihr ab.
Ich schmunzele innerlich über diese tragische Paradoxie, denn er fordert genau das von ihr, was sie nicht kann. Sie weiß eben nicht, was sie will und tut deshalb auch nichts. Es folgt ein bedrückendes, scheinbar endloses Schweigen. Erst langsam kommen Gespräche in Gang, die mit munterer Arglosigkeit und belanglosen Inhalten die unbehagliche Situation überspielen sollen. In diese beginnende Entspannung hinein sagt Karin unsicher und leise, dass sie das Gleiche essen möchte, was ihr Mann bestellt hat. Sofort herrscht wieder Stille am Tisch, diesmal ist darin Erleichterung zu spüren.
Spyros fragt Karin direkt, ob sie also eine Portion Gyros wünscht, so wie ihr Mann sie bestellt hat. Spyros scheint klar zu sein, dass Karin bis dahin nicht wusste, was Wolfgang gewählt hat. Die schaut ihn unsicher an, zögert einen Moment, um dann schließlich ergeben zu nicken. Spyros schenkt Karin ein freundliches und anerkennendes Lächeln.
Wolfgang dagegen tritt noch einmal kräftig nach, sagt herablassend und gehässig: „Na, das hättest du ja auch gleich haben können!“
* * *
Meine Gedanken kreisen um das eben Erlebte. Das war kein banales eheliches Hickhack’ Unter der Oberfläche brodelt ein sehr viel bedeutsameres Geschehen. Es ist, als hätten mich die Wellen eines entfernten Seebebens erreicht. Ich will versuchen zu begreifen, was sich da eben tatsächlich zugetragen hat.
Woher rührten unsere Ungeduld und unser Ärger? Nur weil jemand mehr Zeit zur Entscheidung benötigt, als andere? Niemand wurde dadurch wirklich behindert. Das Ganze dauerte nur ein paar Minuten.
War es die Schwäche beim anderen, welche die eigene wachrief und die nicht bewusst und öffentlich werden durfte? Fühlte ich mich von Karin provoziert, war es meine Hilflosigkeit, mich nicht dagegen wehren zu können? War es das Unbehagen, Zeuge einer Auseinandersetzung und dadurch vor die Wahl gestellt zu sein, sich ohne Berechtigung einzumischen, oder tatenlos dabei zuzusehen und so zu tun, als ob nichts sei? Sicherlich empfand Karin ihre Zögerlichkeit auch als unangenehm, mit der sie den Ablauf des Abendessens staute, wie ein quer liegender Baumstamm das Wasser im Fluss.
Sie stand am Pranger, weil sie als Einzige keine rechtzeitige Entscheidung treffen konnte, spürte den Druck der anderen, erfuhr Unverständnis, Ärger, Mitleid und musste die öffentliche Missbilligung ihres Ehemanns ertragen.
Was aber ging in ihr vor? Wollte sie uns ihre Macht auf diese stille Weise zeigen: „Solange ich wähle, gibt es auch für euch nichts zu essen.“ Nahm sie dafür unsere Missbilligung in Kauf, nach dem Prinzip: Besser von allen geächtet, als gar keine Beachtung? Wollte oder konnte sie nicht entscheiden? Wollte sie ohne Risiko entscheiden, wollte sie unbedingt nur das Richtige wählen? Wollte sie alles auf einmal und auf nichts verzichten?
Warum hat sie nicht darum gebeten, noch einen Moment lang die Karte zu studieren und ihre Entscheidung etwas später zu treffen? Wahrscheinlich wäre niemand ungeduldig und ärgerlich geworden. Warum hat sie sich nicht für irgendein Gericht entschieden, um sich aus der Bedrängnis zu befreien. Im schlimmsten Falle hätte es ihr nicht geschmeckt. Das aber war bei jeder anderen Wahl auch nicht auszuschließen. Was hat ihr den Blick für diese oder ähnliche Lösungen verstellt?
Für ihre Unentschlossenheit musste sie einen hohen Preis zahlen. Aber warum und wofür? Was Schlimmeres konnte sie damit verhindern? Lieber nicht entscheiden und die Konsequenzen dafür tragen, als was Falsches zu tun und bestraft zu werden?
Vielleicht waren wir nicht Zeuge bloßer Unentschlossenheit, sondern eines Konfliktes zwischen Anpassung und Eigenständigkeit, den Karin dann schließlich mithilfe eines eigenartigen ‚Entscheidungs-Anpassungs-Zwitters’ bewältigte. Indem sie sich der Wahl ihres Mannes anschloss, die ja nicht falsch sein kann, denn was der Herr tut, das ist wohlgetan, nicht ihr Wille geschehe, sondern der seine, hat sie sich angepasst und zugleich ein ‚bisschen’ eigenständig entschieden. Wenn das zutrifft, dann liegt die eigentliche Dramatik darin, dass sie sich in einem Teufelskreis bewegt.
Sie hat große Angst, etwas falsch zu machen und gerät in Entscheidungssituationen in eine Art Stillstand. Dafür nimmt sie - wie hier - Missbilligungen durch andere in Kauf und versucht, unter Druck dem vermeintlichen Bestrafungsrisiko durch Anpassung zu entgehen. Dadurch kann sie nicht erfahren, dass eigenständig getroffene Entscheidungen möglicherweise gar keine Kritik nach sich ziehen, vielleicht sogar positiv bewertet werden. Solche Erfahrungen aber wären notwendig, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Es dürfte schwierig für sie sein, aus einer solchen Falle zu entkommen. Dieses Problem ist sicher nicht erst heute entstanden und wird sich auf mehr als nur auf die Auswahl von Speisen beziehen.
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