NIE WIEDER KRIEG. NIE WIEDER FASCHISMUS. NIE, NIEWIEDER!
Noch immer Sommer. Susanne ist mit der Mutter nach Warschau gefahren, den Vater zu besuchen. Sie haben viel Zeit, denn die Mutter darf nur zu bestimmten Stunden den Vater treffen. Dann halten sich die beiden in der Nähe der Kaserne auf. Die Mutter geht mit Susanne am Weichselufer spazieren. Am Fluss liegen offene, flache Kähne. Auf zwei langen Brettern balancieren die Frauen vom Ufer zu ihren Kähnen und von den Kähnen zum Ufer. Nur Frauen halten sich auf den Kähnen auf. Sie tragen schwere Röcke und unter ihren Blusen nichts weiter als Hemden, ob sie schlank sind oder füllig. Ihre Kopftücher haben sie tief ins Gesicht gezogen. Sie waschen in großen Holzbottichen Wäsche, die Röcke geschürzt, die Blusen hochgekrempelt, dennoch nass. Sie rubbeln auf ihren Waschbrettern, schlagen mit Bleueln, Holzkeulen, die Wäsche, wringen sie aus, indem sie mit großer Geschwindigkeit die Wäsche zu dicken Seilen werfen, drehen. Seifenlachen ziehen weißlich von den Kähnen in das Flusswasser. Susanne kann von den Frauen auf den Kähnen nicht mehr lassen. Die Mutter versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Doch die werfen unfreundliche Blicke oder reagieren überhaupt nicht. Sie tuscheln miteinander. Susanne drängt. Am nächsten Tag machen sie sich wieder zu den Kähnen auf. Die Mutter kauft in der Nähe ihrer Pension ein Blumensträußchen, überlegt dann. Das geb ich dem Vati!, sagt sie, geht nochmal zurück in die Pension, packt dort ein Stück Seife, etwas Brot in zwei kleine Päckchen. Die Mutter sagt, wie Susanne es anfangen soll, zu den Frauen auf die Kähne zu gelangen. Susanne geht die Böschung hinunter, schaut nach rechts oder links, ob nicht etwa Feldgendarmerie oder eine Wehrmachtspatrouille kommt, läuft über die Bretter zu einem der Kähne, streckt die Arme aus, hält einer Frau die beiden Päckchen hin. Die Frau schaut sich kurz um. Eine andere ruft etwas. Die Frau lässt das Päckchen in der Weite ihres Rockes verschwinden. Die Frauen erscheinen auf ihren Kähnen, die, dann die, dann die, sie nicken der Mutter zu oder sehen sie nur an. Jeden Tag geht Susanne nun zu den Polinnen auf die Weichsel. Manchmal bringt die Mutter ihnen eine Kleinigkeit mit. Manchmal lässt sie Susanne bei den Frauen, während sie den Vater besucht. Nimmt die Mutter Susanne zum Vater mit, wird Susanne nichts über ihre Besuche bei den Polinnen sagen. Sie wird mit der Verschwörung groß. Verschweigen ist ihr selbstverständlich. Das eine ist, was man sieht, was man tut. Das andere ist, worüber man redet. Wovon der Vater nicht weiß, dafür kann er nicht.
VOLKSFEINDE. IN ISOLATION ZU HALTEN, DENN UNVERBESSERLICH. MULDEN IM EICHENWALD, KUHHERDEN WURDEN UEBER DIE GELOCKERTE ERDE GETRIEBEN. DASS SIE DENEN DARUNTER NICHT ZU LEICHT WERDE, DENEN DARUEBER DAS VERGESSEN ERLEICHTERE.
Unvermeidlich der Abschied von den Frauen auf den Kähnen. Susanne heult jämmerlich, will nie, nie wieder von diesen Frauen, aus dieser Gemeinschaft weg.
Tante Martha von der Mittwejd'schen Verwandtschaft der Mutter mit hübschem Gesichtel, kaum sichtbarer Buckel, lebt von Vermögen, bewohnt die ganze untere Etage eines herrschaftlichen Hauses, die Wohnung ihres Onkels, den sie gepflegt und beerbt hat. Parkettfußböden, Glasschiebetüren zwischen den Räumen, die Decken stuckverziert, überall Glühlampen, sodass die Decke wie ein Sternenhimmel erstrahlt, schaltet man die Glühlampen ein. Tante Martha spielt auf dem Flügel des Onkels und geht der Wohltätigkeit nach. Sie strickt Socken für Soldaten, ist in der Frauenschaft eine Nummer, denn sie betreut eine Gruppe BDM-Mädchen. Mit ihnen sammelt sie Brombeerblätter, Lindenblüten. Die Blätter von Maulbeersträuchern, die rings um Euba wachsen, sind für die Seidenraupenzucht in der Berufsschule bestimmt. Ein höchst lächerliches Unternehmen, meint Susanne. Was haben die hässlichen, vor sich hin fressenden Raupen mit den hauchdünnen Nahtstrümpfen zu tun, mit den buntblusigen Stoffen, Tüchern, die ein Windhauch davonträgt! Appelle finden auf dem Schulhof statt, militärisch-zackig, was Susanne immer begeistern kann, die Mädchen dann nicht in gewöhnlichen Arbeitssachen, sondern in der Tracht, graublaue Blusen, Schlips, schwarze Röcke. Die Mädchen ziehen sich um, stürzen sich in schwarze Turnhosen, weiße Hemden, in der Mitte das Emblem. Ab geht es zur Turnhalle. Gymnastik, Übungen an Leitern, die, schräg gestellt, als Rutsche dienen. Susanne klettert Sprossen hinauf, lässt sich breitbeinig heruntergleiten, und die Mädchen fangen sie auf. Die Mädchen wollen Susanne als Tante Marthas Maskottchen überall dabeihaben. Den Rundlauf veranstalten sie eigens für sie: In der Mitte der Turnhalle hängt ein Metallkranz, an ihm Strickleitern. Die werden heruntergelassen. Jedes Mädchen stellt sich vor einer auf. Nach einem Kommando ergreifen sie mit einer Hand die Strickleiter, rennen los, der Kranz beginnt sich zu drehen. Ist genug Fahrt, springen die Mädchen auf die Leiter. Das kräftigste greift Susanne, hält sie am Schlafittchen, sodass sie nun mit an der Leiter hängt, sich wie auf einem Karussell drehen lässt.
Kommt Feldpost, muss jemand anderer den Laden versorgen. Die Mutter rennt in die Küche, um den Brief zu lesen. Susanne rennt mit, wartet darauf, dass die Mutter ihr vorliest, was am Ende jedes Briefes steht: UND VIELE KÜSSE FÜR MEIN BUTZEMÄNNCHEN! Nie wird der Vater sein Butzemännchen, Susanne, vergessen. Ach, ach, die arm Menschen!, seufzt die Mutter beim Brieflesen, klagt über fremdes Elend. In Russland ist der Vater nun unterwegs. Kischinjow, Dnepropetrowsk, Minsk, die Ukraine sind Namen, mit denen Susanne im Laufe der nächsten Monate vertraut werden wird. Der Vater schreibt zweimal in der Woche. Wird die Post regelmäßig befördert, hört Susanne zweimal in der Woche: Und viele Küsse für mein Butzemännchen! An den Nachmittagen, nachdem es Feldpost gegeben hat, wird die Mutter keine Lust haben zu schimpfen, zu prügeln.
Nie hat der Vater Sonderurlaub bekommen wie andere Soldaten und selten Heimaturlaub. Kaum ist er in Russland, darf er nach Euba fahren! Wunderbare Herbsttage beginnen. Zu Bett will Susanne nun gar nicht mehr. Es achtet auch niemand auf sie. Die Mutter und der Vater sitzen miteinander auf der Ofenbank im Kontor, reden. Susanne hockt unter dem Tisch, hört zu, versteht mal ganze Sätze, mal Wortfetzen, mal überhaupt nichts. Warm ist es draußen, warm drinnen. Susanne schlummert weg, schreckt hoch. Ihren Namen hat sie gehört: Butzemännchen. Ja!, sagt sie, kriecht verschlafen unter dem Tisch hervor, begierig zu erfahren, was man von ihr wolle. Doch die Eltern wollen nichts von ihr. Im Gegenteil, sie fahren zusammen, sind nicht darauf gefasst, dass Susanne da ist. Aber ihr habt mich doch gerufen!, sagt Susanne. Die Eltern bestreiten es. Die Mutter bringt Susanne zu Bett. Susanne wird unsicher. Von wem haben die Eltern gesprochen? Warum sind sie so durcheinander? Aber ich bin doch euer Butzemännchen, sagt sie. Na klar, du bist unser Butzemännchen, bestätigt die Mutter. Susanne schläft wieder ein, hat jedoch am nächsten Morgen nichts vergessen. Was is denn nu mit Butzemännchen? Ich bin doch Butzemännchen! Sie gibt nicht nach, bis der Vater ihr erklärt. Das isn kleener Junge, der kommt immer zu uns, wenn der Wirt-Paule Wache hat! - Was isn das fürn kleener Junge? Susanne weiß noch lange nicht genug. Ein Junge, der ihren Namen trägt! Das isn kleener Junge, der hat keene Eltern mehr! - Ein Russki? Susanne kennt sich aus. In Russland wohnen Russkis. Nee, e Russki isser nich. Der Vater mag seine kleine Tochter nicht anlügen. Susanne wird noch neugieriger. Ein anderes Butzemännchen, das kein Russki ist, wo der Vater doch in Russland ist, wo Russkis leben? Sie sprechen ja dauernd von Russkis. Na ja, da gibt's verschiedene! Der Vater weicht aus. Mehr wird Susanne aus ihm nicht herausbekommen. So nimmt sie sich die Mutter vor, die auf Dauer Susannes Terror nicht gewachsen ist. Dass de mir ja den Mund hältst!, meint sie. Susanne hat schon Proben ihrer verschwörerischen Eignung geliefert. Sie wird niemandem etwas sagen, nicht der Rosie, nicht mal der Oma im Zimmer oben. Das is oo e Butzemännchen!, sagt sie. Susanne ist klug wie zuvor. Die Mutter muss weitersprechen: Das isn Junge mitm gelben Stern! Oje. Nun weiß Susanne, was los ist. Doch dann kriegt sie wieder das Grübeln: Warum hat die Mutter gesagt, das sei auch ein Butzemännchen? Was sind Butzemännchen? Warum nennt der Vater sie mein Butzemännchen, und warum hat er den kleinen Jungen genauso genannt?
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