Man sollte es nicht für möglich halten, aber innerhalb der AIDA Flotte gehörte die AIDAdiva mit ihren knapp 70.000 Bruttoregistertonnen (BRT) und ihrer Kapazität von ca. zweitausend Betten inzwischen zu den eher „kleineren“ Schiffen. Das inzwischen neueste und größte Schiff der AIDA Flotte, die AIDAnova, war 183.900 BRT schwer und mit ihrer Passagierkapazität von etwa fünftausend Betten das zweitgrößte Schiff der Welt.
Aber zurück zur AIDAdiva. Das Einchecken in einem besonderen Abfertigungsbereich verlief professionell und problemlos. Wir gaben die Koffer ab, erhielten zwei AIDA-Kreditkarten, mit denen wir während der Reise auf dem Schiff bezahlen konnten. Der Altersschnitt der Passagiere war gut gemischt, wir gehörten durchaus zu den älteren Semestern. Ein kleiner Fauxpas meinerseits trübte jedoch die Stimmung. Als ich Marianne bei dem Betreten des Schiffes nach ihrer Kabinennummer fragte, gab sie zurück: „Auf dem vierten Deck“. Als ich antwortete, dass sich unsere Kabine auf dem siebten Deck befinde, antwortete sie schnippisch: „Wie schön für euch.“ Erst später wurde mir klar, dass mich meine Frage als absoluten Kreuzfahrtneuling enttarnt hatte. Nach der Kabine fragt man unter Kreuzfahrtgästen nicht, denn alles, was unterhalb des sechsten Decks liegt, ist popeliges Kreuzfahrt-Economy , und wer will schon gerne zugeben, dass er dort wohnt? Jedenfalls waren durch meinen Lapsus unsere Beziehungen zu Marianne und August beschädigt. Wir sollten uns zwar noch dann und wann auf dem Schiff oder auf dem Land sehen, wurden aber gemieden. So schnell kann man Freunde fürs Leben verlieren.
Unsere Kabine auf dem 7. Deck übertraf unsere Erwartungen bei weitem. Sie war hell, keineswegs zu eng und besaß einen Balkon mit freier Aussicht auf das Meer – um genauer zu sein: unsere Kabine war inklusive Balkon 23 m² groß, etwa sechs Meter lang und dreieinhalb Meter breit. Das Bad war klein, aber funktional, es besaß eine Stehdusche und ein Waschbecken. Die Kabine enthielt weiterhin einen Schrank mit Safe und einen schmalen, mehr angedeuteten, als realen Schreibtisch mit Stuhl und Spiegel unter dem Fernseher, der etwas erhöht an der Wand angebracht war. Hinter den beiden Betten gab es noch eine kleine dreiteilige Sitzgruppe vor der breiten Fensterfront. Auf dem etwa sechs Quadratmeter großen Balkon befanden sich zwei Stühle und, wie wir erst einen Tag später entdecken sollten, sogar eine Hängematte. Auch die von uns bestellte Kaffeemaschine war bereits da, so dass wir mit einem frischen Kaffee auf unserem Balkon unsere Ankunft feierten. Auf dem Balkon eines Kreuzfahrtschiffes zu sitzen, Kaffee oder Wein zu trinken und auf Land und Meer zu blicken, gehört zweifellos zu den größten Genüssen, die eine Kreuzfahrt zu bieten hat. Wir blickten auf die Küste von La Romana, sahen den Hügel oberhalb der Stadt, wo Madame Catherine residierte und beobachten, wie zwei Busse vor der Ankunftshalle stoppten. Sie brachten jene AIDA-Passagiere zum Schiff, die den schweineteuren Direktflug von Frankfurt nach La Romana gebucht hatten.
Wie neugierige Kinder liefen wir den ganzen Tag durch die AIDAdiva, passierten das monumentale Auditorium, besuchten diverse Bars und Restaurants, Wellnessbereiche und Sporträume und lernten erst nach geraumer Zeit, uns innerhalb der Vielfalt der Treppen und Gänge zu orientieren.
Einen ersten Dämpfer erlebten wir beim Anblick des Pooldecks. Eine kaum überschaubare Menschenmenge, häppchenweise auf ihren Liegen parzelliert, briet in der Sonne, fußläufig entfernt von der Cocktailbar, an der es sich bereits die ersten Kreuzfahrtteilnehmer gutgehen ließen. „Macht nichts“, meinte Lilia. „Wenn es uns zu voll wird, bleiben wir einfach auf unserem Balkon.“ Ich fragte mich, was die Gäste machten, die nur eine Innenkabine gebucht hatten. Neugierig riskierte ich auf dem Rückweg einen Blick in eine der Innenkabinen, die gerade gereinigt wurde. Fast so groß wie die unsere, stellte ich fest, allerdings einem ewigen Dämmerlicht ausgesetzt, das den Leuten aufs Gemüt schlagen musste. Da würde auch das Bild eines prachtvollen Horizontes, das anstelle eines Fensters an der Wand hing, nicht helfen.
Eine freudige Überraschung bot das Abendessen, dessen Opulenz überraschte. Fleisch und Fisch bis zum Abwinken, Pasta, Salate, Krabben, Suppen, Vor – und Nachspeisen und durchaus trinkbare Weine standen zur Verfügung. Nur die Zahl der Tische in den Restaurants war vielleicht etwas knapp bemessen, so dass man gezwungen war, sich zu anderen Gästen an die Tische zu setzen, was allerdings kein Problem darstellte. Auf diese Weise unterhielten wir uns mit einer Reihe von Paaren und lernten, dass die Konversation unter Kreuzfahrtteilnehmern vor allem darin bestand, sich gegenseitig von seinen bereits absolvierten Kreuzfahrtreisen zu erzählen. Da wir Neulinge waren, konnten wir in dieser Hinsicht wenig anbieten, denn von Backpackerreisen durch Südamerika wollte auf der AIDAdiva niemand etwas hören. Eine Tischnachbarin erzählte, dass sie schon zwölf Kreuzfahrtreisen mit allen namhaften Anbietern hinter sich gebracht hatte, wobei sie nicht unwitzig anmerkte, dass dieses Leben von Kreuzfahrt zu Kreuzfahrt sie in einen Kugelfisch verwandelt hätte, das hieß, dass sie auf den Kreuzfahrten mächtig zunahm und in den kreuzfahrtfreien Intervallen alles wieder abhungern musste. Ihr Mann folgte dieser Erzählung ohne sichtbare Anteilnahme, weil er diese Geschichte wahrscheinlich schon hundertmal gehört hatte. Mir aber war sie neu, ich nickte artig und lachte an den richtigen Stellen, trank und trank und war nach dem Abendessen fast zu knülle, um an der obligatorischen „Rettungsübung“ teilzunehmen. Diese Rettungsübung gehörte übrigens zu den wenigen Pflichtterminen, die ein Kreuzfahrtpassagier auf keinen Fall versäumen durfte. Punkt 20:00 Uhr erklang ein markerschütterndes Alarmsignal als Zeichen dafür, dass jedermann mit seiner Rettungsweste zu einem bestimmten Ort des Schiffes rennen musste. Dort warteten bereits die Offiziere, die die Anwesenheit penibel kontrollierten, um uns nach einer Viertelstunde wieder wegzuschicken.
Der Tag endete schließlich mit dem ersten Höhepunkt unserer Reise. Langsam legte das Schiff ab, und während aus riesigen Boxen Enya-Musik erklang, fuhr die gigantische AIDAdiva in die schwarze Nacht hinein. Ein Moment der Ergriffenheit, dessen Intensität mich verwunderte. Wie schön wäre es gewesen, jetzt mit meiner Gattin einen Merlot zu trinken, doch leider war die Rotweinflasche, die ich im Koffer mit aufs Schiff geschmuggelt hatte, geplatzt und ausgelaufen. Dass ich eine Rotweinflasche mit auf ein All-Inklusive Schiff geschmuggelt hatte, zeigte einmal mehr, was für ein Kreuzfahrt-Depp ich noch war.
Seetag auf der AIDAdiva.
Aufgabenstellung: Finden Sie die freie Liege
Unsere Kreuzfahrt begann mit einem „Seetag“, während dem unser Schiff einen Tag lang von der Dominikanischen Republik quer durch die östliche Karibik zu den niederländischen Antillen fuhr. Unter „Seetag“ versteht man jene Reisetage, in denen das Schiff nur Strecke macht und nirgendwo anlegt. Die Reiseprospekte suggerieren, dass man an solchen Tagen die Beine am Pool lang legen, sich rundum entspannen und die Seele baumeln lassen kann. Das sollte sich als glatte Lüge herausstellen. Möglicherweise war man bei der Planung des Schiffes davon ausgegangen, dass ein Viertel der zweitausend Passagiere den Seetag verschlief, ein Viertel shoppte, ein weiteres Viertel aß, so dass sich dann nur noch gut fünfhundert Menschen auf dem Pooldeck drängeln würden. Diese Rechnung war natürlich irreal, denn schon am frühen Morgen unseres ersten Seetages herrschte ein hektisches Gedränge auf dem Oberdeck. So früh sie konnten, blockierten die Leute die Liegen, um auf ihnen unverdrossen, fast verstockt, in der Sonne zu braten. Mein Leben lang hat mir vor überfüllten Stränden gegraut, nun sah ich mich auf der AIDAdiva einer endzeitlichen Ballung nackten Fleisches auf engstem Raum gegenüber. Überall Bewachung persönlich beanspruchter Räume, misstrauisches Beäugen von Neuankömmlingen oder Nachbarn, die möglicherweise in den eigenen Bezirk vordringen wollten. Geräusche wie in einem Hallenschwimmbad, konterkariert von den Klängen einer karibischen Kombo, die emsig vor sich hin dudelte. Natürlich war keine Liege mehr frei, als wir nach dem Frühstück den Poolbereich betraten. Mit Mühe ergatterten wir zwei freie Stühle, mit denen wir uns an die Reling setzten und aufs Meer blickten. Dieser Anblick war schön, aber auf Dauer langweilig, so dass wir uns schon nach zwei Stunden wieder in unsere Kabinen zurückzogen.
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