„Noch nicht!“, sagte Magi Achain. Er stand auf und deutete mit ausgestreckten Arm schräg nach oben. „Das bedarf noch einer Erklärung. Und zwar einer guten, Wottack!“
„Was meinen Sie?“
„Ich kann eine schwache magische Ausstrahlung feststellen. So schwach, dass ich erst nach einem Hinweis und mit höchster Konzentration in der Lage war, sie zu erspüren. Was aussieht, wie ein Tafelberg, dem der Gipfel fehlt, ist in Wirklichkeit ein ganz normaler Berg, dessen obere Hälfte getarnt ist. Warum? Und wer in den Kaltlanden ist mächtig genug, um so einen Zauber zu bewirken?“
„Sie reden Unsinn!“, behauptete unser Führer. Aber zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, wirkte er unruhig und in die Enge getrieben.
„Wir werden feststellen, ob es Unsinn ist“, sagte ich, um ihn weiter unter Druck zu setzen. „Morgen früh folgen wir der Serpentinenstraße nach oben, anstatt sie dort hinten zu verlassen, wie Sie es vorhaben. Wir gehen dorthin, wo der obere Teil des Berges sein muss.“
„Das werden Sie nicht tun!“, sagte er drohend.
„Wer sollte uns daran hindern?“, fragte ich.
„Ich werde Sie verlassen. Hier mitten im Ringgebirge. Der Weg von hier aus weiter nach Süden wird von Meile zu Meile schwieriger und ist an manchen Stellen nicht einmal als solcher zu erkennen. Sie werden ohne mich niemals die Ringlande erreichen. Alles, was Ihnen dann bleibt, ist die Rückkehr nach Skjargard. Falls die Wächter Sie nicht unterwegs töten.“
„Vielleicht kehren wir wirklich um. Aber zumindest wissen wir dann, was man hier vor uns verbergen will. Womöglich ist dies ein geheimer Stützpunkt der Kurrether und Sie arbeiten für die andere Seite.“
„Unsinn!“, brüllte er.
„Morgen wissen wir mehr“, half mir Magi Achain.
Und Fürst Borran sagte mit leiser, aber befehlsgewohnter Stimme: „Ruhe jetzt! Pia übernimmt die erste Wache, wir anderen legen uns schlafen.“
Am folgenden Morgen war Wottack nicht mehr da. Er war für die Wache nach Mitternacht eingeteilt gewesen und hatte vermutlich zu dieser Zeit sein Pferd gesattelt. Nun war er auf und davon. Wir fanden keine Spuren, die verrieten, ob er dem von ihm vorgeschlagenen Pfad oder der Serpentinenstraße gefolgt war.
„Er hat ein schlechtes Gewissen“, folgerte Pia Tenga. „Jetzt können wir sicher sein, dass der Gipfel des Berges ein Geheimnis verhüllt, das zugunsten der Kurrether wirkt.“
„Was aber bedeutet, dass es für uns gefährlich ist, es zu erkunden“, sagte ich.
Wir alle starrten nach oben. Über der Kante, die ich am Abend vorher kriechend überwunden hatte, war strahlend blauer Morgenhimmel zu sehen. Die Sonne stand im Osten, ein Adler flog hoch oben. Es sah wirklich so aus, als existiere nichts oberhalb der Abbruchkante.
Magi Achain konzentrierte sich wieder, schüttelte dann aber den Kopf. „Zu schwach“, sagte er. „Was auch immer es ist und wer auch immer diese Illusion geschaffen hat, es ist eine mächtigere Magie, als wir sie in den Ringlanden kennen.“
„Heißt das, wir sollten Wottacks Anweisung befolgen und den Gipfel des Berges nicht erkunden?“, wollte Pia wissen.
„Nein, im Gegenteil. Wenn etwas so Mächtiges hier im Ringgebirge existiert, müssen wir herausfinden, was es ist und wer dahinter steckt.“
„Bei mächtiger Magie fallen mir nur die Elfen ein“, sagte Serron, der sich bisher kaum an unseren Gesprächen beteiligt hatte. „Aber die leben nicht im Gebirge.“
„So ist es“, bestätigte ich. „Trolle dagegen könnten hier zu finden sein, aber sie haben nur eine schwache magische Begabung. Riesen und Zwerge gibt es auch noch, aber beide Rassen sind nicht gerade für ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet bekannt. Was also bleibt?“
„Wir werden es herausfinden“, sagte Fürst Borran. „Sattelt eure Pferde, wir folgen der Straße.“
Wir ritten bis zur nächsten Schleife der Serpentinenstraße. Von dort führte sie weiter den Abhang nach oben. Zwanzig Minuten später konnten wir auf unseren Pferden sitzend über die Kante blicken. Das graue Nichts, das ich aus nächster Nähe gesehen hatte, war aus dieser Entfernung nicht vorhanden. Wir sahen staunend eine weite, steinige Ebene. Die Illusion war perfekt.
„Glaubt nicht, was ihr seht“, sagte ich. „Gestern Abend konnte ich durch Tasten die Fortsetzung der Straße und dahinter den Berghang ausmachen.“
„Willst du absteigen und noch einmal hochklettern?“, fragte Pia.
„Nein, wir folgen der Straße. Dort vorne ist die nächste Kurve, dann scheint sie auf die Ebene zu führen. Dort werden wir herausfinden, was Tatsache ist.“
Wir erreichten die Stelle und es war ein erschreckender Moment, sowohl für uns als auch für unsere Reittiere. Denn die Passstraße schien tatsächlich in die Ebene einzumünden - während die Hufe der Pferde weiter einem nicht sichtbaren Weg folgten, der in die Luft hinein nach oben führte. Prompt scheuten die Tiere. Ich wurde beinahe aus dem Sattel geworfen und konnte das Durchgehen des Gauls nur verhindern, indem ich mit einem gewagten Satz absprang, mich neben seinen Kopf stellte und den mit dem Zaumzeug fest an mich zog.
Ich sah zu Boden. Um meine Stiefel war ein graues Wabern, aber sie schienen ebenso in der leeren Luft zu stehen wie die Hufen des Pferdes.
„Zurück!“, hörte ich Pia rufen. „Auf die normale Straße, damit sich die Tiere beruhigen. Dann gehen wir zu Fuß weiter.“
Es gelang uns, die verschreckten Pferde wieder auf sichtbaren Boden zu führen. Dort kümmerten sich Serron und der Fürst um sie.
Ich folgte mit Pia und Magi Achain dem Weg, den wir nur unter unseren Füßen spürten. Er führte mit einer schwachen Steigung nach oben, in die scheinbar leere Luft hinein. Es war ein erschreckendes Gefühl, so mitten im Nichts zu stehen, unter uns rechts der Abhang des Berges und links die Hochebene. Ich ging voran. Meine Angst wurde nur dadurch gemildert, dass ich das Gefühl hatte, mich bei akuter Gefahr mit einem Sprung retten zu können. Als ich mich nach Pia und dem Magi umdrehte, sah ich ihnen an, dass es ihnen nicht besser ging.
Wir waren etwa eine Mannshöhe über dem sichtbaren Untergrund, da begann die Sicht nach links auf die Ebene hin undeutlich zu werden. Als steige dort grauer Nebel auf. Noch einen Schritt weiter, und die Ebene verschwand. Die Straße unter meinen Füßen wurde erkennbar, ebenso der Berghang links von mir, an dem sie entlang führte. Beides war aber vorerst nur undeutlich und verschwommen.
„Ich habe es geschafft!“, rief ich nach hinten und ging weiter, schneller als bisher.
Die Straße lag nun ganz normal vor mir, im Schatten des mächtigen Berggipfels, der die Morgensonne davon abhielt, diese Stelle zu erreichen. Wir befanden uns auf der Flanke eines Berges, der sich nicht von denen unterschied, die um uns herum zu sehen waren.
Nachdem Pia und Magi Achain neben mir standen, blickten wir hinunter auf Serron und den Fürsten. Sie waren bei den Pferden und der Kutsche und starrten mit großen Augen zu uns herauf.
„Wir haben die Grenze der Illusion überschritten!“, rief ich ihnen zu.
„Wir sehen euch mitten im Himmel stehen“, rief Serron zurück. „Man könnte glauben, ihr fliegt. Schlagt mit den Armen, als seien es Flügel, und ihr könnt in dieser Richtung in einer Stunde die Ringlande erreichen.“ Er deutete nach Süden.
Ich lachte und rief ihm zu: „Das werde ich nicht versuchen. Aber wir folgen jetzt der Straße weiter nach oben. Ich glaube nicht, dass ihr uns folgen könnt. Die Pferde werden das keinesfalls mitmachen. Beobachtet uns weiter.“
Die Bergflanke sah nicht anders aus als in den tieferen Regionen: Erde und Steine, dazwischen größere Felsbrocken und ein paar dürre Sträucher, die sich an freien Stellen im Boden festkrallten.
Magi Achain bat mich, stehenzubleiben. Er konzentrierte sich, schloss die Augen und blieb einige Minuten so. Dann sagte er: „Ich spüre dasselbe wie vorher. Gehen wir weiter. Wie hoch reicht diese Serpentinenstraße eigentlich?“
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