1 ...7 8 9 11 12 13 ...22 Unterwegs wichen wir an passender Stelle Richtung Osten von der Straße ab und überquerten bei eisigem Wetter die Grenze zur Provinz Krayhan.
Charam mit den Weinfässern
Dernheim hieß der Ort, den wir Wochen später erreichten. Auf den ersten Blick ein Dörfchen wie andere auch, und doch traf das nicht ganz zu, wie wir erfahren sollten. Hier gab es zwölf Häuser nahe am Ufer des Donnan, sechzig Meilen von der Hauptstadt Dongarth entfernt. Dernheim lebte von Geflügelzucht und Kleinviehhaltung. Niemand war wohlhabend, niemand wusste viel von der Welt außerhalb des Umkreises eines Tagesmarsches. Eier, Geflügel, Hasen und andere Produkte wurden in einen größeren Ort namens Brengen gebracht, zehn Meilen stromabwärts. Dort hatte auch der Kontrolleur seinen Sitz, dessen Aufgabe es war, die Waren aus Dernheim in seinen Listen zu erfassen und zu prüfen, ob die Vorgaben erfüllt wurden. Das alles erfuhren wir bereits unterwegs, als wir uns nach diesem Ort erkundigten.
Eine Tagesreise von Dernheim entfernt verkauften wir unsere Pferde und Borrans Kutsche. Der Fürst hatte sich so weit erholt, dass er bis zu zehn Meilen marschieren konnte, wenn wir regelmäßig Pausen eingelegten.
Als Reisegruppe von fünf Personen, ausgestattet mit Reitpferden, Packpferden und einer Kutsche, wären wir in einem armen Dorf aufgefallen. Nun gingen wir zu Fuß und zogen zwei Esel mit uns, die das Gepäck trugen. Unsere Kleidung war durch die lange Reise so mitgenommen, dass wir wie Erntehelfer auf der Suche nach Arbeit aussahen, und das war gut so.
Wir kamen abends in dem Ort an und suchten nach dem Weg zu einem weiter westlich gelegenen Bauernhof. Man hatte uns seine Lage beschrieben, aber wir fanden ihn nicht. Schließlich fragten wir einen Mann, der einen leeren Schubkarren vor sich her schob.
„Hört sich an, als wollten Sie zu Charam mit den Weinfässern“, sagte er. „Der Feldweg ist fast zugewachsen. Dort drüben, zwischen den Bäumen müssen Sie durch und dann immer geradeaus.“
„Charam mit den Weinfässern?“, fragte ich. „Wir wollen nicht zu einem Weinhändler, sondern zu einem Bauern, der Helfer einstellt. So jedenfalls hat man es uns erzählt.“
Der Mann lachte. „Charam verkauft keinen Wein, er säuft ihn. Er hat immer mehrere Fässer in seinem Keller. Zweimal im Jahr kommt ein Händler vom Sall herüber und bringt neue. Charam gibt das ganze Geld, das er mit seinem Hof verdient, für Wein aus. Armer Kerl!“
Dank der Wegbeschreibung fanden wir schließlich ein großes Gebäude mit weitläufigen, eingezäunten Wiesen rundherum, einem Teich und einem schmalen Fluss. Das Haus zwar zweistöckig und hatte Anbauten, vermutlich für Vieh oder als Werkzeugschuppen. Das ganze Gebiet war umgeben von Wald und nur durch den halb zugewachsenen Feldweg zu erreichen.
Wir banden unsere zwei Esel an einem Gatter an, gingen zu der Eingangstür und klopften.
Es dauerte eine Weile, bis die Tür sich öffnete. Ein fetter Mann mit Halbglatze stand vor uns. Er trug eine schmutzig-graue Kutte, die von einer dicken Kordel zusammengehalten wurde. In der Hand hielt er eine Laterne, mit der er uns anleuchtete.
„Ach, ihr seid es. Warum kommt ihr so spät am Abend?“
Ich sah meine Begleiter erstaunt an. Sie sahen ebenso überrascht aus, wie ich es war.
„Kennen wir uns?“, fragte Fürst Borran.
„Selbstverständlich!“, sagte der Mann. „Ich habe Sie vor zwanzig Jahre in Dongarth gesehen.“
„Unmöglich!“, behauptete der Fürst. Er hatte sich so verändert, dass ihn in seinem jetzigen, abgemagerten und vorzeitig gealterten Zustand niemand erkennen konnte, der ihn vor zwanzig Jahren zuletzt gesehen hatte.
Der Mann zeigte auf Pia Tenga und mich: „Wir haben uns vor einem Dutzend Jahren getroffen. Erinnern Sie sich nicht mehr?“
Ich musterte ihn noch einmal und schüttelte den Kopf. Auch Pia wusste nichts mit dem fetten Bauern anzufangen.
„Ja, ja, der Lauf der Zeit“, seufzte der nun. „Damals, da waren wir alle jünger. Außer Frau Tenga, versteht sich, Sie sehen noch genauso aus wie an dem Tag, als Sie in den Lerron-Konvent kamen. Abt Konran hat den damals geleitet, und Mandola war Köchin. Meine Güte, konnte die gut kochen!“
Er rieb sich den Wanst und leckte mit der Zunge über die Lippen, die Augen in verzückter Erinnerung halb geschlossen.
„Den Lerron-Konvent haben wir damals besucht“, sagte ich. „Aber die Mönche dort waren alle ziemlich alt.“
„Ich war der jüngste“, sagte der Mann. „Deshalb saß ich immer ganz hinten und hatte nie die Ehre, mich mit Ihnen persönlich zu unterhalten. Oder das Vergnügen.“ Letzteres sprach er mit einem breiten Grinsen in Richtung Pia.
„Sie waren also Mönch“, sagte ich. „Wie kommt es, dass Sie nun hier auf einem Bauernhof leben? Ich nehme an, Sie sind sein Besitzer, mit Namen Charam?“
„Der Konvent wurde geschlossen. Es hat Abt Konran das Herz gebrochen, er starb während der letzten Tage, als bereits unsere wenigen Besitztümer abtransportiert wurden. Wir sollten umziehen in ein großes Haus in Eronstedt, bis ein neuer Konvent westlich davon für uns gebaut wird. Das war natürlich nur ein Vorwand. Wie die meisten Klöster und Konvente in der Einöde von Arbaran wollte man uns einfach dort weg haben. Angeblich, um das Land zu begrünen und in fruchtbare Felder zu verwandeln. Was nie geschehen ist. Stattdessen ...“
Fürst Borran unterbrach ihn und sagte: „Können wir ins Haus gehen? Wir wollen nicht so lange hier im Freien stehen.“
„Sie brauchen nichts zu befürchten, niemand sieht Sie hier“, versicherte Charam. „Mein Hof ist so abgelegen, dass selbst Einheimische manchmal den Weg nicht finden.“
„Es ist kalt!“, sagte Pia energisch.
„Ach, so! Entschuldigen Sie, daran habe ich gar nicht gedacht. Sie sind ja meine Gäste. Bitte treten Sie ein.“
Das Haus war gemütlich eingerichtet, ein wenig altbacken, aber sauber. Charam führte uns durch sein Wohnzimmer, das mit einem Sessel, einem Sofa und einem großen Bücherregal ausgestattet war, weiter in einen Raum mit einem langen Tisch und vielen Stühlen.
„Das ist das Esszimmer“, sagte er entschuldigend. „Nur hier haben wir alle Platz.“
Eine Tür ging auf und eine alte, dürre Frau kam herein. Sie musterte uns mit herabgezogenen Mundwinkeln, wandte sich dann an Charam und fragte: „Sind sie das?“
„Ja, Inna, das sind sie. Bereite die Zimmer für sie vor, und ein reichhaltiges Abendessen.“
Die Haushälterin zog die Nase kraus, als rieche sie etwas Unangenehmes, und ging wieder hinaus.
„Ich hatte eigentlich noch nicht mit euch gerechnet“, sagte Charam zu uns. „Man hat mir aus der Provinz Malbraan zugetragen, dass eure Reise länger als erwartet dauern wird. Wegen einer körperlichen Schwäche des Fürsten und dem früh einsetzenden Winter in diesem Jahr.“
„Wir haben uns beeilt“, sagte Fürst Borran. „Wer hat Ihnen von uns erzählt?“
„Ostraianer“, antwortete der Dicke, als wäre das ganz selbstverständlich. „Man hat mich gebeten, Ihrer Gruppe für einige Monate Unterkunft und Arbeit zu geben.“
„Arbeit?“, fragte Magi Achain.
„Ja, und das ist nicht einfach. Hühner und Hasen zu füttern ist nicht genug für so viele Menschen. Das würde auffallen. Aber ich habe mir überlegt, dass Sie die Scheune und die Eingrenzungen der Gehege reparieren können. Außerdem will ich schon lange einen Teil des Flussufers einzäunen und dort Gänse halten. Da ist ziemlich aufwendig, deshalb macht es Sinn, einige Hilfsarbeiter einzustellen.“
Das verschlug uns erst einmal die Sprache.
„Keine Sorge“, beeilte sich Charam zu ergänzen. „Die Arbeit ist leicht und Sie haben mehrere Monate Zeit dafür. Je nachdem, wie das Wetter sich entwickelt, werden Sie zu Beginn des Frühjahrs oder noch eher fertig sein. Als Bezahlung erhalten Sie die Mahlzeiten und die Unterkunft. Selbstverständlich Arbeitskleidung sowie ...“
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