Inna musterte uns, als wir alle vor ihr standen und wissen wollten, was wir nun tun sollten. „Die Waffen müssen im Haus bleiben!“, forderte sie. „Niemand auf einem Bauernhof hat einen Degen bei sich, oder einen Säbel. Ein Bauer hat ein gutes Messer, oder von mir aus einen Dolch, aber das muss genügen.“
Pia und ich kehrten in unsere Zimmer zurück, denn nur wir beide hatten sichtbare Waffen bei uns. Serron fühlte sich nicht angesprochen, denn seine Wurfmesser waren in der Kleidung versteckt. Fürst Borran und Magi Achain waren sowieso unbewaffnet.
Die Haushälterin führte uns nun auf dem Hof herum, der größer war, als der erste Eindruck am Vorabend vermittelt hatte. Man musste jeweils durch ein kleines Waldstück gehen, um zur nächsten eingezäunten Fläche zu gelangen. Es gehörten Viehweiden dazu, auf denen allerdings nur Ziegen gehalten wurden, keine Kühe. Außerdem ein Stall, in dem unsere beiden Esel standen, zusammen mit einigen Mauleseln. Sie hatten eine Auslauffläche mit einem Gatter darum herum und einem Bach.
„Wenn die Schneedecke zu dicht wird, füttern wir Heu“, sagte Inna. „Es lagert in der Scheune dort drüben. Außerdem bekommen wir Hafer und andere Körner von den umgebenden Höfen, die zu Dernheim gehören. Das brauchen wir auch für die Hühner.“
„Und Sie machen all die Arbeit alleine?“, fragte Pia Tenga ungläubig.
„Nein, ich habe Helfer, die im Dorf wohnen. Und ich habe Jorg, der ist für die Tiere hier verantwortlich.“
Sie deutete auf einen Mann, der den Waldweg entlang kam, dem wir auch gefolgt waren. Er war zwei Kopf größer als ich und breit gebaut. Das Auffallendste an ihm waren die feuerroten Haare und der Vollbart in derselben Farbe. Er hielt eine Axt in den kräftigen Händen, die seltsam klein wirkte im Vergleich zu ihm. Gekleidet war er in eine ärmellose Jacke und eine Hose aus Leinen. Die Oberarme waren dick wie meine Schenkel und von weißlichen Narben überzogen.
Mein erster Eindruck war, einen ehemaligen Söldner vor mir zu sehen, und ein kurzer Blickwechsel mit Pia und Serron zeigte mir, dass sie ebenso dachten.
Als er vor uns stand, sah er uns aus gutmütigen Augen an und schwang die Axt ein wenig hin und her, als wiege sie nichts.
„Die Bäume dort“, sagte Inna zu ihm und zeigte in den hinteren Bereich einer Viehweide. „Sie sind morsch. Wenn der Schnee sie umwirft, könnten sie das Gatter zerbrechen und die Tiere laufen uns davon. Die müssen gefällt werden.“
Jorg nickte und machte sich auf den Weg dorthin.
„Das ist aber keiner der alten Mönche, wie sie angeblich die ganze Bevölkerung von Dernheim bilden“, sagte Magi Achain.
„Nein. Er war als junger Mann ein Soldat des Fürsten von Arbaran. Bei der Verteidigung eines Konvents in der Einöde gegen Söldner und Riesen wurde er verletzt. Erst durch Schwerthiebe und dann, als er bereits am Boden lag, hat ihm ein Riese mit der Keule auf den Kopf gehauen. Jorg hat überlebt, aber er ist seitdem nur noch für einfachste Arbeiten zu gebrauchen. Der Schlag hat wieder ein Kind aus ihm gemacht.“
„Immerhin ist er kräftig und kann Charam und Sie verteidigen, falls ihr angegriffen werdet“, sagte ich.
„Angegriffen von wem?“, fragte Inna zurück. „Wenn die Kurrether einen Trupp Söldner schicken, oder gar Assassinen, die uns in der Nacht ermorden, kann uns Jorg nicht gegen sie schützen. Gut, Wölfe kann er töten, das ist wahr.“
„Seit wann gibt es so nahe bei Dongarth Wölfe?“, fragte Pia.
„Früher wurden sie bejagt“, antwortete die alte Frau. „Aber seit alles von den Kontrolleuren vorgegeben wird, ist das nicht mehr so. Wölfe sind keine Handelsware, deshalb gilt die Jagd auf sie als Zeitverschwendung. Wer es trotzdem tut, muss sich gegen den Vorwurf wehren, es nur aus Spaß zu machen, anstatt Rehe zu jagen, die man als Wildbret verkaufen kann.“
„Werden jetzt schon Wildtiere in die Statistiken aufgenommen?“, frage ich.
„Nein, aber man erwartet, dass wir zusätzlich zu dem Fleisch, das unsere Kleintiere liefern, auch so etwas anbieten. Und sei es, um auf dem Tisch eines Oberkontrolleurs oder sogar Kurrethers zu landen, damit die uns im Gegenzug in Ruhe lassen.“
„Also eine Art Bestechung“, sagte Fürst Borran. „Ist das inzwischen üblich?“
„Sicherlich. Besonders in Dongarth und anderen großen Städten. Wenn man nicht immer mal wieder etwas extra dazu gibt, schauen die Kontrolleure besonders genau hin.“
„Warum protestiert niemand gegen diese Praxis?“, wollte Magi Achain wissen.
„Wer sich wehrt, lebt nicht lange. Und wir in den Dörfern und auf den Bauernhöfen wissen, wie viel Glück wir haben. Warum sollten wir absichtlich Ärger verursachen?“
„Wieso Glück?“, fragte ich.
„Wir haben immer etwas zu essen. Und jeder Bauer und jeder Dörfler weiß, wie er genügend für sich und die Seinen beiseite legen kann. Notfalls werden die Kontrolleure betrogen, damit man selbst genug hat. In Dongarth dagegen sterben die Leute an Hunger, wenn der Winter hart wird.“
„Wie kann das sein?“, fragte Borran. „Es gibt genügend Lagerhäuser in der Stadt, an den Donnan-Häfen und am Händlerwasen. Was dort vorrätig ist, reicht mehrere Monate!“
„Wenn tatsächlich das drin ist, was sein soll“, sagte Inna. „Und wenn die Qualität es für die menschliche Ernährung tauglich macht.“
„Was heißt das?“, fragte ich.
„Nehmen Sie uns: Wir liefern eine bestimmte Menge Eier. Aber diese Zahl wird immer weiter erhöht und ist jetzt an der Grenze dessen, was die Hühner legen. Es gibt Monate, da haben wir nicht genug, und Monate, da haben wir etwas mehr. Aber Eier kann man nicht lange lagern.“
„Also?“
„Blasen wir überzählige Eier aus. Das Innere verwende ich in der Küche, zum Beispiel für Omelette und zum Backen. Die leeren Schalen heben wir auf.“ Inna deutete auf das Dach einer Scheune, das über den Wipfeln der Bäume zu sehen war. „Dort drinnen sind einige hundert leere Hühnereier. Legen unsere Tiere nicht genug, tauchen wir ein paar von den Eiern in Wasser, bis sie voll sind, und verschließen die Öffnungen mit hellem Wachs. Diese Wassereier legen wir dann zwischen die normalen. Die Kontrolleure zählen und bestätigen die korrekte Anzahl in unserer Lieferung. Der Dongarther, der so ein Ei kauft, hat nur Wasser.“
„Ein schöner Trick. Aber kommen die Kontrolleure euch nicht auf die Schliche?“
„Nein. Die stehen ja auch unter Druck und müssen nach oben die Erfüllung aller vorgegebenen Ziele melden. Deshalb sind sie froh, wenn jeden Monat die Anzahl der Eier stimmt. Die mit Wasser gefüllten erklären sie damit, dass in Dongarth jemand betrügt. Die Händler dort behaupten aber - zurecht - dass sie es nicht sind, also müssen es die Käufer sein. Denen wirft man vor, selbst das Ei auszublasen, es mit Wasser zu füllen und sich dann zu beschweren in der Hoffnung, für das gezahlte Geld ein zweites zu bekommen.“
„Das bedeutet, euer Trick geht zulasten des Letzten in der Kette?“, fragte Pia empört.
„Ja, so ist das wohl. Da kann ich als Rechtfertigung nur sagen, dass in solchen Zeiten jeder zuerst an sich selbst denken muss.“
„Ist das nicht selbstsüchtig?“, wollte ich wissen. „Gerade von einem Bauern, der früher Mönch war und die Güte und die Menschenliebe des Einen Gottes auf Erden vertreten sollte?“
Inna zuckte mit den Schultern. „Ohne Betrug können wir die Vorgaben nicht immer erfüllen. Das bedeutet, es kommt ein Verwalter aus der Hauptstadt, um nach dem Rechten zu sehen. Da das die Hühner auch nicht dazu bringt, mehr Eier zu legen, wirft man uns Sabotage vor. Über kurz oder lang kommt dann ein Trupp Söldner und zündet uns das Dach über dem Kopf an. Es gibt nur zwei Wege, um heutzutage als Bauer zu überleben: Entweder, man betrügt, oder man gibt seinen Hof auf. Was immer mehr tun. Es liegt viel Land brach, gerade hier in der Gegend, wo die Böden nicht so fruchtbar sind wie südlich von Dongarth.“
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