„Wenn wir alle uns daran machen, die Spuren zu verwischen, die Hälfte von uns auf der Straße südlich, die andere ...“, begann Inna.
„Das bringt nichts“, sagte Borran dazwischen. „Wir können nicht sämtliche Spuren bis in einige Meilen Entfernung verschwinden lassen.“
„Was sonst?“, fragte Charam.
„Wir tun das Gegenteil“, schlug der Fürst vor. „Nur die Fußspuren und diejenigen des Kampfes verwischen wir. Dann reiten zwei von uns mit den Pferden irgendwohin, wo wir die Leichen ablegen. Weit weg, so dass man keine Verbindung mit diesem Hof herstellen kann. Es muss auf der Straße so aussehen, als seien sie von Brengen kommend hier vorbei geritten und weiter nach Norden. Was befindet sich dort?“
„Einige Bauernhöfe links und rechts des Weges, und in zwölf Meilen Entfernung eine kleine Stadt, Kranningen.“
„Wenn wir auf ihren Pferden bis dorthin reiten“, überlegte Pia, „am besten abends und mit den beiden Leichen hinter den Sätteln über die Pferderücken gelegt, fallen wir mit Sicherheit jemandem auf.“
„Es wäre ein großer Zufall, wenn nicht“, bestätigte Charam. „Genauso gut können wir um Schneefall beten.“
„Ich habe eine andere Idee“, sagte ich. „Liegt Kranningen auch am Donnan?“
„Direkt am Ufer. Sie haben eine Anlegestelle, weil dort Holz aus den Wäldern im Nordwesten auf Lastkähne geladen wird. Warum?“
„Zwei von uns reiten in der Abenddämmerung bis in die Nähe der Stadt. Ungefähr so gekleidet wie die beiden Toten. Von der Statur her könnten Serron und ich das übernehmen. Wir binden die Pferde irgendwo am Ufer an. Außerdem nehmen wir einen Hasen mit, dem wir dort den Hals durchschneiden. Mit dem Blut legen wir eine Spur von den Pferden zum Ufer des Stroms. Wer das entdeckt, wird glauben, die beiden Kontrolleure seien in Kranningen ermordet und dann heimlich ins Wasser geworfen worden.“
„Und die beiden Leichen begraben wir?“, fragte Magi Achain.
„Nein. Während Serron und ich unterwegs sind, bringt ihr sie zum Donnan und werft sie in der Dunkelheit hinein. Wenn sie irgendwo angeschwemmt werden, kann man nicht feststellen, ob man sie hier oder in Kranningen hineingeworfen hat.“
Der Plan wurde für gut befunden und so umgesetzt.
Es klappte alles, wie wir es uns gedacht hatten - zumindest was Charams Hof anging. Einige Tage nach dem Vorfall kam ein Mann aus Dongarth mit einem Trupp Söldner. Er fragte, ob zwei Kontrolleure auf dem Bauernhof gewesen seien. Charam verneinte.
„Also sind sie direkt von Brengen nach Kranningen durchgeritten“, sagte einer der Söldner zu dem Anführer. „Sie müssen eine Spur verfolgt haben, die dorthin führt. Und es war eine richtige Spur, das beweist ihr Tod.“
Die Männer stiegen ab, sahen sich ein wenig um, ohne etwas Auffälliges zu entdecken, und ritten weiter. Zum Glück war Jorg mit Arbeiten an einem weit entfernten Gatter beschäftigt. Wer weiß, wie er auf diesen Besuch reagiert hätte. Auch Magi Achain und den Fürsten sahen die Söldner nicht, die blieben in ihren Zimmern. Um mich, Pia und Serron kümmerten sie sich nicht, denn wir trugen schmutzige Arbeitskleidung und waren mit Füttern und Ausmisten beschäftigt, als sie kamen. Gewöhnliche Knechte also, deren Anwesenheit sie vermutlich kaum wahrnahmen.
Soweit also das, was auf Charams Hof geschah. Leider geriet aber das Städtchen Kranningen nun in den Mittelpunkt des Interesses, und das war nicht gut für die dortigen Bürger. Wir hörten nur gerüchteweise davon, dass Söldner den Magistrat der Stadt während einer Sitzung überfielen, den Bürgermeister schwer verletzten und die anderen heftig verprügelten. Grund für den Überfall war, dass man in Dongarth vermutete, der Tod des Kontrolleurs und seines Begleiters sei ein Komplott, von dem die Stadtherren gewusst haben müssten, wenn sie nicht sogar die Anstifter waren.
Das löste in der Stadt offenbar einigen Widerstand aus, weil die Mitglieder des Magistrats allgemein beliebt waren. Ein paar Betrunkene fingen einige Tage später im Dunkeln einen Kontrolleur auf dem Heimweg ab und schlugen ihn bewusstlos. Von da an eskalierte die Sache.
Wir nahmen das mit schlechtem Gewissen zur Kenntnis, konnten aber nicht eingreifen, ohne uns selbst ans Messer zu liefern. Also redeten wir abends beim Wein darüber, machten Pläne über einen heimlichen Besuch in Dongarth im Laufe des Winters und warteten ab.
Das änderte sich, als ein Wanderarbeiter auf dem Hof eintraf, der nach Arbeit fragte. Im Winter brauchten die Bauern kaum Helfer, und wir waren sowieso schon zu viele Menschen hier. Deshalb wunderte es mich, dass Charam den Mann zu sich bat und hinter verschlossener Tür eine halbe Stunde mit ihm redete. Dann schickte er ihn wieder weg, nicht ohne ihm vorher von Inna einen ordentlichen Vorrat an Proviant mitgeben zu lassen.
„Kommen Sie alle zu mir!“, sagte er anschließend zu uns.
Wir versammelten uns in seinem Lesezimmer und waren gespannt auf das, was er zu sagen hatte.
„Die Situation in Kranningen ist außer Kontrolle geraten“, begann er. „Es ist unsere Schuld, dass man auf die Stadt aufmerksam wurde. Aber für das, was nun geschieht, tragen die Bürger dort selbst die Verantwortung.“
„Was geschieht denn?“, fragte Magi Achain.
„Nach den Zwischenfällen, von denen wir bereits gehört haben, hat man königliche Soldaten in Kranningen stationiert und ein ganzes Dutzend Kontrolleure hingeschickt.“
„Königliche Soldaten?“, fragte ich dazwischen. „Gibt es die immer noch?“
„Rat Geshkan hält nach wie vor an der Behauptung fest, dass er nur bis zur Wahl eines neuen Königs der Ringlande die Macht in Händen hält“, sagte Charam. „Gerade in solchen Situationen zahlt sich das aus, weil der äußere Schein gewahrt wird. Schickt man Söldner, kann man das als eine Form illegaler Unterdrückung ansehen; schickt man Soldaten in königlicher Uniform, hat es den Anschein der Rechtmäßigkeit.“
„Was sollen die vielen Kontrolleure dort tun?“, wollte Fürst Borran wissen.
„Jedes Lagerhaus genauestens überprüfen, jede Abrechnung, jede Werkstatt eines Handwerkers, jedes Ladengeschäft.“
„Da dürften sie einige Unregelmäßigkeiten entdecken“, vermutete ich.
„Das haben sie bereits. Nicht mehr, als man in jeder anderen Stadt finden würde, das wissen wir alle. Aber nun ist es dokumentiert. Aufgrund der vielen Fehlerberichte hat man das Überprüfungsverfahren von der Provinzhauptstadt Kerrk abgegeben an Dongarth. Dort geht man nun davon aus, dass in Kranningen systematisch Sabotage betrieben wird. Bei einem Dorf würde man in solchen Fällen alle Häuser niederreißen und die Bewohner zwangsweise in andere Provinzen umsiedeln, wo sie unter besonderer Beobachtung als Helfer arbeiten müssten. Bei einer ganzen Stadt geht das nicht.“
„Was tut man stattdessen?“, wollte ich wissen.
Die Antwort konnte ich eigentlich an den Gesichtern der Anderen ablesen, die denselben Verdacht hatten wie ich. Charam bestätigte dies.
„Man wird Assassinen losschicken, die immer wieder Verdächtige und deren Familien töten. Es ist eine bestialische Art der Unterdrückung, weil es nie Beweise gibt. Keiner kann sagen, die Kurrether in Dongarth haben Mörder losgeschickt, keiner kann nachweisen, dass es tatsächlich Assassinen waren. Man findet am Morgen einige zu Tode gefolterte Menschen und jeder weiß, wer es getan hat. Aber alle Bürger halten den Mund, um nicht die nächsten Opfer zu sein. Außerdem, und das ist auch wichtig, werden die Prüfungen der Kontrolleure ausgeweitet und verstetigt.“
„Was heißt das?“
„Man wird auf Monate, vielleicht sogar Jahre hinaus, alles genau überwachen, was in Kranningen geschieht, ebenso in den umliegenden Dörfern und Städten. Wenn wir Pech haben, erstreckt sich der Umkreis dieser Kontrollen bis zu meinem Hof. Aber ich glaube es nicht, wir sind zwölf Meilen entfernt.“
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