Als wir uns zum Frühstück versammelten, war Charam nicht da. Inna, die immer schon Stunden früher aufstand als wir, sagte, er sei noch vor der Morgendämmerung weggegangen.
„Zu Fuß?“, fragte ich. „Dann kann er nicht weit sein.“
Inna sah mich böse an, sagte aber nichts, sondern kehrte zurück in ihre Küche.
Als Charam mittags noch nicht wieder da war, begannen wir uns Sorgen zu machen. Es sah dem dicken Mann nicht ähnlich, eine Mahlzeit zu verpassen. Inna dagegen schien unbesorgt, war aber nicht bereit, etwas zu sagen.
Da nachts Schnee gefallen war, sahen wir Charams Fußspuren, die vom Bauernhof auf die Straße hinaus führten. Dort verloren sie sich im Matsch. Es war nicht einmal festzustellen, ob er ins Dorf gegangen war oder nach Norden, Richtung Kranningen.
„Weiter als zum Dorf schafft er es zu Fuß nicht“, sagte Pia. „Vielleicht hat er dort eine Kontaktperson, die ihm bei der Beschaffung von Pferden und Wagen helfen kann. Einen anderen Grund für sein plötzliches Verschwinden kann ich mir nicht vorstellen. Er wird bald wieder da sein.“
Wir waren alle dieser Meinung, allerdings kam er auch am Abend nicht zurück, und am folgenden Morgen saßen wir wieder ohne ihn am Frühstückstisch. Ich versuchte später, Jorg auszufragen, aber der hatte keine Ahnung. Inna hatte ihm gesagt, alles sei in Ordnung, und das genügte ihm.
Es dauerte einige Tage, bis wir von Charam hörten. Zu dem Zeitpunkt befürchteten wir schon das Schlimmste. Für uns hieß das, dass er möglicherweise Kurrethern oder deren Helfer in die Hände gefallen war und unter Zwang den Hof und unsere Anwesenheit hier verriet. Wir packten die Rucksäcke, mit denen wir gekommen waren, und legten sich griffbereit neben unsere Betten. Einer von uns hielt immer Wache. Tagsüber in der Nähe der Abzweigung von der Straße, die hin zum Hof führte, nachts unten im Eingang des Hauses.
Inna bemerkte das, aber sie fragte nicht nach dem Grund dafür. Weiterhin schwieg sie eisern und sagte nichts, was mit Charam zu tun hatte.
Eines Tages kam ein Fuhrwerk auf den Hof. Es war unschwer zu erkennen, um wen es sich handelte, denn auf der Ladefläche waren fünf Weinfässer festgebunden. Drei lagen in der unteren Reihe, zwei in der oberen.
Inna ging zu dem Kutscher und sagte: „Ich habe nicht gewusst, dass Charam schon wieder eine Lieferung bestellt hat. Lange können wir uns das nicht mehr leisten. Warten Sie, ich rufe Jorg, er hilft abladen.“
Der Mann stieg ab und sah sich um. Er war einfach gekleidet und trug keine sichtbare Waffe. Wenn er Charam regelmäßig belieferte, wusste er, dass wir hier neu waren. Etwas in seinem Blick war seltsam und ich bedauerte, dass ich meinen Degen nicht umgeschnallt hatte.
„Nicht nötig“, sagte er zu Inna. „Die Fässer sind leer. Ich will nur etwas bereden.“
„Charam ist nicht hier“, sagte sie.
„Ich weiß.“ Er musterte mich ebenso wie Pia und Serron. Dann wandte er sich noch einmal an die Haushälterin. „Der ältere Mann - wo sind er?“
Er konnte nur Fürst Borran meinen. Inna deutete zum Haus und der Weinhändler wollte hingehen.
Ich stellte mich ihm in den Weg. „Was wollen Sie von ihm?“
„Mit ihm reden. Sie sind Aron?“
Ich zuckte zusammen, als ich meinen Namen hörte. Wenn man mich in den Ringlanden als Aron von Reichenstein erkannte, war dies mein sicherer Tod. Pia Tenga kam neben mich, Serron bezog unauffällig zwei Schritte hinter dem Mann Stellung.
Der bemerkte es und hob beschwichtigend die Arme. „Lassen Sie mich mit dem alten Mann reden. Von mir aus können Sie dabei sein.“
Ich gab Pia einen Wink.
Sie ging ins Haus und informierte Fürst Borran. Gleich darauf kam sie wieder heraus. „Er erwartet uns im Lesezimmer“, sagte sie.
Wir gingen gemeinsam hinein, wobei ich an der Spitze unserer kleinen Gruppe blieb. Sollte der Mann es auf den Fürsten abgesehen haben, so musste er an mir vorbei - und das würde ich verhindern.
Borran erwartete den Besucher stehend. Magi Achain saß in der Ecke, scheinbar in ein Buch vertieft, das er in der Hand hielt. Der Weinhändler streifte ihn nur kurz mit einem Blick und konzentrierte sich dann auf Borran.
„Ich heiße Vindar Pollderan und soll Ihnen etwas von Charam ausrichten“, sagte er. „Er hat sich Ihre Vorschläge durch den Kopf gehen lassen. Dabei ist ihm eingefallen, dass sich meine Weinhandlung nordwestlich von hier befindet, zwölf Meilen entfernt, in einem Dorf an der Straße nach Windlach am Ufer des Sall. Von dort beziehe ich meine Weine, die ich dann hier in der Region weiterverkaufe.“
„Ist etwas besonders an Ihrer Weinhandlung?“, fragte Borran.
„Das habe ich Charam auch gefragt, und er sagte, sie liege nicht in Kranningen. Was auch immer das bedeuten mag. Jedenfalls hat er mich gebeten, Sie zu ihm zu bringen. Er wartet auf Sie.“
„In Ihrer Weinhandlung? Warum das?“
„Auch darauf habe ich keine Antwort. Aber ich schulde ihm einen Gefallen, einen großen sogar, deshalb habe ich mich einverstanden erklärt, Sie zu ihm zu bringen. Und zwar, ohne dass es jemand bemerkt.“
„Und wie wollen Sie das bewerkstelligen?“, fragte der Fürst.
„Normalerweise liefere ich volle Fässer, die hier in den Keller gebracht werden, und nehme die leeren mit zurück. Diesmal bin ich mit leeren Fässern gekommen. Sie können hineinkriechen und ungesehen mit mir mitfahren.“
„Wie kann ich wissen, dass Sie wirklich von Charam beauftragt wurden?“, wollte Borran wissen.
„Er hat mir ein Wort auf einen Zettel geschrieben, das ich Ihnen sagen soll. Er behauptet, dass niemand in den Ringlanden weiß, was es bedeutet, nur Sie und Ihre Begleiter.“
„Wie lautet dieses Wort?“
Der Weinhändler zog ein gefaltetes kleines Blatt aus der Tasche und las langsam vor: „Burdajlahs.“
Das gab den Ausschlag.
Assassinenmord
Es war eine schreckliche Fahrt. Wir steckten mit angezogenen Knien in den Weinfässern, die zwar sauber waren, aber erbärmlich stanken. Ich hätte nie gedacht, dass der Geruch von Wein so ekelerregend sein könnte. Trotz der warmen Kleidung fror ich nach einer Stunde, und nach zweien hatte ich den Eindruck, meine Beine würden absterben und ich den Kältetod sterben.
Gerade, als ich es nicht mehr auszuhalten glaubte, hielt das Fuhrwerk an und das Fass wurde geöffnet.
„Es ist jetzt dunkel genug“, sagte der Weinhändler. „Wir stehen abseits der Straße. Aber bitte nicht laut reden und möglichst wenige Spuren hinterlassen.“
Wir waren absichtlich am späten Nachmittag losgefahren, um nach einer ersten Etappe eine Pause einlegen zu können. Zwölf Meilen waren für ein Fuhrwerk eigentlich keine lange Strecke, aber die matschigen Feldwege, die Vindar Pollderan wählte, ließen kaum Schritttempo zu. Außerdem fuhr er nicht die direkte Strecke zu seiner Weinhandlung, sondern einen weiten Umweg.
Erstaunlicherweise schien ausgerechnet Fürst Borran die Fahrt am besten zu verkraften. Sein Aufenthalt im Kerker hatte ihn womöglich so weit abgehärtet, dass er unsere Reise als Lappalie empfand.
Nachdem wir uns gedehnt und gestreckt hatten, setzten wir uns um ein kleines Lagerfeuer.
„Hoffentlich kommt unterwegs niemand auf die Idee, Ihre Ladung zu überprüfen“, sagte ich.
„Wieso?“, fragte der Händler. „Ich bringe leere Fässer von meinen Kunden zurück nach Hause. Wenn man dagegen schlägt, klingen sie hohl. Warum sollte jemand da noch verlangen, dass ich sie öffne?“
„Dass sie nicht voller Wein sind, kann jeder schon von weitem sehen“, sagte Serron.
„Wie denn das?“, wollte ich wissen.
„Wären sie voll, würden zwei Pferde diesen Wagen im Matsch nicht von der Stelle bekommen.“
„Normalerweise transportiere ich auch nur zwei bis drei Fässer“, gab der Weinhändler zu.
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