„Also läuft es in Ihrem Gewerbe wie überall“, sagte ich.
„Leider ist das so. Man muss sich anpassen.“
Wir verließen das Haus und gingen zu dem Schuppen dahinter, wo Jorg drei Körbe nahm. Selbst jemand wie ich, der sich um dieses besondere Handwerk nie gekümmert hatte, sah die Unterschiede in der Qualität auf den ersten Blick. Jorgs Körbe waren sauber und gleichmäßig gearbeitet. Sechs davon standen links von der Tür. Rechts waren sehr viel mehr gestapelt, aber die wirkten ungleichmäßig. Die Zweige, aus denen man sie hergestellt hatte, waren verschieden dick und splitterten bereits.
„Was brauchen wir noch?“, fragte ich Jorg.
„Kräuter“, sagte er. „Dort!“
Wir gingen zu einem Haus mit einem auffallend großen Garten. Auffallend, weil dort nicht wie bei anderen Häusern Beete angelegt und Obstbäume gepflanzt waren. Obwohl nun im frühen Winter kaum noch Pflanzen zu sehen waren, glich er einer großen Wiese, die lange nicht gemäht oder von Tieren abgeweidet worden war.
„Ich nehme an, der Heiler hat dort Kräuter angepflanzt, die er für seine Arbeit benötigt“, sagte ich.
Jorg zuckte mit den Schultern. „Hier sind immer viele Bienen und Mücken und Schmetterlinge, im Sommer. Und es riecht gut.“
Der Heiler war ein alter Mann, dem man sofort den früheren Mönch ansah. Schon weil er mit einer der typischen, wenn auch fadenscheinigen Kutten bekleidet war.
„Ist es wieder soweit?“, fragte er, als er uns sah.
„Ja“, bestätigte Jorg. „Wie immer.“ Erneut hielt er die offene Hand mit Münzen hin.
Der Heiler nahm einige davon, während wir in der Tür standen. Dann ging er ins Haus hinein und kam mit einem Leinenbeutel und einer dunklen Flasche zurück.
„Grüße Charam von mir“, sagte der Heiler und schloss die Tür wieder.
„Wofür ist das?“, fragte ich.
„Charam hat Gicht und schlechte Verdauung“, sagte Jorg. „Alle zwei Wochen hole ich Kräuter für seinen Sud und die stinkenden Tropfen.“
Wir spazierten ein wenig umher und er zeigte auf einige der anderen Häuser. „Schlachter, Bäcker, Händler“, sagte er.
„Ein Schlachter in so einem kleinen Haus?“, fragte ich.
„Er kommt zum Hof, um Tiere zu schlachten“, erklärte er. „Schlachten muss sein, sonst haben wir nichts zu essen.“
„Verständlich. Und wer wohnt dort?“ Ich zeigte auf das letzte Haus an der Straße. Es war größer als die anderen und verfügte über einen Anbau, der nicht aussah wie eine Scheune, sondern wie ein bewohnbarer Seitenflügel.
„Die Händlerin. Hat alles, will aber viel Geld dafür.“
Er sagte das abfällig, deshalb hakte ich nach: „Ist sie auch eine ehemalige Nonne?“
„Bestimmt. Aber keine nette. Sie will, dass ich lerne. Immer, wenn ich etwas bei ihr kaufen muss, verlangt sie, dass ich selbst ausrechne, was alles kostet. Aber das kann ich nicht. Und was ich nicht kann, will ich nicht.“
Er redete sich in Wut und ich stellte schnell eine andere Frage, um ihn abzulenken.
„Kauft man bei ihr all die Dinge, die nicht hier im Ort hergestellt werden? Töpfe, Pfannen, Möbel?“
„Bei ihr oder in Brengen.“ Jorg machte mit der freien Hand eine Bewegung Richtung Süden. „Schlechte Leute dort. Inna geht manchmal mit einem Esel hin und holt Sachen.“
Seine Laune besserte sich nicht wesentlich, deshalb gingen wir schweigend die Straße entlang, die zu der Abzweigung Richtung Charams Hof führte. Der Weg war matschig, weil der nachts gefallene Schnee wieder taute. Auf den Ästen der Bäume links und rechts lag er aber noch, die Landschaft sah im Sonnenschein ausgesprochen schön aus.
Die Idylle wurde gestört von zwei Reitern, die uns entgegen kamen. Wir gingen beiseite, um sie vorbei zu lassen, aber sie hielten an. Es waren zwei Männer. Einer war klein und hager, er trug einen dicken Mantel und schien trotzdem zu frieren. Der zweite war dafür umso leichter gekleidet, mit einfacher Hose und Hemd, ohne eine Jacke. Der trug am Gürtel ein Kurzschwert.
„He, Bauern!“, rief der mit der Waffe uns zu, so laut als wären wir weit entfernt. „Wo ist hier der Hof von Charam? Wir suchen seit einer halben Stunde danach.“
Da diese Abzweigung für Ortsfremde leicht zu übersehen war, dachte ich mir nichts dabei und wollte schon antworten.
Jorg ließ aber die Körbe fallen, verschränkte die muskulösen Arme und fragte lauernd: „Warum?“
„Warum was?“
„Was wollen Sie von Charam?“
Nun antwortete der kleine Mann: „Das geht Sie zwar nichts an, aber wir sind von der Kontrollbehörde. Wir gehen Hinweisen nach, dass bei den Eierlieferungen nicht alles in Ordnung ist.“
„Kontrolleure?“, fragte Jorg knapp, und ich sah, wie seine Halsschlagadern anschwollen.
„Ja, wir sind aus Brengen und führen eine Voruntersuchung durch, bevor wir unsere vorgesetzte Stelle in Kerrk informieren.“
Jorg sprang unvermittelt auf das Pferd des kleinen Mannes zu und riss ihn aus dem Sattel. Das verblüffte nicht nur dessen Begleiter, sondern auch mich so, dass wir beide für einen Moment nur zusahen, wie Jorg auf sein am Boden liegendes Opfer einschlug.
Dann reagierten wir aber beide gleichzeitig. Der Reiter stieg ab und zog sein Schwert, ich war mit einem schnellen Satz bei ihm und hielt ihm meinen Dolch an die Kehle. Nun rächte es sich, dass wir auf Charams Hof die Waffen ablegen mussten.
Mein Gegner hielt still, deshalb konnte ich ihm mit der freien Hand das Schwert abnehmen und es beiseite werfen. Er entwand sich mir aber, als Jorg dem kleinen Mann mit einem brutalen Ruck das Genick brach.
Zu meinem Glück griff er mich nicht sofort an, denn ich war durch Jorgs Aktion noch abgelenkt, sondern hechtete sich zu seinem abseits liegenden Kurzschwert.
Ich wollte ihm nach und mit dem Dolch zustechen, doch Jorg war schneller. Er packte den Mann von hinten, drehte ihn herum und griff nach seiner Kehle. Dann drückte er so lange zu, bis sein Opfer tot zusammenbrach. Ich versuchte zwar, ihn davon abzubringen, aber er war wie rasend.
Erst, als beide Männer tot im Dreck lagen, wandte sich Jorg mir zu. „Kontrolleure!“, sagte er und spukte aus.
Dann nahm er die Körbe und ging weiter, als sei nichts geschehen.
„Halt!“, rief ich. „Wir können sie hier nicht liegenlassen. Sobald man sie entdeckt, wird man einen Trupp Söldner zu Charam schicken.“
Er blieb stehen, sah mich überlegend an und kam dann zurück. Ohne etwas zu sagen, packte er die erste Leiche und warf sie über den Sattel ihres Pferdes, und dann die zweite. Dann nahm er die Pferde an den Zügeln und führte sie mit sich.
Ich hob das Schwert auf und folgte Jorg. Er sprach nicht mit mir und auch ich sagte nichts. Hektisch dachte ich darüber nach, wie man den Mord an den beiden Männern vertuschen konnte. Wer wusste, wohin sie unterwegs waren? Wann erwartete man sie in Brengen zurück und würde einen Suchtrupp losschicken, wenn sie nicht kamen? Konnte man die Spuren ihrer Pferde auf dem aufgeweichten Boden verwischen?
Pia und Serron waren bei den Hühnern und rannten zu uns, kaum dass sie uns sahen. Inna kam aus dem Haus, machte aber gleich kehrt und holte Charam, Fürst Borran und Magi Achain.
Wir alle umstanden die beiden Pferde mit den Leichen.
Jorg sagte nur: „Kontrolleure. Waren böse.“
Ich berichtete, was vorgefallen war, und stellte die Fragen, die mir durch den Kopf gegangen waren.
„Spuren verwischen ist schwierig“, sagte Charam bedächtig. „Sie sind den ganzen Weg von Brengen bis hier geritten und dann offenbar einige Male auf der Straße hin und her, weil sie die Abzweigung zu meinem Hof nicht gefunden haben. Wir können hoffen, dass kommende Nacht so viel Schnee fällt, dass er morgen nicht mehr wegtaut. Dann wären die Hufspuren darunter verborgen. Aber darauf können wir uns natürlich nicht verlassen, denn im Moment scheint die Sonne und es sieht nicht nach Schneefall aus.“
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