Am nächsten Morgen luden wir unsere wenigen Habseligkeiten von den Wagen und packten sie um in Satteltaschen. Wir erhielten winterfeste Kleidung und außerdem Proviant, für dessen Transport man uns einige Packpferde versprach.
Fürst Borran hatte sich weiter erholt, aber er konnte sich noch nicht einen ganzen Tag im Sattel halten. Schon gar nicht viele Tage lang hintereinander. Doch nun, da wir einen Teil unserer Reise bereits hinter uns hatten, war er nicht mehr bereit, umzukehren.
„Ich bin entschlossen, mir noch einmal selbst ein Bild von den Zuständen in den Ringlanden zu machen“, sagte er. „Und dabei bleibe ich. Die Entscheidungen, die getroffen wurden, könnten falsch sein. Wer außer mir kann in dem Fall etwas dagegen unternehmen?“
„Niemand“, sagte Pia Tenga, die bei uns stand. „Weil außer Ihnen keiner von uns weiß, um was es eigentlich genau geht.“
„Richtig! Also: Ich muss in die Ringlande. Finden Sie eine Möglichkeit, mich mitzunehmen!“
Erst am Abend kam der Mann, der uns führen sollte. Wir saßen mit den Kriegern um ein großes Feuer zwischen den Zelten, aßen, tranken und redeten über Belangloses, als ein hagerer, schmutziger Kerl von kleiner Statur in den Lichtschein trat. Im ersten Moment dachte ich, es sei ein Bettler, der etwas von dem Braten und Bier abhaben wollte. Aber die Reaktion der Krieger sprach dagegen. Sie rückten beiseite und machten Platz für ihn, als sei er einer von ihnen. Einer stand sogar auf und holte einen Bierkrug für den Neuankömmling.
Der grunzte nur als Dank, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden und trank mit gierigen Schlucken den Krug leer. Dann rülpste er vorsätzlich laut, wandte sich unserer Gruppe zu und sagte: „Ihr seid das also! Na, wenn es sein muss.“
„Was sind Sie für einer?“, fragte Borran in ebenso grobem Tonfall zurück.
„Wottack nennt man mich.“ Er sah uns der Reihe nach an, als erwarte er eine Reaktion auf diese Eröffnung. Als keine kam, fuhr er fort: „Man hat mir eure Gruppe beschrieben. Zwei richtige Männer, ein Magier, ein ehemaliger Fürst und eine Frau, die sich zu verteidigen weiß. Was soll man mit solchen Leuten anfangen?“
Da meine Begleiter überrascht schwiegen, sagte ich: „Soweit ich das verstanden habe, werden Sie uns über das Gebirge führen. Sind Sie trotz Ihrer geringen Größe der richtige Mann dafür?“ Ich sah ihn dabei an, als halte ich ihn für einen Aufschneider.
Er verstand diesen Blick richtig. Mit einer ruckartigen Bewegung stand er auf, sah sich im Kreis der Krieger um, machte kehrt und ging wortlos davon.
„Das hätten Sie nicht sagen sollen“, sagte einer der Skjargarder leise. „Jetzt wird er das Doppelte verlangen von dem, was vereinbart war.“
„Er bekommt Geld dafür, dass er uns in die Ringlande bringt?“ Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass man uns hier half, weil alle gegen die Kurrether arbeiteten.
„Wottack braucht das Geld nicht, er ist reich“, lautete die Antwort. „Er will bezahlt werden, weil das für ihn ein Zeichen von Anerkennung ist. Manche Leute sind eben so.“
„Und jetzt?“, fragte Borran.
„Warten wir bis morgen früh. Dann hat er sich abgeregt. Wir bieten ihm mehr Geld und alles ist gut. Aber überlegen Sie sich künftig, was Sie sagen, wenn er in der Nähe ist. Es soll vorgekommen sein, dass er Leute mitten im Gebirge verlassen hat, weil einer von ihnen eine falsche Bemerkung gemacht hat.“
„Warum hat man ausgerechnet so einen empfindlichen, kleinen Mann als Führer für uns ausgesucht?“, wollte Pia Tenga wissen.
„Weil niemand das Gebirge so gut kennt wie er.“
Dann wandte sich das Gespräch anderen Themen zu.
Wie vorhergesagt kam Wottack am folgenden Vormittag in unser Zeltlager. Er trug andere Kleidung als am Abend. Hose und Jacke waren aus braunem Leder, das aber nicht weich wirkte, sondern hart wie Blech zu sein schien. An den Gelenken, besonders den Knien, waren quer verlaufende Risse, die es ihm ermöglichten, sich zu bewegen. Dazu trug er Stiefel, die viel zu groß für ihn waren, und einen Hut, der an einen Helm erinnerte und auch aus dem harten Leder gemacht war.
„Was glotzen Sie mich so an?“, fragte er und meinte damit wohl uns alle.
„Ihre Kleidung scheint nicht für die Kälte in den Höhenlagen des Gebirges geeignet zu sein“, sagte ich.
„Wir werden sehen, wer schneller friert. Man hat mir gesagt, dass der ehemalige Fürst fußkrank ist. Trifft das zu?“ Wottack sah Borran an.
„Richtig“, bestätigte der. „Fußkrank ist allerdings der falsche Begriff. Geschwächt durch lange ... Krankheit.“
„Wie auch immer, Sie können nicht tagelang gehen oder reiten. Ich habe etwas vorbereitet. Kommen Sie mit.“
Er führte uns auf die Pferdeweide, wo ein einfacher Holzverschlag den Tieren bei schlechter Witterung Schutz bot. In diesem Verschlag stand so etwas wie eine Kutsche. Sie bestand nur aus einem gepolsterten Sitz mit Rückenlehne und einem darüber befestigten Stoffdach als Schutz gegen Sonne und Regen. Es war ein Einachser, dessen beide Räder mir fast bis zur Schulter reichten. Die Speichen waren dünne Metallstäbe und die Laufflächen mit Eisenreifen beschlagen.
„Ist das eine Spezialanfertigung?“, fragte Borran, der wie wir alle dieses seltsame Gefährt bestaunte.
„Eine Dame wollte einmal das Gebirge bereisen“, sagte Wottack. „Sie war zu alt und zu vornehm, um zu reiten. Deshalb hat sie sich diese Kutsche anfertigen lassen. Das Gefährt ist neuwertig, wie Sie sehen, denn der Dame war es in den Bergen zu kalt und windig. Nach einem halben Tag hatte sie genug und wollte zurück nach Hause.“
Wir lachten und Pia sprach die Frage aus, die mir auch auf der Zunge lag: „Woher kam denn so eine vornehme Dame hier in den Kaltlanden?“
„Es war die Mutter unserer Königin Chrissayda“, lautete Wottacks Antwort. „Sie ist bekannt dafür, dass sie all ihren Eingebungen folgt. Und eines Tages hatte sie eben den Einfall, sich im Gebirge umzusehen.“
So seltsam das Gefährt auf den ersten Blick wirkte, es schien robust gebaut und auch für lange Strecken geeignet. Dass der sesselförmige Sitz bequem war, brauchte ich gar nicht erst auszuprobieren. Das sah man auf den ersten Blick.
„Einziger Nachteil ist“, fuhr Wottack fort, „dass man damit nicht schnell fahren kann. Wir Reiter können bei Gefahr im Galopp das Weite suchen. Der Fahrer dieser Kutsche bleibt zurück.“
„Mit welchen Gefahren rechnen Sie denn?“, fragte Pia Tenga.
„Mit den üblichen, die man eben im Gebirge antrifft: Bären, Monster, Trolle und ein paar neue Wesen, die aus anderen Gegenden in die geheime Passstraße eingewandert sind.“
„Es wird also keine gefahrlose Reise?“, wollte Serron wissen.
„Was glauben Sie, warum man mich dafür bezahlt, Sie zu begleiten?“, schnaubte Wottack. „Weil es ein Kinderausflug wird?“
Es wurde keiner, das musste ich ihm im Nachhinein zugestehen.
Der magische Berg
Das Ringgebirge hatte ich hier im Norden schon einmal überquert. Ich kannte die Gefahren durch die Monster und die Kälte, die einem hier auflauerten. Aber ich war nicht auf die Überraschung vorbereitet, die uns hier erwartete.
Wir bildeten eine lange Reihe, bestehend aus fünf Reitern und fünf Packpferden. In der Mitte rollte Borrans Kutsche, gezogen von einem kräftigen Pferd mit wollartigem Haar. Diese Rasse war ausdauernd und unempfindlich gegen Kälte, aber nicht schnell.
An der Spitze des Zuges ritt Wottack, das Ende bildeten im Wechsel Pia Tenga und ich. Auf Weisung unseres Anführers mussten wir uns alle paar Minuten umdrehen, um sicherzustellen, dass uns niemand auf dem Pfad folgte. Wen er da im Verdacht hatte, sagte er jedoch nicht.
Zunächst blieben wir zwei Tage lang auf einem gewundenen, leicht ansteigenden Weg entlang der Flanken der ersten Berge. Die Abhänge waren bewaldet und vermittelten noch nicht das Gefühl, mitten im Gebirge zu sein. Nur gelegentlich hatten wir freien Blick nach unten und sahen, wie tief die Täler bereits unter uns lagen.
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