„Ich habe mit den Ringlanden abgeschlossen!“, sagte er. Jedoch nicht wütend oder auch nur energisch, sondern leise und bitter. „So, wie das Land selbst bald abgeschlossen sein wird, im eigentlichen Sinn des Wortes. Tun Sie, was vorgesehen ist, Peregrin, aber ohne mich.“
„Ihr Name steht für die Freiheit!“, entgegnete dieser. „Wenn Sie in den Ringlanden sind, hat das eine ganz eigene Wirkung.“
„Hat es nicht“, konterte der Fürst. „Denn ich werde mich niemandem gegenüber offenbaren können. Ich muss mich verbergen und darf nicht entdeckt werden. Möglich, dass Gerüchte in Umlauf kommen, ich sei zurückgekehrt. Aber solche Gerüchte können Sie streuen, ohne dass ich tatsächlich dort bin. Dafür muss ich nicht diese Last auf mich nehmen.“
„Last?“, fragte ich. „Wir können warten, bis Sie wieder vollkommen genesen sind.“
Nur Magi Achain und ich waren bei diesem Gespräch anwesend. Pia Tenga, Magi Berray und Serron waren in ihren Kabinen, und die Mannschaft der ehemaligen Tristrai wurde sowieso nicht in unsere Pläne eingeweiht.
„Ja, es ist eine Last. Nicht nur für meinen geschundenen Körper, sondern auch für meine Seele.“
Ich hatte Fürst Borran noch nie so sprechen hören. Die Zeit im Kerker hatte ihn stärker verändert, als ich es bisher bemerkt hatte.
„Was unvermeidlich ist, muss geschehen“, fuhr er fort. „Ich bin damit einverstanden, ja, ich fordere jetzt sogar, dass es zügig angegangen wird. Aber meine eigene Zukunft liegt ebenso wie die Zukunft der Ringländer in der neuen achten Provinz, in Pentray.“
„Niemand weiß so viel wie Sie über die Ringlande, niemand kennt die wichtigen Personen besser als Sie“, beharrte Peregrin. „Auch, wenn Sie nicht mit ihnen Kontakt aufnehmen, so können Sie besser als jeder andere einschätzen, was vor sich geht. Sie sind unverzichtbar!“
„Pah!“, machte der Fürst. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Noch immer sah er erschöpft aus, älter als er tatsächlich war, als habe er vor Kurzem eine schwere Krankheit überstanden. Ich empfand Mitleid mit ihm. Einige Wochen der Ruhe würden ihn sicherlich wieder zu dem souveränen Mann machen, der er einst gewesen war. Ich konnte nur vermuten, was ihn davon abhielt, weiter für seine Heimat einzutreten. Vielleicht war es der Verlust aller Macht und aller Besitztümer. Denn er war zwar für mich noch ein Fürst, aber die Kurrether hatten seine Provinz längst einem Verwalter unterstellt. Sein Palast in Kethal, seine Residenz in Dongarth, dies alles gehörte ihm nicht mehr. Kehrte er in die Ringlande zurück, so war er ein armer Mann, der sich bei allem, was er tat oder sah oder hörte, zwangsläufig an frühere, bessere Zeiten erinnert fühlte.
Peregrin sah Magi Achain und mich fragend an. Aber wir schüttelten beide den Kopf. Uns fiel kein Argument ein, mit dem wir Borran in seiner jetzigen Verfassung überzeugen konnten. Schon deshalb, weil wir selbst ja noch nicht in das eingeweiht waren, was man in den Ringlanden vorhatte. Wir würden dorthin zurückkehren, uns irgendwo mit einer falschen Identität verstecken und gegen die Kurrether arbeiten. Die Ostraianer versuchten in dieser Zeit, weitere Aussiedler aus dem Land zu bringen, vielleicht über die geheimen Passstraßen im Norden, über die wir reisen sollten; und sie würden weitere Anschläge verüben. Soweit hatte ich es verstanden.
Es gab eine ungemütliche Pause, in der ich auf die Geräusche achtete, die durch das Schiff klangen. Das Knarren des Holzes, Schritte auf dem Deck, der eine oder andere laut gerufene Befehl in der mir unverständlichen Sprache der Askajdaner. Wir waren inzwischen auf dem Weg nach Norden und würden in zwei Tagen an der Küste von Thorgard eintreffen. Bis dahin musste eine Entscheidung gefallen sein.
Schließlich sagte Magi Achain: „Fürst, nur wenn Sie selbst in den Ringlanden sind und persönlich erleben, wie es dort zugeht, können Sie sicher sein, dass unsere Entscheidung die richtige ist. Gerade, wenn Sie nicht in Ihrer Stellung als Herr über eine Provinz dort leben, werden Sie erfahren, wie die Menschen denken. Vielleicht anders, als Sie es jetzt glauben. Wenn Sie sich später nicht den Vorwurf machen wollen, ungerecht gehandelt zu haben, müssen Sie mit uns kommen.“
Das schien in Borran eine Saite zum Schwingen zu bringen. Es appellierte an sein Verantwortungsgefühl. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis er fragte: „Wie lange?“
„Wie lange Sie in den Ringlanden bleiben sollen?“ Peregrin überlegte. „Es wird einige Wochen dauern, bis Sie dort sind. Dann ist es Herbst. Die Auswanderer wollen wir im Sommer außer Landes bringen. Dann können Sie sie begleiten und mit ihnen weiterreisen nach Pentray. Also in einem dreiviertel Jahr. Trauen Sie sich das zu?“
Ja, lautete die Antwort nach weiterem Zögern und Nachdenken.
Als wir Tarthing erreichten, eine kleine Hafenstadt weit im Norden an der Küste von Thorgard, zog bereits der erste Herbststurm heran. Der Wind drehte auf Nordwest und brachte eiskalte Luft mit sich. Fürst Borran hatte sich mit dem Gedanken der Rückkehr angefreundet und wurde ganz selbstverständlich der Anführer unserer kleinen Gruppe.
Man brachte uns mit Ruderbooten an Land, weil die Bucht nicht tief genug für den askajdanischen Segler war. Magi Berray blieb auf dem Schiff der Askajdaner zurück. Peregrin hatte keine Rolle für ihn eingeplant in unserem bevorstehenden Abenteuer.
Ein Beauftragter von König Grendlach begrüßte uns und führte uns zu zwei Pferdekutschen. In den Ringlanden hätte ich Planwagen dazu gesagt, aber hier in der rustikalen Welt der Nordmänner musste ich diese Gefährte als Luxus anerkennen. Sicherlich hatte man die Fuhrwerke speziell für uns in diese kleine Stadt gebracht. Wir wurden von sechs Kriegern auf Pferden eskortiert, als wir nach Südosten aufbrachen.
Nach einigen Meilen schlossen sich drei weitere Pferdewagen unserem Zug an, die Proviant und andere notwendige Dinge für die Reise transportierten. Man sagte uns, wir würden unterwegs Städte und größere Dörfer meiden. Ich verstand das so, dass man sogar in Thorgard Furcht vor Spitzeln der Kurrether hatte.
Die Grenzstadt Sordig erreichten wir spät abends. Ohne anzuhalten, fuhren wir weiter in das von Königin Chrissayda regierte Land Skjargard, allerdings blieb unsere bisherige Eskorte zurück und eine neue aus hiesigen Kriegern gesellte sich zu uns. Nun ging die Reise auf das ferne Ringgebirge zu. Wir erreichten dessen Ausläufer zwei Wochen, nachdem uns das Segelschiff an Land abgesetzt hatte.
Der Schnee lag schon auf den niedrigeren Berggipfeln. Die weiter entfernten Giganten des Gebirges, im Dunst noch kaum zu erkennen, waren das ganze Jahr über weiß. Es würde anstrengend werden, jetzt im Herbst die Höhenzüge zu überqueren, besonders, weil die geheime Passstraße mehr als doppelt so lang war wie die normale, die von der Grenzstadt Tjuhaag in Thorgard in das ringländische Khonstadt in der Provinz Malbraan führte.
Schließlich erreichten wir den Endpunkt unserer Fahrt. Einige Zelte standen am Rand der schmalen Straße, der wir folgten. Dahinter war eine Weide, auf der zwei Dutzend Pferde grasten. Hier mussten wir die bequemen Kutschen gegen Sättel tauschen.
Einige Nordmänner begrüßten uns, die aussahen, wie man sie sich immer vorstellte: bullige Gestalten in robusten Lederrüstungen, bewaffnet mit breiten Schwertern. Man wies uns eines der großen Zelte als Schlafplatz zu und vertröstete uns ansonsten auf den folgenden Tag. Dann würde der Mann eintreffen, der sich erboten hatte, uns über die Passstraße zu begleiten. Wottack lautete sein Name, und er galt weit und breit als bester Kenner des Gebirges. So jedenfalls sagte man uns, als wir abends mit den Skjargarder Kriegern zusammensaßen. Als ich genauer nachfragte, wollte man aber nichts weiter über diesem Mann erzählen. Etwas musste seltsam an ihm sein.
Читать дальше