Der bat als Nächstes die Besatzung der Tristrai und Magi Berray, die Offiziersmesse zu verlassen. Man würde ihnen später erklären, was man mit ihnen vorhatte. Kapitän Obdan Obdar und die drei Matrosen hatten einige Abenteuer mit uns durchgestanden. Sie waren sichtlich enttäuscht, einfach weggeschickt zu werden, fügten sich jedoch. Berray protestierte, schließlich war er ausgebildeter Magi und in viele Geheimnisse eingeweiht. Aber das half nichts, er verließ uns.
„Es muss ja etwas wirklich Wichtiges sein, das Sie mit uns besprechen wollen“, sagte ich, als sich die Tür hinter den Männern geschlossen hatte. „Aber vorher möchte ich erfahren, in welcher Funktion Sie hier sind. Als wir uns damals begegneten, waren Sie Gesandter Ihrer Heimat Ostraia und auf dem Weg nach Askajdar.“
„Richtig. Heute bin ich Sondergesandter mit der Vollmacht, mein Land bei Entscheidungen über die Zukunft der Ringlande zu vertreten. Die Entfernungen sind zu groß, um jedes Mal Rücksprache mit unserer Regierung zu halten. Und die Optionen sind allen bekannt, so dass nur noch die Frage bleibt, welche in der jeweiligen Situation gewählt wird.“
„Wie weit sind Sie über das informiert, was wir in den letzten Monaten erlebt haben?“, fragte Magi Achain.
„Gut genug, um es richtig einordnen zu können. Einzelheiten kenne ich nicht, aber die dürften keine Rolle spielen. Am besten, Sie hören mir zunächst zu und stellen dann Ihre Fragen.“
Die Zhejong kreuzte gegen den Wind. Ich bemerkte das Schwanken und musste mich festhalten. Da die Richtung des Windes - er kam von Südwesten - sich in den letzten Tagen kaum geändert hatte, bedeutete das vermutlich, dass wir nach Süden unterwegs waren. Dort gab es eine Meerenge, durch die man das Halandmeer vor der Küste der Ringlande verlassen konnte und in den großen Ozean gelangte. Das besagte aber noch nichts über das Ziel unserer Reise.
Meine ungestellte Frage beantwortete Peregrin als Erstes: „Wir umrunden die Südspitze der Insel Haland und segeln dann nach Norden, bis hinauf jenseits des Ringgebirges, zur Küste von Thorgard in den Kaltlanden. Dort können Sie von Bord gehen, falls Sie mit unseren Plänen einverstanden sind und mitwirken wollen.“
„Und wenn wir das nicht wollen?“, fragte Pia Tenga.
„Bringt Sie eine Fregatte des Seevolkes zur Nordhälfte des ostraianischen Kontinents, in Ihre neue Provinz Pentray. Sie werden also einige Tage Zeit haben, sich zu entscheiden. Was wir vorhaben, wird so oder so umgesetzt. Sie können jedoch dabei helfen und dafür sorgen, dass mehr Ringländer von unserer Aktion profitieren und es weniger Opfer dabei gibt.“
„Das hört sich nicht gut an“, sagte ich. „Bitte erklären Sie uns, wobei genau wir helfen sollen.“
Peregrin lehnte sich zurück und dachte nach, bevor er antwortete: „Es liegt nicht in meinem Ermessen, wie viel ich Ihnen sage. Also nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich einige Fragen nicht beantworten werde.“
Wir nickten alle zustimmend und er fuhr fort: „Es ist vorgesehen, weitere Aussiedler aus den Ringlanden herauszubringen. Auf welchem Weg das geschehen soll, werden Sie erfahren, wenn es so weit ist. Eine Ihrer Aufgaben besteht darin, geeignete Menschen zu finden und vorzubereiten. Natürlich ohne, dass die Behörden oder die Kurrether etwas davon mitbekommen. Das wird Ihnen insofern nicht schwerfallen, als gleichzeitig Unruhe in die Ringlande gebracht wird. Sie, Aron von Reichenstein, haben erlebt, wie die Kurrether selbst dieses Mittel eingesetzt haben, als Sie in Pregge waren. Man hat die Bevölkerung aufgehetzt, soweit das in den vom Berg Zeuth magisch befriedeten Ringlanden überhaupt möglich ist. Die Absicht dahinter war, dem Fürsten die Schuld an den Unruhen zuzuschieben und ihn dann abzusetzen. Das ist auch gelungen, wobei er selbst und die Priesterin des dortigen Tempels umkamen.“
„Richtig“, bestätigte ich. „Es gab damals auch in der Menschenmenge einige Tote. Mehr als so ein kleiner Aufstand wird aber in den Ringlanden nie möglich sein. Leider!“
„Dass man trotzdem etwas in Bewegung setzen kann, haben Sie ebenfalls miterlebt, nämlich als in Prillhafen mehrere Segelschiffe explodierten. Die Kurrether haben daraufhin die Zugangsstraßen zu der Stadt blockiert und die Patrouillen im Landesinneren verstärkt. Nun beginnen sie, systematisch alle Schiffe auf dem Halandmeer zu kontrollieren. Das ist der Grund, warum wir es wagen mussten, Ihre Gruppe von der Insel zu retten. Man hätte Sie bald entdeckt.“
„Danke dafür“, sagte ich. „Aber woher wussten Sie, dass wir dort sind? Eigentlich kann uns niemand beobachtet haben.“
„Es gibt in den Ringlanden inzwischen mehr ostraianische Agenten, als Sie glauben“, entgegnete Peregrin. „Sogar in dem Städtchen Pschargg achtet jemand auf alle Besonderheiten, die vorfallen. Sie waren nur selten unbeobachtet, seit Sie auf dem Strom Azondan an Bord der Tristrai gegangen sind. Aber das nur am Rande.“
„Warum hat uns niemand geholfen oder gewarnt, wenn wir in Gefahr waren?“, fragte Pia Tenga. Sie klang erbost, obwohl der Grund offensichtlich war.
„Weil ein Agent Ostraias in den Ringlanden immer in Todesgefahr schwebt“, lautete die zu erwartende Antwort. „Keiner darf enttarnt werden, und erst recht dürfen die Kurrether nicht merken, dass es ein ganzes Agentennetz gibt.“
„Verständlich“, sagte ich schnell, weil ich sah, dass Pia sich trotzdem nicht beruhigen wollte. „Ich nehme an, der von Ihnen angesprochene zweite Teil unserer Aufgabe besteht darin, dieses Netz von Agenten zu unterstützen.“
„So ist es. Als Einheimische haben Sie gewisse Vorteile. Aber auch einen Nachteil, nämlich, dass man Sie hier kennt. Andererseits hat Ihre Reise, Aron von Reichenstein, von den Terrassen im Südosten des Landes bis in die Hauptstadt Dongarth und dann zu der Festung an dieser Küste bewiesen, dass sogar eine berühmte Person sich frei bewegen kann. Vorausgesetzt, die Verkleidung ist gut und man bleibt nie lange an einem Ort.“
„Sie wollen uns also kreuz und quer durch die Ringlande schicken?“, fragte Magi Achain. „Das mag für uns anstrengend sein, aber machbar. Fürst Borran jedoch ...“
„Fürst Borran ist unentbehrlich“, warf Peregrin ein. „Seinen Gesundheitszustand müssen wir selbstverständlich berücksichtigen. Außerdem ist er besonders gefährdet, weit mehr als Sie alle. Deshalb werden wir in den kommenden Wochen einige Änderungen und Ergänzungen in der Vorgehensweise besprechen.“
„In den nächsten Wochen?“, fragte ich. „Wenn wir in die Ringlande zurückkehren sollen, ist es ein Leichtes, uns von diesem Schiff irgendwo an der Küste absetzen zu lassen.“
„Ich sagte schon, dass die Kurrether das Halandmeer sorgfältig überwachen. Nein, wir bringen Sie nach Thorgard, von dort in das Nachbarkönigreich Skjargard und dann über eine geheime Passstraße zurück in die Ringlande. Sie werden also von Norden kommen, auf einem Weg, den niemand für möglich hält. Das ist umständlich, aber erfolgversprechend.“
„Ich dachte, die Passstraßen auf dem Weg des Goldes seien gesprengt oder anderweitig unpassierbar gemacht worden“, wandte ich ein.
„Das ist mehr als zehn Jahre her. Sowohl wir als auch Königin Chrissayda von Skjargard hielten es für sinnvoll, die Schleichwege über das Ringgebirge wieder instand zu setzen.“
„Das bedeutet eine lange Reise zu Pferd über kalten Höhenlagen und durch unwirtliche Gebiete“, sagte ich. „Hoffen wir, dass Fürst Borran bis dahin soweit ist, dass er die Reise übersteht.“
Wie sich in den folgenden Tagen herausstellte, war meine Sorge unbegründet. In der Obhut des Schiffsheilers erholte sich der Fürst zusehends. Allerdings trat damit auch sein manchmal eigensinniger Geist wieder mehr in den Vordergrund. Er hatte uns ja schon auf der Insel Haland überrascht, als er einen Rettungsplan für die Ringlande rundheraus ablehnte. Nun weigerte er sich, in unsere Heimat zurückzukehren.
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