Er hielt alle Äußerungen diesbezüglich, wie „Rotwein ist gut für das Herz“ oder „Schnaps fördert die Verdauung“ für Quatsch, und der war es nach den wissenschaftlichen Studien auch. Dennoch vermied er jede Diskussion mit Freunden darüber, weil er wusste, dass sie zu nichts führen und einen Alkoholtrinker nicht von seinem Konsum abhalten würde. Er sah, dass die Menschen in fortgeschrittenem Alter die Ess- und Trinkregeln immer mehr über Bord zu werfen bereit waren. Sie sahen es als unnötigen Zwang an, sich mäßigen zu sollen, warum und für wen, fragten sie sich und solange sie sich im Kreise Gleichgesinnter befanden, fühlten sie sich in dieser Haltung auch bestätigt. Dass sie dabei immer unglücklicher wurden, merkten sie selbst und versuchten, sich durch noch mehr Essen und Trinken aus der Falle zu befreien. Paulo unterstützte seine Ess- und Trinkabstinenz noch durch regelmäßiges Training im Fitnessstudio, was ihm sehr guttat und seine Muskeln straffte. Er stellte an sich fest, dass er über mehr Körperkraft verfügte als früher, und er war glücklich mit sich. Wenn er allerdings eingeladen war, aß er normal, Alkohol trank er aber auch dann nicht, und das wurde inzwischen auch von allen akzeptiert.
Politische Partizipation bedeutet politische Beteiligung, und das war für Paulo immer oberste Bürgerpflicht, und sie entsprang bei ihm einem neugierigen Interesse. Es stimmte ihn glücklich, wenn er den politischen Sachverhalt, um den es jeweils ging, verstand und durch seine Beteiligung vielleicht sogar etwas bewirken konnte. Er merkte schon als Kind, dass es wichtig war, sich um die Belange zu interessieren, die einen betrafen, und er bekam immer mit, wie sich sein Vater aus der Tageszeitung informierte und sich im Fernsehen die Tagesschau ansah. Natürlich konnte er im Kindesalter die Themen noch nicht durchdringen, weil ihm einfach das Hintergrundwissen und die Einsicht fehlten. Er stellte aber fest, seit er das Gymnasium besuchte, wurde in ihm das Interesse am politischen Geschehen geweckt. Für ihn war es auch eine Frage des Intellekts, sich für Politik zu interessieren. Was jemanden aber schließlich dazu brachte, sich politisch zu engagieren, war das Maß der persönlichen Betroffenheit von politischen Entscheidungen und von deren Auswirkungen auf das eigene Leben. Das war unabhängig vom Intellekt des Betroffenen, der Intellekt war aber dabei von Belang, wie derjenige sich mit dem Sachverhalt auseinanderzusetzen in der Lage war. Der erste Raum, in dem politische Meinung gefragt war, und der für Paulo wichtig war, war die Schule. Entscheidungen der Schulleitung mussten demokratischen Grundsätzen genügen, und an ihnen war in der Regel die Schülervertretung zu beteiligen. Ebenso waren die Schüler an Entscheidungsorganen zu beteiligen wie zum Beispiel an der Schulkonferenz, aber auch an anderen Organen, die in der Schule wichtige Entscheidungen fällten. Die gesamte Schülerschaft war in der Schülervertretung organisiert und das war ein politisches Organ.
Mitglied in der Schülervertretung waren gewählte Mitschüler, die sich dadurch hervorgetan hatten, dass sie sich für Schulpolitik interessierten oder sich schon einmal für einen Mitschüler eingesetzt hatten, sie konnten zu Klassen- oder Stufensprechern gewählt werden und waren als solche Mitglied der Schülervertretung. Paulos politische Sozialisation begann so richtig als Klassensprecher, er fühlte sich dazu berufen, sich für seine Mitschüler zu engagieren und nahm das Amt des Klassensprecher gern wahr. Paulo musste immer daran denken, wie er einmal auf der niedrigsten Stufe, auf der ein Klassensprecher aktiv werden konnte, in der direkten Ansprache eines Lehrers für einen Mitschüler Partei ergriff, der zu Unrecht mit einer Strafarbeit belegt worden war. Der betreffende Lehrer ließ sich von Paulo überzeugen und sprach ihm sogar wegen seines Engagements ein Lob aus. In diesem Moment war Paulo zu Recht mächtig stolz auf sich, er hatte konkret etwas durch die Ausübung seines demokratischen Amtes bewirkt, sein Mitschüler bedankte sich bei ihm und Paulo war glücklich. Mit diesem Erlebnis wurde bei Paulo ein Prozess in Gang gesetzt, der ihn zum Mitstreiter in vielen Dingen machen sollte, weit über seine Schulzeit hinaus.
Paulo stellte fest, dass immer, wenn er sich um politische Belange kümmerte, ein Glücksgefühl in ihm keimte, unabhängig davon, ob sein darauf folgendes Engagement von Erfolg gekrönt war oder nicht. Dieses Glücksgefühl resultierte einfach daraus, dass Paulo sich mit dem jeweiligen Sachverhalt intellektuell beschäftigte, und das hob ihn in diesem Moment auch von den anderen ab, die vielleicht dazu nicht in der Lage waren, aus welchen Gründen auch immer oder einfach keine Lust dazu hatten. Nachdem während seiner Schulzeit der Keim für politische Beteiligung angelegt worden war und er gelernt hatte, aus politischen Engagement Glück zu erfahren, setzte er während seiner Studentenzeit seine politische Partizipation im Asta fort. Er trat mit einem Mal im Audimax auf und hielt coram publico flammende Reden, die er vorher einstudiert hatte, und mit denen er seine Zuhörer zu begeistern wusste. Dazu gehörte natürlich eine gehörige Portion Selbstsicherheit, die sich bei Paulo in zunehmendem Maße verfestigte, und er war am Ende so selbstbewusst, dass er sich offenen Diskussionen stellte und auch in den kompliziertesten Themen seinen Mann zu stehen wusste. Alle merkten Paulo an, dass er glücklich war, wenn er mit seinem politischen Sachverstand Themen darlegte, sie erörterte und sie für jedermann verständlich in all ihren Schattierungen aufbereitete. Das brachte ihm sehr große Achtungserfolge ein und mehr als das, die Mädchen begannen, auf ihn zu fliegen und himmelten ihn an, was Paulo sehr entgegenkam, und er hatte in seiner Studentenzeit eine Menge flüchtiger Verhältnisse.
Paulo merkte schnell, dass es immens wichtig war, sich mit profunden Kenntnissen zu versehen, wenn man in der Politik mitreden, und wenn man von seinen Kontrahenten ernst genommen werden wollte. Das betraf aber nur die sehr ins Spezielle gehenden Sachverhalte, andere Bereiche tangierten jeden direkt, jederzeit spürbar. Das waren zu Paulos Studienzeit die Fragen der Kernenergie und die Frage der Nachrüstung mit Pershing-II-Raketen oder besser gesagt, die Friedenspolitik allgemein. Die Zeit der Großdemonstrationen war angebrochen, und Paulo freute es sehr, dass sich Tausende auf den Weg begaben und ihrem Ärger über die ungelöste Endlagerfrage oder die umstrittene Nachrüstung Luft machten. Und zum ersten Mal sah er, dass sich an den Demonstrationen nicht nur Leute seines Schlages, sondern auch normale Bürger beteiligten. Alte, die den Krieg noch erlebt hatten, reihten sich bei den Nachrüstungsgegnern ein und Bürger, die an die Generationen nach ihnen dachten, erhoben ihre Stimmen gegen die geplanten Endlager. Diese Demonstrationen waren ein Erlebnis für sich, natürlich hatten die Teilnehmer das Ziel, die Endlager oder die Nachrüstung zu verhindern, aber es schwang noch sehr viel mehr mit.
Die Stimmung auf diesen Großveranstaltungen kam der auf einem Volksfest gleich, es waren im Falle der großen Friedensdemonstration um die 300000 Teilnehmer, die transportiert und verköstigt werden mussten. Eine solche Massenansammlung hatte es noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik gegeben, und man merkte den Menschen an, dass sie geradezu beseelt waren von der Idee, etwas zu verändern, sie waren glücklich. Auch Paulo war beinahe euphorisch, als er sich in der Masse befand, und er hörte gebannt den Ansprachen der prominenten Redner zu. Nur so ließe sich etwas in großem Stil verändern, dachte Paulo bei sich, die Stimmen solcher Massen an Menschen konnten einfach nicht übergangen werden. Eine ähnliche Willensdemonstration kam auch bei den Antikernkraft-Kundgebungen in Brokdorf auf, wo unter anderem die ungelöste Endlagerfrage auf der Tagesordnung stand. Jeder war ergriffen von der ansteckenden Stimmung, und jeder ließ sich mitreißen von den Parolen, die gerufen wurden. Die Stimmung war absolut gewaltfrei und man konnte sich vorstellen, dass auf einem solchen politischen Volksfest neue politische Ideen geboren werden konnten. Nachdem die Großveranstaltungen beendet worden waren, nahm jeder etwas von der Euphorie mit zu sich nach Hause und hatte auch noch lange Zeit etwas davon, bis die Hochstimmung aber wieder vom Alltagsleben erstickt wurde. Bei Paulo hielt die Glücksstimmung aber an, denn er machte an seiner Hochschule weiter mit seiner politischen Arbeit, und er versuchte, seine Kommilitonen zur politischer Teilhabe zu ermuntern.
Читать дальше