Und das war auch die Crux, die mit der Liebe verbunden war, mit ihr wurde eine sehr große Fallhöhe geschaffen, die jeder zu spüren bekam, bei dem das Liebesverhältnis mit einem Mal an sein Ende angelangt war. Und genau das musste Paulo einige Male erfahren, als das Verhältnis zu seiner jeweiligen Freundin ein jähes Ende gefunden hatte, und er ins vermeintlich Bodenlose abstürzte. Es dauerte dann immer lange, bis er sich wieder gefunden hatte, und eine neue Liebe ihren Anfang nahm. Die Liebe war eine Erscheinung, die den Liebenden die denkbar größte Glücksfülle bescherte. Aber neben der großen Fallhöhe, die ihr zu eigen war, gab es noch eine weitere negative Begleiterscheinung, denn Liebe machte bekanntlich blind. Das hieß, dass sie den Liebenden die Fähigkeit nahm, rationale Erwägungen anzustellen und sie sich ausschließlich von ihrem Emotionen leiten ließ. Bei Paulo traf das voll zu, als er auch wegen der Liebe beinahe seine Schule komplett aus einem Bewusstsein verdrängt hatte und deshalb noch einmal sitzengeblieben war. Die ersten Liebesverhältnisse liefen bei Paulo ab, ohne dass er mit seinen Freundinnen geschlafen hätte. Als er das aber schließlich genießen durfte, bekam die Liebe für ihn plötzlich noch einmal eine ganz neue Qualität. Mit einem Mädchen zu schlafen war das Nonplusultra und konnte durch nichts übertroffen werden. Ein solches Liebesverhältnis zu beenden, bedeutete den Absturz von einer noch größeren Fallhöhe.
Aber auch diese Erfahrung musste Paulo einige Male machen, bis er erst sehr viel später eine Beziehung zu einem Mädchen einging, die Bestand hatte, über Jahre hinweg. Es war im Laufe dieser Beziehung zu beobachten, wie das, was sich am Anfang als bedingungslose Liebe gezeigt hatte, sich immer mehr wandelte zu einem Verhältnis, das belastbar war. Das hieß, dass diese Beziehung nicht zu vergleichen war mit Beziehungen, wie Paulo sie früher zu seinen Freundinnen gehabt hatte. Solche emotionalen Ausnahmesituationen wären auf Dauer auch nicht auszuhalten gewesen. An die Stelle der blinden Liebe war etwas getreten, was man vielleicht vertrauensvolle Beziehung nennen konnte, bei der nicht mehr länger nur die explodierenden Emotionen im Vordergrund standen, sondern rational begründetes Verhalten, das Liebeszuneigung nur noch am Rande zuließ. Aber das war etwas, das Paulo und seine spätere Frau durchaus auch wollten und in Kauf nahmen, denn beide wussten, dass eine reine Liebesbeziehung keinen Bestand haben konnte. Aber auch in dieser Beziehung mit der neuen Qualität gab es Glück, sonst wäre sie auch nicht aufrechterhalten worden, denn es kamen Glückserlebnisse hinzu, an die man vorher gar nicht gedacht hatte, Kinder zum Beispiel, ein Haus, ein Auto etc.
Aber eigentlich waren das alles Elemente, die nicht das wahre Glück ausmachten, weil sich auch das, was Glück bedeutete, geändert hatte, ohne dass man an Gefühlsintensität einbüßte.
Manchmal überschnitten sich auch die Grenzen zur Zufriedenheit, aber was spielte das für eine Rolle, Paulo und seine Frau nahmen den Unterschied kaum wahr. So hatte Paulo viele Beziehungen erlebt, da waren am Anfang während seiner Kindheit Freundschaften zu Gleichaltrigen, die eine wichtige Rolle für ihn gespielt hatten, weil sie ihm halfen, in die Gesellschaft eingeführt zu werden. In ihnen genoss er seine ersten Glücksgefühle, seine ersten Übertretungen gesellschaftlicher Normen, wenn man einmal an das frühe Rauchen und Trinken denkt. Diese Freundschaften hielten an, bis Paulo Jugendlicher wurde und Beziehungen zu Mädchen aufzubauen begann. Dort lernte er einen solchen emotionalen Überschwang kennen, wie er ihm noch nie zu Bewusstsein gekommen war. Diese Phase wurde abgelöst von erotischen Beziehungen, die noch intensiver waren und er war, wenn sie beendet wurden, beinahe am Boden zerstört. Das war während seiner Studentenzeit, als er ein lockeres Leben führte und verschiedene Verhältnisse geführt hatte, aber bei keinem längere Zeit geblieben war. Er hatte aber Glücksgefühle größten Ausmaßes genossen, entsprechend groß war immer die Niedergeschlagenheit nach Beendigung des jeweiligen Verhältnisses. Die Liebesbeziehung, die am Ende in seine Ehe mündete, stellte sich am Schluss seines Studiums ein und war eine Verbindung, die über Jahre hinweg anhielt.
Wie schon erwähnt, hatte sich diese Beziehung zu etwas völlig eigenem entwickelt, das sich von den anderen Beziehungen, die Paulo eingegangen war, unterschied. Die Frage, die sich am Ende der Betrachtungen zu Freundschaften und Liebe bei Paulo stellt, ist die, ob man beides braucht, um glücklich werden zu können. Sie ist nicht eindeutig zu bejahen, denn das hieß ja, dass jemand, der nie Freundschaft und Liebe erfahren hat, nicht glücklich werden könnte. Ergebnisse der modernen Glücksforschung haben ergeben, dass an erster Stelle der Glücksfaktoren Partnerschaft, an zweiter Freundschaft und an dritter Stelle Kinder stehen. Dennoch meine ich, dass man auch ohne Partnerschaft Freundschaft oder Liebe glücklich werden kann, nur eben auf einer ganz anderen Ebene, die sich vielleicht dem traditionell Glücklichen verschleißt, und da knüpfe ich an den Eremiten an, auf den ich in der Vorbemerkung zu sprechen gekommen bin. Der Eremit ist ein Mensch, der sich abkapselt und soziale Kontakte meidet, und jeder wird sagen, dass ihm damit wichtige Hilfestellungen zum Glücklichsein entgehen. Aber auch der Eremit strebt zum Glück, nur dass er es in anderen Sphären wahrnimmt und auf Wegen zu ihm gelangt, die von anderen nicht gegangen werden können. Ich glaube, dass man auch dem Eremiten zugestehen muss, glücklich werden zu können, nur ist der traditionelle Weg ein anderer, als ihn auch Paulo gegangen war.
Gesundheit war für Paulo wichtig, sein Vater hatte ihn immer schon dazu getrieben, sich mit Sport zu beschäftigen und etwas für seinen Körper zu tun. Schon im Kindergarten wurden die Kinder dazu angehalten, sich zu bewegen, es wurde, wenn es das Wetter zuließ, viel draußen gespielt, zum Beispiel Schlagball. Das war ein Spiel, bei dem es darauf ankam, durch viel und schnelles Laufen den geschlagenen Ball zu fangen und in einen Kreis zu werfen bzw., bevor das geschah, das Feld zu umrunden. Dabei kam man gehörig außer Atem, und das war für die Kinder schon anstrengender Sport, den sie zu Hause noch merkten, wenn sie sich ausruhten. Paulos Vater machte als ehemaliger Soldat und jetziger Polizist gelegentliche gymnastische Übungen, in denen er seinen Kopf nach links und rechts beinahe überdrehte, etwas, das heute völlig abgelehnt wurde, weil es den Sitz des Kopfes auf der Wirbelsäule überbeanspruchte. Aber er hatte das eben so gelernt und praktizierte es im Polizeisport immer so, er sah keine Veranlassung, von seinen gymnastischen Übungen abzugehen. Wenngleich Paulo die sportlichen Übungen nicht immer zusagten, was auch daran lag, dass sie vom Vater angeordnet wurden, machte er sie mit und fühlte sich nachher immer sehr gut.
Klar war ja, dass Sport der Gesundheit diente, nur wussten die Kinder noch nichts davon, denn dass sie gesund waren, war für sie eine Selbstverständlichkeit, über die sie gar nicht nachdachten. Insofern war es von Paulos Vater gar nicht so schlecht, ihn zum Sport anzuhalten, weil er aus seiner Erfahrungswelt wusste, dass die Gesundheit im Leben etwas Gutes war, dem man nicht genug Achtung zukommen lassen konnte. Natürlich musste man es durchaus auch als sportliche Ertüchtigung ansehen, wenn Paulo und seine Freunde in der Gegend herumrannten oder mit ihren Fahrrädern zum Kanal fuhren. Gesundheit verhalf zu Glück, das reflektierte Paulo als Kind noch nicht, war aber eine jedermann einsichtige Tatsache, denn man musste sich nur den Fall der Krankheit vor Augen führen. Gesundheit und Gesundheit förderndes Verhalten waren in Paulos Familie immer von Belang, wenngleich Paulos Mutter nie so ein Brimborium darum machte. Das Bewusstsein von der Gesundheit reifte in Paulo ganz allmählich heran, als er schon auf dem Gymnasium war, und sich lauter Dicke um ihn scharten. Da war ihm klar, dass Dicksein und Gesundheit nicht zusammengehörten, denn Dicke hatte in der Regel nicht nur einen zu hohen Blutdruck und befanden sich in einem Teufelskreis: sie konnten sich wegen ihrer Leibesfülle nicht richtig bewegen und sie wurden immer dicker, weil sie immer mehr aßen und sich nicht bewegten.
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