Man zwang Kinder, teilzunehmen, wie überhaupt der Katholizismus sehr viel mit Zwang zu tun hatte. Paulos Familie lebte einen, wie seine Mutter und sein Vater meinten, freien Protestantismus, der scheinbar niemanden zwang, sein Verhalten nach ihm auszurichten. Tatsächlich aber bestimmten zum Teil subtile, von der Mutter lancierte Verhaltensnormen das alltägliche Leben. Dazu gehörten das Gebet vor dem Essen, aber auch bei ihr ganz tief sitzende, beinahe an Aberglauben grenzende Zwänge im Verhalten wie das Ermahnen von Paulo und seinen Brüdern, bestimmte Äußerungen doch zu unterlassen, weil sie Gotteslästerung wären oder das permanente Sich-Bekreuzigen. Oder sie gab Redewendungen von sich, die sie aus grauer Vorzeit übernommen hatte und bestimmte Erscheinungen kommentierten, die sich rein zufällig einstellten. Wenn zum Beispiel eine Spinne über den Tisch lief, sagte sie:
„Spinne am Mittag, Glück am dritten Tag!“ oder „Spinne am Abend, erquickend und labend!“ So war auch ihr Glaube angelegt, er saß unverrückbar tief und war ein nicht hinterfragbares Verhaltensreglement, das sie auf die Familienmitglieder zu übertragen suchte. Paulo und seine Brüder folgten im Kindesalter noch ihren Maßgaben, sie lösten sich aber mit den Jahren davon und wandten sich vom Glauben und von der Kirche ab. Paulo unterschied sich von Anfang an von seinen Brüdern, die beide eine Ausbildung absolvierten und so schon früh in Kontakt zum Arbeitsleben kamen.
Er besuchte nach der Grundschule das Gymnasium und ging seine eigenen Wege, zwar blieb der Kontakt zu seinen Brüdern bestehen, er war aber nur oberflächlich. Während seiner Kindheit besuchte er den Kindergarten und anschließend auch den Kinderhort, als er schon in die Schule ging. An seine Grundschulzeit hatte er kaum Erinnerungen, an den Kinderhort schon, denn der fand direkt gegenüber von dem Haus statt, in dem er lebte, und seine Mutter kannte die Leiterinnen gut. Selbstverständlich war das Leben in Kindergarten und Kinderhort christlich geprägt, schließlich handelte es sich um kirchliche Einrichtungen. In den Gruppen wurde regelmäßig gebetet und man sang christliche Lieder, die Pastoren kamen zu Besuch und sahen nach dem Rechten. Einige Schulkameraden von Paulo gehörten mit zu der Hortgruppe, und dort festigten sich langanhaltende Freundschaften und man lief gemeinsam den Schulweg. Nachmittags, nach dem Hort, unternahmen sie etwas zusammen, fast immer steckten sie ein Feuer an, standen daran und starrten in die Flammen. Im Herbst ließen sie selbst gefertigte Drachen in den Himmel steigen, die Baupläne für die Drachen hatten sie von anderen übernommen, und sie kauften sich das Papier und die Latten für die Drachen im Tapetengeschäft, den Leim stellten sie aus gekochten Kartoffeln selbst her.
Schon sehr viel aufwändiger war es, einen Tomahawk aus einem alten Türscharnier zu schmieden. Die Hülse für die Stielaufnahme war zwar schon vorhanden, es musste aber mit unzähligen Hammerschlägen ein Blatt geformt werden. War die Arbeit so weit vorangeschritten, spannte Paulo das Tomahawk in den Schraubstock und feilte eine Schneide an das Blatt, was ebenfalls seine Zeit in Anspruch nahm. Paulo erlernte während seiner Kind- und Jugendzeit viele handwerkliche Fertigkeiten, er konnte quasi mit jedem Werkzeug umgehen, kannte sich mit der Gartenarbeit, mit Fahrradreparaturen und anderen Arbeiten aus, die im Haushalt anfielen. Das waren Fertigkeiten, die Paul später bei der Ausgestaltung seines Lebensraumes halfen, nicht die Gartenarbeit und auch nicht allein die Fahrradreparatur, vielmehr das handwerkliche Geschick in seiner Summe, er konnte leichte Elektroarbeiten verrichten oder später auch seine Autos selbst reparieren. Er war im Grunde froh darüber, von zu Hause aus so viel mitbekommen zu haben, dass er sich meistens zu helfen wusste, wenn es etwas zu reparieren gab. Allerdings dachte er mit Grausen daran zurück, wie er zu Hause an die Arbeiten herangeführt wurde, denn das vollzog sich beinahe ausschließlich über Druck und Anordnung vonseiten des Vaters.
Unter Flüchen und mit geballter Faust in der Tasche kam Paulo den Anordnungen immer nach, er musste Land umgraben, Kohlen in den Keller schaufeln, Kaninchenfutter suchen, Holz hacken und Schuhe putzen, alles Arbeiten, die er nur mit großem Widerwillen erledigte. Wie hasste er es, wenn ihm ein Zettel unter die Nase gehalten wurde, auf dem die Anordnungen seines Vaters festgehalten waren, er selbst war auf seiner Schicht bei der Polizei. Oder Paulo sah aus dem Bus, mit dem er aus der Schule kam, bei sich vor dem Haus einen großen Berg Kohlen liegen, und er wusste, dass er den in den Keller befördern musste, auch wenn er noch so fluchte und schimpfte. So wurde Paulo zu Hause geprägt und ein Verhaltensrepertoire in ihm angelegt, das ihn als mündigen Bürger am Leben teilnehmen ließ, und das er an seine eigenen Kinder weitergeben konnte. Einiges ist ihm aber verleidet worden wie die Gartenarbeit, die teilweise wirklich bis an die Grenze der physischen Belastbarkeit ging, und deren Sinn er erst viel später begriff. Auch erst viel später ging ihm auf, dass ihm zu Hause ein hohes Maß an Selbstdisziplin und Selbstbeherrschung auferlegt worden war, deren Wert sich für vielfältigen Erfolg im späteren Erwachsenenleben erst in letzter Zweit erschlossen hat. Ebenso waren Gewissenhaftigkeit und Ausdauer Fähigkeiten, die ihm zu Hause durch die Arbeiten, die er erledigen musste, vermittelt wurden und ihm später sehr zu Diensten waren.
Wenn man Paulo nach seiner Kindheit fragte, was er an ihr besonders erwähnenswert gefunden hatte, so waren es diese Arbeiten und der damit verbundene Zwang, denen er sich beugen musste.
Allerdings hob er auch Momente großen Glücks hervor, die er in der starken Familienzusammengehörigkeit verortete und auch in der Geborgenheit begründet sah, die besonders auf das Wirken der Mutter zurückzuführen war, sie war immer allen ein gutes Vorbild und liebte ihre Kinder abgöttisch. Paulo konnte solche Momente großen Glücks auch benennen: da war das Essen nach der Schule, bei dem sich seine Mutter mit zu ihm an den Tisch setzte, da war das samstägliche Bad mit Badesalz, der frische Kuchen und die Samstagsabendsendung im Fernsehen, das Mittagessen am Sonntag und viele weitere Dinge mehr, die er aufzuzählen in der Lage war und ihn über den vielfältigen Zwang hinwegsehen ließen. Allein die Tatsache, dass Paulo so vieles erinnerte, Gutes wie Schlechtes, zeigte ihm, wie wichtig ein gutes Elternhaus für die Kindheit eines jeden war und wie bemitleidenswert all jene waren, die aus zerrütteten Familien stammten, und da musste er an die Familien in den Obdachlosenasylen denken. Paulo fühlte sich alles in allem sehr wohl und war froh, aus einer Familie zu stammen, in der er auch schon als Kind gefordert wurde, denn die Liebe die er erfahren hatte, wog jeden Zwang wieder auf.
Paulo wurde wie alle Kinder mit 6 Jahren in die Grundschule eingeschult, und er bekam an seinem ersten Schultag eine große Schultüte, die mit allerlei Süßigkeiten gefüllt war. Er trug eine kurze Lederhose und hohe Lederschuhe, das war damals so Standard und wurde von beinahe allen anderen Schulkindern auch getragen. Es wurden Fotos geschossen, und Paulo stand stolz und blickte in die Kamera. An diesem Tag begann für Paulo eine 14jährige Schulzeit, in der ihm beigebracht wurde, was es hieß, zu leben. Und was sich so hochtrabend anhörte, war wirklich so gemeint, denn es ging in der Schule längst nicht nur um Wissensanhäufung. Es ging auch um das Erlernen sozialer Kompetenzen, das war ein Begriff, der damals noch nicht existierte, und der umfassend beschrieb, was neben dem kognitiven Wissenserwerb noch gemeint war, nämlich die Aneignung von Empathie und Rücksichtnahme, von Ausdauer und emotionaler Wärme. Aber diese Qualifikationen spielten erst viel später eine Rolle, zuerst ging es ans Bimsen, und das hieß lernen, lernen und nochmals lernen. Aber das Lernen fiel Paulo leicht, das kleine Einmaleins flog ihm quasi zu, und er erlernte auch schnell das Lesen und Schreiben, denn das hatte er immer schon zu Haue geübt. Seine Mutter hatte mit ihm das kleine Einmaleins rauf und runter gepaukt und ihm Zeitungsausschnitte zu lesen gegeben, die waren zwar nicht in lateinischer Schrift geschrieben, er kam aber mit den Druckbuchstaben schnell zurecht.
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