Mit ernsten Augen sah das Mädchen den Hund an und sagte dann würdevoll: „Das ist Lana, sie kommt aus den Hügeln. Sag guten Tag Zasko.“ Ich wollte mir gerade darüber Gedanken machen, warum das Mädchen so selbstverständlich eine mit Lehm und Dreck beschmierte, völlig fremde Frau akzeptierte, die einfach so im Gras lag. Doch bevor ich dazu kam, sah der Hund kurz hoch, entdeckte den Kater auf meinem Schoss, fixierte ihn mit einem schnellen Blick und schoss los. Palja sprang wie der Blitz auf, machte einen Buckel und fauchte. Aber schon war der Hund nach vorne gesprungen, um sich den Kater zu greifen. Der suchte sein Heil in der Flucht, sprang in einem großen Satz von meinem Schoss, gerade in dem Moment, als der Hund auf selbigem landete. Nun ist ein gut Fünfundreißig Kilogramm schwerer, sehr großer Hund nicht dazu gemacht, um auf dem Schoss zu sitzen. Hund und ich verloren das Gleichgewicht, plumpsten in einem Knäuel von der Bank auf den Boden und rissen dabei den Teller mit den Köstlichkeiten vom Baumstumpf.
Noch ehe ich wieder Herr meiner Sinne war, hatte der Hund sich darauf besonnen, dass Früchtebrot viel besser schmeckte, als Katze, schnappte sich ein großes Stück und machte sich mit schleifender Leine davon. Elea machte ein böses Gesicht, dann sah sie mich an und wir begannen zeitgleich zu kichern. Faolane stimmte in unser Gelächter ein.
Es war, als wenn das Eis in diesem Moment gebrochen war. Ich sah die Frau lange an. Wieder war ich fasziniert von ihren Augen und ihrer ruhigen Schönheit. Irgendetwas in mir sagte: „Du kannst ihr tatsächlich vertrauen.“ Die andere Stimme der Vernunft, die die ganze Zeit immer wieder laut gesagt hatte, dass das hier alles absolut irrsinnig war, wurde leiser und verstummte dann ganz. Faolane lächelte zufrieden.
Nach dem Stand der Sonne zu urteilen musste es bereits Mittag sein, es war schwül warm und ich hatte das Gefühl, langsam zu zerfließen. Mit Jeans und warmen Socken in den Wanderstiefeln war ich für einen Ausflug in den Herbstwald ausgestattet, aber nicht für ein Sonnenbad im Hochsommer.
Faolane machte sich daran, die Apfelringe und das restliche Früchtebrot vom Boden aufzusammeln. Elea kam ihr zuvor, steckte sich ein großes Stück Apfel in den Mund und begann, genüsslich darauf herum zu kauen.
„Es gibt noch Einiges vorzubereiten für heute Abend“, sagte Faolane und sah mich auffordernd an. Für sie schien es nicht mehr in Frage zu stehen, dass ich zunächst einmal hier bleiben würde. „Dir muss schrecklich warm sein, liebe Lana, willst du dich nicht waschen und dann gebe ich dir etwas Luftigeres zum Anziehen“. Komischerweise dachte ich nur einen ganz kurzen Augenblick darüber nach, noch einmal zu protestieren, dann war ich mich plötzlich sicher, dass ich zumindest einen Teil dieser mysteriösen Welt von Faolane und Elea kennen lernen wollte. Sie hatte gesagt, dass ich ihr vertrauen konnte und merkwürdigerweise glaubte ich ihr das. Ich schüttelte über mich selber den Kopf.
„Elea, sei so lieb, geh und zeig Lana die Stelle am Fluss, wo sie sich waschen kann“, sagte Faolane zu dem Mädchen. Diese war sofort begeistert und sprang auf.
„Warte einen Moment, ich suche noch schnell etwas Passendes zum Anziehen für dich.“ Sie verschwand in der Hütte, kehrte kurz darauf mit einem Kleid aus ungefärbter Wolle zurück und reichte mir dazu einen Gürtel, der aus Leder geflochten war. „Hier“, sagte sie freundlich und lächelte, „das sollte dir passen.“ Sie reichte mir noch ein eine flache Holzschale in der ein Stück Seife lag. Es hatte zwar wenig Ähnlichkeit mit dem, was ich aus dem Drogeriemarkt kannte, es handelte sich aber eindeutig um Seife. Geruch von Lavendel und Apfel stieg mir in die Nase. Mir schossen hundert Fragen durch den Kopf und doch stellte ich keine von ihnen, sondern griff nach den Sachen, bedankte mich artig und war froh, einfach ein wenig Zeit für mich zu haben. Diese Frau brachte mich total aus der Fassung und doch fühlte ich mich in ihrer Gegenwart ruhiger und entspannter, als ich es in letzter Zeit je gewesen war.
Elea stapfte vor mir her und begann wieder zu singen. Ich war froh, dass sie nicht versuchte mit mir zu reden, denn so hatte ich Zeit, mich weiter umzusehen. Wir gingen in Richtung Fluss und kamen schon bald an eine Stelle, an der ein kleiner Holzsteg ins Wasser ragte. Das Ufer war dicht bewachsen und die Äste eines Baumes ragten fast bis in das klare, sprudelnde Wasser. Ich folge dem Flusslauf mit den Augen, bis dahin, wo er im Wald verschwand. „Im Wald gibt es einen Weiher“, erklärte mir Elea wichtig und riss mich aus meinen Gedanken. „Aber bis dahin ist es schon noch etwas weiter zu gehen. Wenn du lieber dort baden möchtest?“ Auffordernd sah sie mich an und ich konnte deutlich in ihren Augen lesen, dass sie zu gerne mit mir einen Abstecher in den Wald gemacht hätte. „Nein“, sagte ich matt, „danke dir, aber ich bin froh, wenn ich meine warmen Sachen ausziehen und mich gründlich waschen kann.“ Ich sah mich um, konnte aber weit und breit niemanden entdecken. Eigentlich war es nicht meine Art, splitterfasernackt in fremde Gewässer zu steigen. „Wo sind denn die anderen Leute, die hier wohnen?“, fragte ich die Kleine vorsichtig. „Sie sind alle unterwegs und bereiten das Fest am Meer vor“, sagte Elea. Ich war mir nicht sicher, ob das stimmte, aber mittlerweile war mir auch schon fast alles egal. Mir war brütend heiß und der Fluss sah unglaublich einladend aus.
Ich kletterte etwas ungelenk vom Steg ins Wasser und quietschte. Das Wasser war wirklich sehr kalt. Ich hatte Mühe, Atem zu holen. Der Fluss war hier am Rand nicht tief und ich stand nur bis zur Hüfte im Wasser. Das Wasser fühlte sich wie Seide auf meiner Haut an und ich begann diesen Ausflug zu genießen. Ich machte probeweise ein paar Schwimmzüge und ließ mich dann auf dem Rücken ein wenig treiben. Elea saß auf dem Steg und beobachtete mich kritisch. „Willst du nicht ins Wasser?“, fragte ich sie. „Doch“, sagte sie, sprang behände auf und begann, sich auszuziehen, „Aber ich musste doch erst einmal sehen, ob du schwimmen kannst. Sonst hätte ich nämlich schnell Hilfe geholt“. Sie machte ein wichtiges Gesicht und ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
Wir planschten im kühlen Wasser und lagen hinterher Seite an Seite auf dem Steg in der Sonne und ließen uns trocknen. Ich musste kurz eingedöst sein und als ich aufwachte war ich im ersten Moment völlig verwirrt. Dann sah ich Eleas strahlendes Gesicht vor mir. „Bist du jetzt ausgeschlafen?“, fragte sie fast vorwurfsvoll. Es war so langweilig darauf zu warten, dass du wieder aufwachst. Ich rappelte mich auf und begann dass fremdartige Kleid anzuziehen.
Es passte mir erstaunlich gut. Ich wand den Gürtel um meine Taille und knotete die Bänder an der Seite fest. Der raue Stoff fühlte sich ungewohnt auf der Haut an.
Elea inspizierte derweil meine Jeans und befühlte fast andächtig den Stoff. „Aus was für Wolle wird das denn hergestellt?“, fragte sie neugierig. Ich sah sie verdattert an. Ich hatte mir noch nie ernsthaft darüber Gedanken gemacht, wie und aus welchem Material Kleidung hergestellt wurde. „Ich kann es dir nicht erklären, ich glaube aber, es ist Baumwolle“, sagte ich ehrlich. Sie sah mich irritiert an und mir wurde klar, dass sie noch niemals etwas von Baumwolle oder gar von Kleidung, die in Fabriken hergestellt wurde, gehörte haben mochte.
„Komische Schafe müsst ihr dort haben, wo du herkommst“, verkündete sie dann einfach. Damit war die Sache aber bereits für sie wieder erledigt und sie begann ein paar Wiesenblumen zu pflücken.
Ich begann meine nassen Haare mit den Fingern zu entwirren und flocht mir einen dicken Zopf. Elea steckte mir ein paar ihrer Blüten in die Haare und sagte dann zufrieden: „Hübsch siehst du jetzt aus. So kannst du mit zum Fest gehen.“
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