Vielleicht war das auch einer der Gründe, warum er irgendwann immer mehr Zeit mit Lisa verbracht hatte. Sie war zum Anfang nur eine Kollegin gewesen. Als ich sie das erste Mal sah, war mir sofort ihre große Zahnlücke zwischen den beiden Schneidezähnen aufgefallen. Sie hatte ihr ein mädchenhaftes, süßes Aussehen verliehen. Ansonsten war an ihr nichts Besonderes, wie ich fand. Klein, schlank mit kurzem dunklem Haar war sie keine Frau, die ich als Konkurrentin für mich und meine Beziehung zu Arndt gesehen hätte. Sie war einfach nicht sein Typ, viel zu burschikos, eine Frau, die lieber mit Jeans und Wollpullis im Garten arbeitete, anstatt auf Partys oder Ausstellungen zu gehen. Sie sprach immer ein bisschen zu laut. Ich fand sie insgesamt etwas derb und nicht besonders attraktiv. Deshalb war ich auch erst ohne Sorgen und Bedenken, als die beiden immer häufiger gemeinsam auf Geschäftsreise gingen. Sie arbeiteten eben beide an demselben Projekt und ich war bestimmt keine Frau, die ihrem Freund eine Szene machte. Als ich hellhöriger und besorgter wurde, war es bereits viel zu spät. „Schluss jetzt“, sagte ich laut zu mir. „Darüber werde ich jetzt nicht mehr nachdenken, das Thema ist beendet und vergessen. Und ich bin froh darüber. Es geht mir besser ohne ihn. Er ist ein mieser Arsch!“ Meine Stimme klang hohl und viel zu laut in dem stillen Wald. Verstohlen sah ich mich um, ob nicht jemand in der Nähe war, der meinen Selbstgesprächen lauschte. „Ich hab mir das richtig angewöhnt“, schalt ich mich, „ständig rede ich mit mir selber. Verdammt, Lana hör auf damit.“ Ich begann beherzt einen Pfad auf einen kleinen Hügel hinaufzusteigen, der mich durch das dichte Unterholz zurück auf den Hauptweg führen würde. Ich schnaufte etwas beim Anstieg und in der kühlen feuchten Luft konnte ich meinen Atem als kleine Wolken vor mir aufsteigen sehen. „Verdammte Qualmerei, kurzatmig wird man davon“, murmelte ich finster vor mich hin. Die Bäume standen hier sehr dicht und Farn und Gestrüpp wucherte über den gewundenen, an vielen Stellen matschigen und glitschigen Pfad. Der Nebel hatte sich verdichtet und die Feuchtigkeit kroch mir unter die Jacke. Ich stapfte energisch weiter und kämpfte eine seltsame, aufkommende Panik nieder. Ich kannte den Weg, auch im dichtesten Nebel würde ich sicher zum breiten Hauptweg zurückfinden. Dieser führte dann direkt zum Parkplatz und zu meinem hübschen, kleinen Auto. Ich holte tief Luft. Es wurde immer dunkler und grauer, der Nebel umgab mich wie eine wabernde Masse. Meine Haare kringelten sich in der Feuchtigkeit. Die Bäume konnte ich nur noch als Silhouetten wahrnehmen, die ihre kahlen Äste in den dunstigen Himmel streckten, wie knöchrige Arme. Ich begann unwillkürlich zu zittern. Plötzlich sah ich einen Schatten vor mir, er huschte kaum zwei Meter vor mir über den Pfad. Ich hörte mich selber erschrocken aufschreien. Der Schatten tauchte wieder zwischen dem Farn auf. Er erinnerte mich entfernt an einen großen Hund. Wo war der Besitzer dazu? Verdammt, konnte er das Tier nicht anleinen? Ich wollte etwas rufen, doch ich brachte nur ein Krächzen hervor. Der Schatten huschte abermals an mir vorbei, diesmal direkt vor meinen Füßen. Meine überreizten Nerven schlugen Alarm. Das Tier hatte eindeutig graues Fell. Ein Wolf?
„Ruhig Lana, es gibt keine Wölfe im Hamburger Umland“, murmelte ich. Der Nebel verschluckte meine Worte und ich konnte kaum noch die Hand vor Augen sehen.
„Ruhig bleiben Lana. Die Feuchtigkeit hat sich im Tal gesammelt, deshalb ist der Nebel hier so dicht, gleich bist du wieder auf der Anhöhe“, versuchte ich mir verzweifelt selber Mut zuzusprechen. Meine Stimme klang dünn und zittrig. Die Nebel senkten sich, wie ein graues Tuch über mich. Ich konnte den Weg mittlerweile nicht mehr erkennen, tappte wie eine Blinde durch das Unterholz, blieb mit dem Fuß an irgendetwas hängen und fiel hin. Ich rappelte mich auf, matschig und nass und mittlerweile völlig panisch. Dann sah ich wieder den Schatten des Tieres, direkt vor mir. Es sah nun verdammt realistisch nach Wolf aus. „Hilfe“, hauchte ich nur und dann stolperte ich über eine Baumwurzel. Wieder fiel ich der Länge nach auf den erdig riechenden Waldboden, meine Hände krallten sich in die bunt gefärbten, feuchten Blätter und der Nebel sank auf mich herab wie eine feuchte, kalte Decke. Meine Zähne begannen zu klappern. Alles drehte sich. Das Letzte, was ich hörte, war der klagende Ruf eines Tieres. Es war eindeutig das Heulen eines Wolfes.
„Der Vogel singt, das Reh es springt, es kommt die Frühlingszeit“ sang eine piepsige Kinderstimme.
Die Melodie kam mir seltsam vertraut vor und doch konnte ich schwören, dass ich das Lied noch nie zuvor gehört hatte.
„Das Gras es grünt, der Wald...“ Der Gesang brach abrupt ab und irgendwas stupste mich an meinem Hinterteil an. Ich schaute auf und starrte in das Gesicht eines vielleicht sieben- jährigen Mädchens mit blonden Zöpfen und auffallend grünen Augen. Sie trug nur ein Kleidchen aus ungefärbter Wolle und war barfuß. Mit ihrem linken Fuß trat sie mir nun recht energisch in die Kehrseite.
„Wer bist du denn?“, fragte sie fröhlich. „Kommst du aus den Hügeln und willst zum Fest? Warum trägst du so einen dicken Mantel, ist dir nicht warm?“ Völlig unbedarft ließ sie sich vor mir auf dem Boden nieder. „Du bist sehr schmutzig im Gesicht, du solltest dich waschen“, plapperte sie ungehemmt weiter. „Faolane wäre sehr böse auf mich, wenn ich so herumlaufen würde. Warum liegst du hier eigentlich? Bist du müde, willst du schlafen?“ Das Kind wartete keine Antwort von mir ab. Ich hätte ihr ohnehin keine geben können. Ich lag bäuchlings im Gras. Es war ziemlich warm und in meiner dicken Winterjacke begann ich bereits heftig zu schwitzen. Mein Schal hatte sich irgendwie um meinen Hals geknotet, so dass ich das unangenehme Gefühl hatte, gerade langsam stranguliert zu werden. Mühsam setzte ich mich auf. Mein Kopf drohte zu explodieren. Wo zum Teufel war ich? Ich löste den Schal und sog erleichtert Luft in meine Lungen. Dann sah ich mich um.
Ich saß in meiner dicken Winterjacke, völlig mit feuchter Erde und Matsch beschmiert auf einem kleinen Hügel. Vor mir erstreckte sich ein üppiges grünes Tal. In der Nähe konnte ich eine kleine Ansammlung von Lehmhütten sehen, die mit Stroh gedeckt waren. Das Tal wurde von einem kleinen Fluss geteilt, der sich munter sprudelnd durch die Ebene schlängelte und im Westen in einem kleinen Waldstück verschwand. Hinter mir konnte ich eine sanfte Hügellandschaft ausmachen, in der Ferne erhoben sich graue, schroffe Berge. Die Sonne schien warm vom blauen Himmel und Grillen zirpten im hohen Gras, das sich im lauen Wind sanft hin und her wiegte.
Ich rieb mir die Augen und versuchte, meine Gedanken zu sortieren. Das muss ein Traum sein, dachte ich mir und kniff mich selbst herzhaft in den linken Unterarm. Ich erwartete eigentlich, dass das idyllische Bild vor meinen Augen verschwand und ich wieder in dem herbstlichen, nass-kalten Wald zu mir kam. „Ich muss gestürzt sein und muss mir irgendwo den Kopf angeschlagen haben“, schlussfolgerte ich. Aber zu meinem Erstaunen und Entsetzen verschwand das Bild nicht, sondern das Mädchen, das ich eben noch für ein Trugbild meiner überreizten Nerven gehalten hatte, hockte noch immer vor mir im Gras. Mein Arm schmerzte an der Stelle, an der sich meine manikürten Nägel ins Fleisch gegraben hatten.
„Wie heißt du?“, fragte das Mädchen und sah mich mit ihren grünen Augen treuherzig und neugierig an. „Na prima“, dachte ich mir, „das ist mal eine Frage, die ich beantworten kann.“
„Lana“, sagte ich und meine Stimme klang schwach und piepsig. „Lana“, wiederholte das Kind fast andächtig. „Ich bin Elea“, verkündete sie dann fröhlich und begann Blätter aus meinen Haaren zu zupfen. „Willst du mit mir fangen spielen, oder verstecken?“, fragte sie dann. Ihr Gesicht strahlte.
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