„S c h w a n g e r“, buchstabierte Mara geduldig und grinste, „das ist das mit den Bienen und den Blumen und ach ja, den Klapperstorch nicht zu vergessen.“ „Das kann doch nicht sein“, stieß ich gepresst hervor. „Ihr kennt Euch doch erst drei Monate, Mara, wie soll das denn gehen?“ „Also, dass es so ist, hab ich schwarz auf weiß und nun dazu wie das geht. Hättest du im Biounterricht nicht geschwänzt, müsstest du das eigentlich sehr genau wissen. Im Internet kannst du aber sicher eine Menge darüber nachlesen“, sagte sie süffisant grinsend.
Ich brachte kein Wort heraus, sondern starrte sie immer noch mit großen Augen an.
„Weißt du“, sagte sie plötzlich sehr sanft und sah mich mitfühlend an. „Ich glaube, dass du das, was ich dir jetzt sage, nicht gleich verstehen wirst. Aber ich werde versuchen es dir zu erklären und dann hoffe ich, dass du dich einfach für mich freust. Ich brauche dich. Du bist doch meine beste Freundin.“ Der letzte Satz klang fast wie eine Frage.
Ich fummelte fahrig an meinem Strohhalm herum. Verzweifelt versuchte ich, irgendwie das Chaos meiner Gefühle unter Kontrolle zu bekommen. Ich hatte plötzlich irrsinnige Angst um unsere Freundschaft. Dazu kam aufsteigende Panik. Alles würde sich verändern und am Ende würde ich vielleicht einsam und alleine zurück bleiben. Ich unterdrückte den Wunsch, hysterisch loszulachen. Warum musste ich eigentlich immer kichern, wenn mich eine Situation überforderte? Eine schreckliche Angewohnheit. Ich versuchte meine Gesichtszüge zu kontrollieren. Mara betrachtete mich nachdenklich.
„Als ich es bemerkt habe, stand ich zunächst einfach nur unter Schock“, sagte sie leise. „Es war nicht geplant. Sicherlich, ich wollte immer Kinder, aber doch nicht jetzt und nicht so schnell. Aber dann, weißt du Lana, es fühlt sich richtig an. Es ist das erste Mal seit langer Zeit, dass ich das Gefühl habe, genau auf dem richtigen Weg zu sein. Es wird chaotisch, schwierig, neu, aber irgendwie weiß ich, dass es auch das Schönste sein wird, dass ich je erlebt habe.“ Mara klang atemlos. „Und Tom?“, frage ich trocken, „wie findet der das?“ Sie lächelte und sagte dann ruhiger: „Das ist ja das Schöne daran. Er sieht es genauso. Er war zunächst auch völlig durcheinander und dann hat er sich gefreut, richtig gefreut und er hat gesagt, dass es niemals den perfekten Zeitpunkt für ein Baby gibt, sondern, dass der perfekte Zeitpunkt immer der ist, wenn es passiert.“ Sie strahlte.
„Wir wollen zusammen ziehen, erst mal in seine Wohnung, die ist fürs erste groß genug und liegt eindeutig mehr im Grünen, als meine kleine Bude. Und dann werden wir uns einfach freuen und sehen, was passiert.“ Sie hielt kurz inne und sah mich unsicher an.
„Ach Lana, ich bin so glücklich, das erste Mal seit langer Zeit fühle ich mich richtig gut und hab keine Angst mehr, vor dem was kommt.“
Ich sah sie an und wusste einfach nicht was ich sagen sollte. Mir fielen tausend Dinge ein, die vernünftig waren, die Sinn machten, die sie überdenken sollte und doch sagte ich nichts von alle dem. Ein Blick in ihre Augen machte mich fast demütig und still. Was wusste ich von diesen Dingen? Was verstand ich wirklich von dem, was sie da sagte? Was davon konnte ich auch nur im Ansatz nachvollziehen? Nichts, musste ich mir eingestehen, gar nichts.
Seit der Trennung von Arndt vor gut zwei Jahren hatte ich nur an mich gedacht. Ich hatte viel gearbeitet, mir eine schicke Wohnung gekauft, war ausgegangen und hatte mich amüsiert. Dabei hatte ich immer darauf geachtet, dass mir niemand näher kam, als unbedingt nötig. Es hatte immer Männer gegeben, viele Männer, aber keiner von ihnen war bis zum Frühstück geblieben. Ich hatte mir einen Grundsatz auf die Fahne geschrieben, der Mara oft zum Kopfschütteln gebracht hatte: Wer mir nicht zu nahe kommt, kann mir nicht wehtun. Wer nicht da war, den kann ich nicht vermissen. Mara hatte damals alles mit mir durch-gestanden, die Heulkrämpfe, die Wutanfälle, die Trauer und die Verzweiflung, die mich immer wieder quälte. Sie war immer da gewesen. Sie hatte mich aufgebaut, mir zugehört, wenn ich zum hundertsten Male nach dem Warum fragte, oder einfach nur meinen Rücken gestreichelt, wenn ich wieder einmal hemmungslos geweint hatte. Irgendwann war es leichter geworden. Ich hatte meinen Platz gefunden, aber das Leben hatte mich härter werden lassen.
„Was wird nun aus mir werden?“, fragte ich mich und schämte mich zugleich für meinen Egoismus und den bitteren Gedanken, dass Mara bald bestimmt nicht mehr so viel Zeit für mich haben würde.
Sie durchschaute mich, das sah ich, als ich nun hoch schaute und ihren Blick auffing.
„Lana“, sagte sie leise, „ich würde so gerne sagen, dass zwischen uns alles bleibt, wie es immer war. Aber das wird es nicht, das Kind wird alles verändern, aber das ist nichts Schlechtes. Ich werde weiterhin immer für dich da sein, so gut ich kann. Ich will weiterhin deine allerbeste Freundin sein. Das Kleine wird eine Bereicherung sein. Vielleicht auch für dich, glaub mir.“
Ich straffte die Schultern und sagte dann etwas, wofür ich mich sofort hätte ohrfeigen können. Aber ich wollte irgendetwas sagen, dass sie verletzte, irgendetwas tun, damit doch noch alles wieder wie immer werden würde. Irgendetwas, das Mara dazu brachte, doch noch einmal alles zu überdenken und sich gegen das Kind zu entscheiden. Auch wenn ich tief in meinem Herzen wusste, dass nichts sie dazu bringen würde und auch nicht sollte. „Was ist, wenn es mit Tom nicht klappt? Ihr kennt euch doch kaum. Du weißt doch, wie Männer sind. Hast du darüber schon einmal nachgedacht? Was ist, wenn er dich in ein paar Monaten mit dem Gör sitzen lässt, was dann…?“ Ich beendete den Satz nicht, sondern starrte sie fast herausfordernd an.
Mara sah mich prüfend an und sagte dann gelassen: „Na und. Es gibt keine Garantien, für nichts auf der Welt bekommst du eine. Ich glaube nicht, dass dein Weg der ist, der uneingeschränkt glücklich macht. Für nichts und niemanden Verantwortung zu übernehmen, sein Herz an nichts mehr zu hängen, nur damit es nicht in Gefahr gerät, gebrochen zu werden. Hinter einer hohen Mauer hocken und nur ganz selten mal einen Blick darüber riskieren und sich dann schnell wieder zurückziehen. Mein Weg ist das nicht und er war es auch nie, Lana. Aber ich habe den deinen auch nie in Frage gestellt, sondern war immer glücklich und zufrieden, wenn du gesagt hast, dass du es bist. Das Gleiche hätte ich mir auch so sehr von dir gewünscht.“
„Lass uns jetzt besser gehen“, sagte sie dann hastig, „ich glaube, wir brauchen beide ein bisschen Zeit für uns.“ Sie winkte nach dem Kellner. Draußen auf der Straße umarmten wir uns schnell und sie sagte dann, mit erzwungener Fröhlichkeit: „Ruf mich morgen an. Dann besprechen wir auch die Silvesterfeier. Tschüss Süße.“ Dann ging sie schnell davon. Ich hatte sie tief verletzt, das wusste ich.
Ich zog den Reißverschluss meiner Jacke nach oben und stapfte durch den einsetzenden Sprühregen. Die Welt war grau und trüb, genau wie meine Stimmung. „Mara hat unrecht mit dem, was sie sagt. Ich verkrieche mich nicht. Ich will so leben. Ich bin frei, Single und genieße meine Freiheit in vollen Zügen. Ich vermisse nichts“, redete ich lautlos auf mich ein. Eine Stimme in mir erhob sich, um leise Zweifel anzumelden, aber ich erstickte jeden weiteren Gedanken im Keim. Ich suchte nach einem Feuerzeug, zündete mir eine Zigarette an, inhalierte den Rauch tief in die Lunge und murmelte dann leise vor mich hin: „Du bist nur müde. Morgen fühlst du dich wieder besser. Schluss jetzt, Lana.“
Mit gesenktem Kopf trottete ich Richtung Bushaltestelle und war froh, mich in der Anonymität der Großstadt einfach verstecken zu können. Der feine Regen benetzte mein Gesicht, so dass ich mir selber einreden konnte, dass ich nicht weinte.
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