»Moment!«, unterbrach Gabriele, »Warum holt sie etwas zu trinken? Diese Frau war zum ersten Mal in ihrer Wohnung.«
»Das ist richtig, aber ich habe ihr, bevor wir ... also vorher noch die Wohnung gezeigt. Und nachher war ich nicht in der Lage, aufzustehen.«
»So gut war sie?« Gabriele konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Hans Martin hingegen blieb todernst und ließ den Mann nicht aus den Augen.
»Auch, aber es lag mehr an den Handschellen, mit denen ich immer noch ans Bett festgemacht war. Sie hat mich nicht losgemacht, aber mir zu trinken gegeben. Wissen Sie, sie hat gemeint, es wäre nur eine kurze Verschnaufpause. Wahrscheinlich hat sie aber etwas in den Champagner gemischt, jedenfalls fehlt mir ab diesem Zeitpunkt die Erinnerung. Als ich munter wurde, war Chantal verschwunden, ich immer noch gefesselt und mit einem dicken Knebel verziert. Das Schlimme war, dass ich erst um halb zwölf munter wurde, das muss ein starkes Schlafmittel gewesen sein.«
»Was wurde denn aus Ihrer Wohnung gestohlen, Herr Hermanns?«
»Das ist ja das Verrückte, Herr Kommissar. Nichts.«
»Ich bin kein Kommissar, einfach nur Herr Gross. Nichts? Kein Geld, keine Wertsachen?«
»Nein und das wundert mich ja auch. Meine Geldbörse ist ziemlich dick, mein restliches Vermögen ist leicht in der Wohnung zu finden, aber alles ist immer noch an seinem Ort. Es war unmöglich, mich selbst aus dieser ... dämlichen Lage zu befreien. Mein Handy lag auch zu weit entfernt. Es hat andauernd geläutet. Erst als meine Nachbarn heimgekommen sind und mich gehört haben, ist kurz darauf die Polizei gekommen und hat mich befreit.«
»Wie haben sie ihre Nachbarn auf sich aufmerksam gemacht?«
»Mein Schlafzimmer, also das Bett, steht an der Wand zu deren Wohnzimmer. Ich bin mit dem Bett unaufhörlich gegen die Wand gerutscht. Wissen Sie, bei einem Messingbett ist das mit der Zeit schon laut.«
Gabriele schüttelte leicht den Kopf und grinste weiter. Da sie hinter Detlef Hermanns stand, konnte er ihre Schadenfreude nicht sehen.
»Nun gut, Herr Hermanns. Ich nehme an, sie haben eine Beschreibung der Dame abgegeben, oder?«
»Besser noch, Herr Kommissar ... Entschuldigung, Herr Gross. Ich habe ein Bild von ihr, hier am Handy.«
Sofort kümmerte sich Gabriele darum, das Bild auf ihren Computer zu überspielen. Sie musste zugeben, dass die Frau wirklich sehr attraktiv war. Sie war aufreizend, aber nicht übertrieben geschminkt. Ihre langen, gelockten Haare trug sie offen, und sie lächelte mit großen dunkelbraunen Augen und einem verführerischen Lächeln in die Kamera.
»Auch wenn der Name mit Sicherheit falsch ist, gib eine Fahndung nach dieser Frau raus. Mein Gefühl sagt mir, dass sie nicht zufällig aufgetaucht ist.«
»Ich werde mich darum kümmern, Chef«, antwortete Gabriele und tippte auf ihrem Computer.
»Habe ich etwas zu befürchten? Hat diese Frau etwas mit dem Flugzeugabsturz zu tun?«, fragte Detlef Hermanns aufgewühlt.
Hans Martin musterte ihn einige Sekunden lang mit ernster Miene.
»Nein, Sie haben nichts zu befürchten. Aber das nächste Mal sollten Sie etwas besser aufpassen, wen Sie mit zu sich nach Hause nehmen, Herr Hermanns.«
Der Copilot nickte schuldbewusst.
Zehn Minuten später waren Hans Martin und Gabriele wieder alleine in ihrem neuen Büro.
»Und, was glauben Sie, Chef?«
»Er lügt nicht und ich behaupte, er hat nichts mit der Sache zu tun. Es sollte nur dafür gesorgt werden, dass er nicht fliegt. Vielleicht war ein anderer Pilot geplant, um seinen Platz zu übernehmen. Ich bin gespannt auf den Bericht der Spurensicherung.«
»Der ist noch nicht da, aber eine vorläufige Liste von potenziellen Zielen. Wobei die Liste nicht wirklich viel aussagt.»
Gabriele druckte das zweiseitige Dokument aus und reichte es Hans Martin.
»Da haben sich die Kollegen im Innenministerium aber sehr bemüht«, spottete er.
»Bei der Gefahr eines terroristischen Anschlags in Wien ist dafür zu sorgen, dass alle größeren Kirchen, sowie alle Regierungseinrichtungen geschützt werden. Alle Plätze, die von besonderem touristischem Interesse sind, sollen überwacht werden. Die Auflistung darunter ist nicht mehr als eine Aufzählung aller Ministerien in Wien. Dieser Zettel ist nichts wert. Ich brauche keine Experten, um zu wissen, dass vor allem der erste Bezirk gefährdet ist. Nicht einmal die Uno-City wird erwähnt, Dilettanten!«, schimpfte er.
Hans Martin zerknüllte die Zettel und warf sie achtlos in den Papierkorb.
»Das bringt uns nicht weiter«, stellte er fest und erhob sich.
»Komm Gabriele, wir werden Erkan Günes aufsuchen. Mal sehen, was er zu erzählen hat. Wenn man mittels Terroranschlägen seine Freilassung erpressen will, muss er schon etwas ganz Besonderes sein.«
20:30 Uhr
Leise öffnete Ben die Eingangstür, da er wusste, dass seine kleine Tochter schon schlief. Auf Socken ging er in die Küche, wo ihn seine Frau Katharina erwartete. Ein kurzer Blick genügte, um zu erkennen, dass sie alles andere als gut gelaunt war.
»Hallo, mein Schatz. Du wirst nicht glauben, was ich heute …«
Katharina nahm ihre Brille ab und blickte ihn mit wutentbranntem Gesichtsausdruck an.
»Stimmt, ich glaube Dir nichts mehr!«, unterbrach sie ihn schroff und knallte ihm ein geöffnetes Kuvert auf die Brust.
»Kannst Du mir das erklären?«, fuhr sie ihn an, bemüht, leise zu sprechen.
Ben stutze kurz, sah sie fragend an und nahm dann den Brief heraus, der sich als amtliches Schreiben entpuppte.
»Eine Strafverfügung wegen Geschwindigkeitsübertretung. Da ich fast jeden Tag im Auto sitze, ist das hier nicht gerade eine …«
»Schau noch einmal auf das Datum und den Ort, mein Bester!«, unterbrach sie ihn fauchend. Katharina deutete mit zittrigen Händen auf den Tatzeitpunkt.
»Der 14. Juli, 23:46. Sagt mir im Moment rein gar nichts. Und die Linzer Straße …«, er überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf, »Ich weiß nicht, was ich dort gemacht habe.«
»Ich schon. Rein zufällig ist heute auch Deine Kreditkartenabrechnung gekommen. Interessanterweise hast Du am 14. Juli zu später Stunde in einem Lokal bezahlt.«
»Moment, mein Schatz. Jetzt wird das Ganze merkwürdig. Ich war sicherlich nicht alleine …«
»Doch warst Du. Ich war nämlich an diesem Tag mit Sophie bei meinen Eltern in Tulln. Das war das Wochenende, an dem Du angeblich so müde warst, dass Du zeitig ins Bett gegangen bist.«
Ben schüttelte den Kopf und griff nach der Abrechnung, die neben ihnen auf dem Küchentisch lag. Wie Katharina gesagt hatte, fand er darauf eine Abbuchung mit dem Betreff »Club Red Roses«.
»Verdammte Scheiße, was soll das bedeuten? Ich war nicht …«
Doch Katharina ließ ihn nicht ausreden. Ihr standen Tränen in den Augen.
»Ich habe Dich immer wieder gefragt … immer wieder, ob alles in unserer Beziehung passt.«
»Moment, Du glaubst doch nicht etwa …? Nein verdammt, ich habe nichts … Keine Ahnung, was es mit dieser Abrechnung und dem Strafzettel auf sich hat, aber ich weiß ganz genau, dass ich an dem besagten Wochenende nicht weggefahren bin. Schon gar nicht in so ein Lokal.« Ben bemühte sich, weiterhin leise zu sprechen, was ihm schwerfiel.
Seine Frau schien ihm nicht zuzuhören.
»Seit Wochen schon …«, Katharina wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, » … erklärst Du mir, ich bin grundlos eifersüchtig. Und jetzt muss ich … muss ich erkennen, dass Du mich die ganze Zeit über nur angelogen hast«, stotterte sie unter Tränen.
»Ich habe nicht gelogen. Das hier …«, er hob die Zettel hoch, »… macht für mich keinen Sinn!«
Katharina drehte sich von Ben weg.
»Gib Dir keine Mühe, ich glaube Dir sowieso kein Wort mehr. Ich könnte brüllen und kreischen, so mies fühle ich mich. Ich bin nur deshalb so leise, weil ich unsere Kleine nicht aufwecken möchte. Sie muss nicht erfahren, was für ein Arsch ihr Vater ist.«
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