»Weil ... also ... Die zuständigen Behörden wollen im Laufe der nächsten Woche einige Agenten zu uns schicken, die ihn mitnehmen. Scheinbar haben es die Kollegen nicht eilig, ihn zu holen.«
»Im Moment wird jede Kommunikation mit ihnen abgebrochen. Der Mann bleibt hier in Gewahrsam und bekommt keine Möglichkeit, mit jemanden zu sprechen. Zuerst will ich mit ihm reden. Ich benötige eine Aufstellung aller potenziellen Ziele in Wien und Umgebung. Wo können die Terroristen den größten Schaden anrichten, sowohl symbolisch als auch mit Todesopfern. Es sollte klar sein, aber ich sage es trotzdem: totale Nachrichtensperre. Der Flugzeugabsturz war ein tragisches Unglück, das genau untersucht wird. Ich will kein Wort von Terroristen, Anschlägen oder Ähnlichem hören. Damit der Copilot und mögliche weitere Personen nicht auf dumme Ideen kommen, werde ich hier bei Dir, Walter, ein Zimmer beziehen. Gabriele wird Dir sagen, was sie benötigt, um ordentlich arbeiten zu können.«
Hans Martin Gross war sofort in seinem Element. Jahrelang hatte er im Büro verbracht, mögliche Situationen bewertet oder nur mit kleineren Delikten zu tun gehabt. Diese Bedrohung könnte sich zu einer sehr gefährlichen Sache aufblasen, wenn sie nicht schnell und richtig handeln würden.
Ähnlich erging es Gabriele Zauner. Mit einem Schlag wurde ihr bewusst, dass ihre bisherigen Spielereien am Computer und ihr Können auf dem Prüfstand standen. Seit sie als Sekretärin von Gross angefangen hatte, gab es noch keine ernst zu nehmende Terrordrohung. Nun musste sie beweisen, was sie konnte.
»Wo sollen wir anfangen, Chef?«, fragte sie und ließ sich ihre aufkommende Nervosität nicht anmerken.
»Du richtest das Büro für uns ein, Gabriele. Ich will den Copiloten haben, unverzüglich.« Er legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch.
»Und wir benötigen einen Kühlschrank. Mineralwasser, Energydrinks und Sandwiches. Uns steht eine lange Nacht bevor und das ist nur der Anfang, fürchte ich.«
Es dauerte knapp eine Stunde, bis das Büro neben dem Bundespräsidenten für Hans Martin und Gabriele eingerichtet war, inklusive eines gefüllten Kühlschranks. Der karge Raum wurde ansonsten nicht genutzt, er wirkte kühl und nicht besonders einladend. Im Vergleich zu den anderen Räumen der Hofburg glich ihr Büro mehr einer Abstellkammer mit Tischen.
»Ich kann mich nicht entscheiden, welcher Raum bescheidener aussieht, unser normales Büro, oder dieses hier«, bemängelte Gabriele ihre vorübergehende Unterkunft.
»Dafür bekommst Du einen Computer nach Wunsch. Was hast Du vorhin gemeint, mit dem Verteidigungsminister und Rechtsbeugungen?«
»Ich bin vor Längerem zufällig auf Dokumente gestoßen, in denen der NSA freie Hand bei der Überwachung auf österreichischem Boden gegeben wird. Als Gegenleistung gibt es bessere Geschäftsbeziehung zu einigen amerikanischen Firmen und ‚abgesprochene private Zuwendungen‘. Unterzeichnet und somit genehmigt vom amtierenden Verteidigungsminister. Ich glaube, das sagt schon alles.«
Hans Martin schüttelte den Kopf.
»Das soll uns im Moment nicht kümmern. Weißt Du mehr über Günes?«
»Noch nicht. Ich werde wohl den offiziellen Weg gehen müssen, da die Akten nicht vollständig digitalisiert wurden. Aber ich weiß, wer hier in Österreich sein Okay für die Operation gegeben hat und demnach auch mehr über die Hintergründe ...«
»Her mit ihm, heute noch«, fiel ihr Hans Martin ins Wort, »Wir müssen wissen, was es mit diesem Günes auf sich hat.«
»Jawohl, Chef. Der Copilot wird jeden Moment auftauchen. Sein Name ist Detlef Hermanns, deutscher Staatsbürger, wohnhaft in Wien, ledig, dreiunddreißig Jahre. Keine Vorstrafen, keine verdächtigen Hintergründe, soweit ich auf die Schnelle feststellen konnte.«
»Gut, dann lassen wir uns überraschen.«
19:15 Uhr
Als Detlef Hermanns von zwei Polizeibeamten in das improvisierte Büro gebracht wurde, sahen Hans Martin und Gabriele gerade die Nachrichten am Computer. Gabriele erhob sich und bot dem braun gebrannten, dunkelhaarigen Mann ihren Sitz an.
»Guten Abend, danke, dass sie so schnell kommen konnten, Herr Hermanns«, begrüßte Hans Martin ihn freundlich.
»Sehr gerne, aber ich fürchte, ich kann Ihnen nicht viel mehr sagen, als ihren Kollegen heute Nachmittag.«
»Nehmen Sie erst mal Platz. Wir wissen nicht viel von den Kollegen, deshalb wäre es praktisch, wenn Sie uns alles noch einmal erzählen.«
Der Mann setzte sich gegenüber von Hans Martin und stöhnte auf.
»Wenn es sein muss. Wissen Sie, es ist mir schon peinlich genug, was passiert ist. Dann noch der Flugzeugabsturz. Dieser Tag ist einfach nur verrückt für mich.«
»Das kann ich mir gut vorstellen. Aber dennoch, wir bräuchten ihre Aussage. Darf es etwas zu trinken sein, Mineralwasser, Cola?«
Detlef Hermanns entschied sich für Wasser und begann seine Geschichte zu erzählen, die Gabriele, ohne nachzufragen, aufzeichnete.
»Wissen Sie, ich mache diesen Job seit vier Jahren, und etwas Derartiges ist mir noch nie passiert. Wenn wir im Moment nicht so einen Personalnotstand hätten, wäre der Pilot niemals alleine geflogen. Aber ... es war mein Glück im Unglück, könnte man sagen.«
»Kannten Sie den Piloten, Stefan Riegler?«
Hermanns überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf.
»Der Name kommt mir bekannt vor, aber öfter als ein- oder zweimal bin ich nicht mit ihm geflogen. Ich habe kein Bild von ihm im Kopf.«
»Bleiben wir zunächst bei ihnen. Was genau ist Ihnen zugestoßen?«
»Eine heiße Frau, eine ...«, er blickte verstohlen zu Gabriele.
»Reden Sie ganz offen, ich werde es vertragen«, munterte sie ihn auf.
»Okay. Wissen Sie, ich bin Single und an sich sehr glücklich damit. Aber hin und wieder, na ja, wenn ich ausgehe, möchte ich auch etwas Spaß haben. Und so war es auch gestern. Ich wusste, dass mein Flug erst am späten Nachmittag geht, also hatte ich genügend Zeit, um wieder einmal durch die Stadt zu ziehen.«
»Alleine?«, wollte Hans Martin wissen.
»Zuerst noch mit einigen Freunden, Treffpunkt war unser Stammlokal im zweiten Bezirk. Dort ist mir dieser heiße Feger, also diese Frau schon aufgefallen. Sie stand immer in meiner Nähe, hat mir zugelächelt. Es hat nicht lange gedauert und wir sind ins Gespräch gekommen. Wissen Sie, mein Beruf als Pilot ist immer noch ein Magnet für manche Frauen. Ich dachte, dass es bei ihr genauso wäre. Es sah auch so aus, als hätte ich recht gehabt.«
»Bis auf die Kleinigkeit, dass sie scheinbar andere Absichten hatte«, meldete sich Gabriele zu Wort.
»Das wusste ich zu diesem Zeitpunkt ja noch nicht. Wir sind also am Kennenlernen, trinken gemeinsam einen Cocktail nach dem anderen und meine Freunde halten sich dezent zurück. Dann kommt diese Frau auf die Idee, dass wir gleich zu mir gehen könnten.«
»Einfach so? Ich will ja nicht den Moralapostel spielen, aber ...«
»Natürlich habe ich mich auch etwas gewundert, dennoch war ich nicht abgeneigt. Außerdem war mir klar, dass ich die nächsten Tage in Frankfurt verbringen werde, warum also nicht vorher etwas Spaß haben. Wissen Sie, ich suche ja nicht die große Liebe, da mache ich den Frauen nichts vor. Ihr schien es ganz recht zu sein, sie hat sogar gemeint, sie wolle etwas erleben, ohne viel Gequatsche.«
»Wie hieß die Frau denn?«
»Chantal. Wir sind dann also heim zu mir, waren kurz nach zwei Uhr in meiner Wohnung und ... sie wollen keine Details, oder?«
Hans Martin grinste.
»Nein, so neugierig sind wir nicht, außer es hilft uns weiter.«
»Sagen wir so, ich habe mich bei den Handschellen nicht gewehrt. Wir hatten auch eine schöne Zeit, die Frau war echt ein Wahnsinn. Sie ist abgegangen ... Okay, nicht so wichtig. Jedenfalls hat sie uns nachher etwas zu trinken geholt. Und wahrscheinlich ...«
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