»Hallo, Schatz, wie geht´s?«
»Hallo, ganz gut. Wir sind zurück vom Schwimmbad und die Kleine ist wieder einmal hundemüde. Was gibt es bei Dir?«
»Nichts Neues, ein ganz normaler, ruhiger Arbeitstag.«
»Warum warst Du denn bei unserem letzten Gespräch so kurz angebunden?«, bohrte seine Frau nach. Ben stöhnte auf, er wusste, was nun kommen würde.
»Weil ich nicht alleine unterwegs war, mein Schatz?«
»Wieso nicht? Wer ist mit Dir gefahren?«, kam sofort die misstrauische Frage.
Seit einiger Zeit war seine Frau Katharina extrem eifersüchtig und vermutete immer wieder aufs Neue, dass er sie betrog oder Geheimnisse vor ihr hatte.
Mehrmals erklärte er ihr, mit wem er unterwegs war und dass sie sich keine Gedanken machen bräuchte. Er versicherte ihr, dass er nur sie liebe und immer noch glücklich mit ihr war. An ihrer Stimme erkannte er aber, dass sie immer noch skeptisch war.
Als ihr Telefonat beendet war, kehrte er zu Markus zurück, dem auffiel, dass sich seine Stimmung verschlechtert hatte.
»Wenn Du einmal verheiratet bist, wird es Dir genauso ergehen, das verspreche ich Dir.« Mehr wollte er zu diesem Thema nicht sagen. In diesem Moment kam sein Chef, Georg Faltinger, zusammen mit seiner Frau und den beiden Kindern vorbei. Die beiden elfjährigen Zwillingsburschen grüßten Ben und Markus.
»Schönen Tag noch, wir sehen uns morgen wieder«, verabschiedete sich Bens Vorgesetzter von ihnen und verschwand mit seiner Familie in der Garage des Hauses.
»Mal schauen, was der Tag noch so bringt, ich warte immer noch darauf, bei einer Blaulichtfahrt mitzufahren«, meinte Markus und entschied dann, doch eine Zigarette zu rauchen.
13:45 Uhr
Gabriele und Hans Martin konnten sich im nahegelegen Restaurant bei ihrem Mittagessen Zeit lassen.
Ihnen stand danach nur ein kurzer Spaziergang über den Michaelaplatz bevor, um zur Hofburg zu gelangen.
Trotz des wenig einladenden Wetters waren unzählige Touristen unterwegs um die historische Altstadt Wiens zu erkunden. Die Fiaker standen bereit, um mit der zahlenden Kundschaft durch die Gassen des ersten Bezirks zu fahren. Es sah nach keinem guten Tag für die Fahrer aus, wie ihre Mienen verrieten.
»Ich war noch nie beim Bundespräsidenten, die Räume kenne ich nur von seinen Fernsehansprachen zum Jahreswechsel und Nationalfeiertag», meinte Gabriele mit etwas Ehrfurcht.
»Ich kenne Walter Schlinger schon lange, er ist ein ehrlicher, besonnener Mann. Obwohl wir in unmittelbarer Nähe zur Präsidentschaftskanzlei der Hofburg sitzen, habe ich ihn auch schon eine Ewigkeit nicht mehr persönlich getroffen.»
Gabrieles Handy läutete. Sie sah kurz nach, wer der Anrufer war und drückte ihn dann weg.
»Scheinbar nichts Wichtiges, oder?«, fragte Hans Martin nach.
»Wie man es nimmt. Mein Freund, mit dem ich eigentlich verabredet war. Ich werde ihn später zurückrufen.«
»Du hast gar nicht erwähnt, dass es einen Neuen gibt?«
»Das läuft erst seit knapp drei Monaten, Chef.«
»Und hast Du ihn schon überprüft?«, wollte Hans Martin wissen.
Gabriele verkniff sich ein Schmunzeln.
»Oliver Gradwohl, 38 Jahre, keine Vorstrafen, nichts Aktenkundiges und Nichtraucher.«
»Was Dir ja besonders wichtig ist.«
»Genau, Chef. Dafür ist er aber eifersüchtig und klammert etwas. Zum Beispiel ist es ihm ein Dorn im Auge, auch wenn er es noch nicht ausgesprochen hat, dass ich ganz alleine mit einem Mann im Büro sitze.«
Hans Martin lachte kurz auf und schüttelte belustigt den Kopf.
»Der kennt mich noch nicht. Sonst würde er nicht auf die Idee kommen, dass ich ... Also wirklich, Gabriele.«
»Ich habe es ihm gesagt und damit muss er leben«, gab sich Gabriele selbstbewusst.
Hans Martin sah in Gabriele nicht die hübsche, junge Frau, wie viele andere im Büro. Vielmehr war sie ihm mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen, fast wie eine Tochter, auf die er aufpasste. Kurz, nachdem Gabriele bei ihm angefangen hatte, kam ihr Vater bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Hans Martin hatte sich damals um sie gekümmert und versucht, sie zu trösten. Was nicht leicht war, für einen Mann, der nur äußerst selten Gefühle zuließ.
»Du weißt, wie ich über Dich denke, Gabriele. Wenn es Dir mit dem Mann ernst ist, stell ihn mir vor und ich kläre das mit ihm.«
»Ja, Papa«, antwortete sie grinsend.
Vor dem drei Meter hohen Eingangstor zum Trakt der Hofburg, der dem Bundespräsidenten zugedacht war, standen zwei Polizeibeamte. Sie waren über Hans Martins Erscheinen informiert und ließen ihn sofort ins Gebäude, als er sich vorstellte.
16:55 Uhr
Das Amtszimmer des Bundespräsidenten war prominent besucht. Neben Walter Schlinger waren der Verteidigungsminister, die Innenministerin, der Bundeskanzler sowie Hans Martin Gross und Gabriele Zauner anwesend. Sie hatten alle mehrmals die Aufzeichnung angehört und waren vom Ernst der Lage überzeugt.
»Sollte nicht auch Generalmajor Lechtaler bei diesem Treffen dabei sein?«, meinte Manfred Leininger, seines Zeichens Verteidigungsminister. Der groß gewachsene, glatzköpfige Mann blickte mit ernster Miene in die Runde.
»Generalmajor Lechtaler ist auf Urlaub, noch dazu im Ausland. Außerdem betrifft die Angelegenheit weniger meine Sicherheit, als die der Bevölkerung«, antwortete Bundespräsident Schlinger, »Deshalb habe ich Herrn Gross zu uns gebeten. Wir kennen uns seit Jahren und er …«
»Lechtaler ist nicht nur für Sicherheitsfragen zuständig, sondern auch ihr Verbindungsmann zum Bundesheer. Durch seinen Urlaub muss ich diese Position übernehmen.«
Hans Martin mischte sich ein.
»Im Moment müssen wir abwarten, was diese Terrorgruppe genau verlangt, wenn es überhaupt eine ist. Normalerweise spricht jemand, der einen Anschlag plant nicht von einem Spiel mit Runden und Einsätzen. Und meine Anwesenheit hier begründet sich vielleicht durch meine Funktion als Abteilungsleiter des Bundesamtes für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung«, stellte er klar.
Manfred Leininger musterte Hans Martin abschätzig und schüttelte dann den Kopf.
»Soweit ich informiert bin, sind sie für die Büroarbeit zuständig, hier geht es um eine ernsthafte Bedrohung durch eine ausländische Gruppierung. Da werden …«
Das Telefon läutete und ließ ihn verstummen, gleichzeitig sprangen die Anwesenden von ihren Sitzen. Das Telefon war inzwischen an einen Lautsprecher und eine weitere Apparatur angeschlossen. Diese sollte den Anruf zurückverfolgen, in der Hoffnung, dem Spuk ein schnelles Ende zu bereiten. Nach dem dritten Klingeln hob Hans Martin ab und legte den Hörer in die vorbereitete Ausbuchtung des Lautsprechers.
»Meine Damen und Herren, ich wünsche Ihnen allen einen angenehmen Nachmittag«, meldete sich die inzwischen bekannte Stimme höflich.
»Bevor wir uns weiter unterhalten, möchte ich Sie bitten, den Fernseher einzuschalten. Die Nachrichten, wenn Sie so freundlich wären.«
Manfred Leininger beugte sich zum Telefon vor.
»Bevor wir auch nur irgendetwas machen, was Sie verlangen, werden Sie uns verraten ...«
»Herr Leininger, es ist außerordentlich unklug, um nicht zu sagen dämlich, mich zu unterbrechen. Es stehen harte Entscheidungen vor Ihnen und den anderen anwesenden Personen, deshalb sollten Sie mir besonders gut zuhören. Glauben Sie nicht, nur weil Ihnen das Bundesheer untersteht, dass ich Sie ernst nehme. Sie sind ein Wehrdienstverweigerer, der nur aufgrund der richtigen Freunde in diese Position geschoben wurde.«
»Das ist nicht richtig!«, protestierte Leininger, »Ich habe niemals verweigert, meine damalige Gesundheit hat den Dienst an der Waffe nicht möglich gemacht.«
Inzwischen war der Fernseher eingeschaltet, gerade lief ein Bericht über einen Protestmarsch gegen die Regierung in Spanien.
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