»Spiel? Sind Sie denn völlig verrückt!«, stieß Ingrid Böhm hervor.
»Wenn ich meiner letzten psychischen Untersuchung glauben soll, nein.«
»Wie krank muss man sein …«
»Bitte, ich wünsche keine Unterbrechungen, wenn ich rede, werte Frau«, blieb der Mann höflich, »Sie stehen am Anfang einer Terrorwelle, die die Stadt, sowie ganz Österreich erschüttern wird. Dabei ist unser Ziel sehr einfach. Wir beenden sofort jegliche Aktion, wenn Erkan Günes freigelassen wird.
»Erkan Günes, wer ist das?«, fragte Gross und deutete gleichzeitig seiner Assistentin, die sich in ihren tragbaren PC vertiefte.
»Identifizieren Sie sich, bitte.«
»Hans Martin Gross, Abteilungsleiter ...«
»Der Abteilung für Terrorbekämpfung. Es war vorherzusehen, dass Sie gerufen werden. Ich werde mich morgen um Punkt 14 Uhr wieder melden. Bis dahin sollten Sie dafür sorgen, dass Herr Günes ein freier Mann ist. Ansonsten würde der nächste Anschlag erfolgen und dieser wäre weitaus näher und tödlicher. Zur Identität von Herrn Günes wird Ihnen Herr Leininger sicherlich weiterhelfen können.«
Die Verbindung wurde getrennt und ließ alle im Raum mit fragenden Blicken zurück.
»Wir benötigen sofort eine Arbeitsgruppe, die sich mit den Auswirkungen auseinandersetzt«, meinte die Innenministerin.
»Wie bitte?«, fuhr sie Manfred Leininger an, »Was wir jetzt brauchen, ist ein Einsatzteam, das umgehend diesen Terroristen ausfindig macht. Ich werde die besten Männer zusammenrufen und mich mit ihnen beraten.«
»Außerdem müssen wir dafür sorgen, dass die Medien nichts davon erfahren. Die würden uns regelrecht zerreißen«, fiel dem Bundeskanzler, Alfred Haim, ein.
»Meine Herren, Frau Minister, bitte bleiben Sie ruhig. Ich habe nicht umsonst Herrn Gross zu uns gebeten.«
»Wichtiger als ein Bürohengst ...«, weiter kam der Verteidigungsminister nicht, mit einem Satz war Hans Martin Gross bei ihm, sein eiskalter Blick brachte ihn zum Schweigen.
»Dieser Bürohengst hat schon Operationen geleitet, als Sie noch damit beschäftigt waren, sich in der Partei hochzuschleimen. Im Gegensatz zu Ihnen habe ich Erfahrung im Außeneinsatz und wahrscheinlich mehr Ahnung von den Aufträgen des Bundesheers, als Sie«, schnauzte Gross ihn an, »Vielleicht beginnen wir zunächst einmal damit, dass Sie uns erzählen, von wem dieser Bulut spricht.«
Der Verteidigungsminister wich einen Schritt von Gross zurück, gab ihm aber auch keine Antwort. Gabriele wartete noch einen Moment, strich sich durch ihre Haare und setzte ein wissendes Lächeln auf.
»Wenn der Herr Verteidigungsminister nicht möchte, kann ich ihnen vielleicht ein paar Kleinigkeiten verraten, die uns hier weiterhelfen. Zunächst einmal, der Anruf kam von einem nicht registrierten Mobiltelefon. Das wird uns nicht weiterhelfen. Die Person, die Bulut erwähnt hat, lässt darauf schließen, dass er Insiderwissen hat, das ansonsten nur sehr hochrangige Politiker haben.«
»Wieso, wer ist dieser Erkan Günes?«, fragte der Bundespräsident.
Gabriele blickte zum Verteidigungsminister, dem der Name augenscheinlich vertraut war.
»Wollen Sie, oder soll ich es erzählen, Herr Verteidigungsminister?«
»Das unterliegt strenger Geheimhaltung. Eine ... Privatperson, wie Sie, kann darüber ...«
Gabrieles Grinsen wurde breiter, als sie ihn unterbrach.
»Erkan Günes wurde vor einem Monat in der Türkei von einer Spezialeinheit, die unter österreichischer Leitung stand, entführt und nach Österreich gebracht.«
»Was soll das? Diese Informationen sind streng vertraulich!«, protestierte Manfred Leininger, doch Gabriele hörte ihm nicht zu, sondern las weiter von ihrem Bildschirm ab.
»Es besteht der Verdacht, dass Günes ein internationaler Waffenhändler ist. Die Informationen sind nur vage, aber von amerikanischer Seite kam die Bitte - besser gesagt, der Befehl - den Mann dingfest zu machen. Nun sitzt er in der Maria Theresien Kaserne und wartet darauf, dass die amerikanischen Behörden sich um ihn kümmern.«
Der Verteidigungsminister schlug mit der Faust auf den Tisch, sein kahler Kopf war hochrot.
»Das wird ein Nachspiel haben, das schwöre ich Ihnen. Es kann nicht sein, dass eine gewöhnliche Sekretärin an solch brisantes Material kommt und mir unter die Nase reiben darf ...«
Im nächsten Moment war Hans Martins Hand an seinem Kragen. Mit eisernem Griff zog er den überraschten Mann nahe zu sich und blickte ihn verachtend an.
»Noch ein Wort und Deine Nase ist nur ein Teil von Dir, der gebrochen wird, haben wir uns verstanden?«, zischte er hervor. Der Bundespräsident trat neben Gross und legte ihm sanft die Hand auf die Schulter.
»Lass es gut sein, Hans Martin. Er ist neu im Amt und glaubt, sich profilieren zu müssen. Ich glaube, unsere Probleme sind größer, als euer beider Ego.«
»Zu diesen Problemen kann ich noch etwas sagen, wenn ich nicht andauernd unterbrochen werde.« Gabriele wirkte unbeeindruckt von Leiningers Drohung ihr gegenüber.
»Fahren Sie fort, Frau Zauner«, bat Walter Schlinger.
»Es stimmt, dass diese Informationen als streng geheim eingestuft sind. Natürlich habe ich leicht darauf Zugriff, da ich als Assistentin von Herrn Gross diesbezüglich Befugnisse habe. Die Frage ist aber, wer noch diese Ermächtigungen hat und es unserer Terrorgruppe verraten hat. Darüber hinaus möchte ich anmerken, dass das Gespräch eben recht seltsam war. Es war kurz und prägnant, trotzdem lange genug um den Anrufer zu orten. Ich gehe davon aus, dass ihm das bewusst war. By the way, es war ein anderer Standort als zuvor, mitten auf der Donauinsel. Die Chancen, ihn dort zu finden, sind wohl eher gering. Überdies muss er gute Beziehungen zum Bundesheer haben. Sein Wissen und auch, dass er den Verteidigungsminister sofort an der Stimme erkannte, sprechen dafür. Er hat klar gemacht, was er verlangt und mit einem weiteren Anschlag gedroht. Soweit so gut, aber es klang nicht danach, als würden wir mit einer türkischstämmigen Person sprechen. Das legt die Vermutung nahe, dass es keinen fundamentalistischen Hintergrund gibt. Es kamen auch keine religiösen Andeutungen vor. Demnach werden wir es wohl nicht mit Selbstmordanschlägen zu tun bekommen, sondern wieder mit einer versteckten Bombe. Er nennt das alles ein Spiel und genau so wird er vorgehen. Er will Runde für Runde gewinnen, bis wir auf seine Forderungen eingehen. Unser erstes Ziel sollte es sein, herauszufinden, wie die Bombe an Bord des Flugzeugs kommen konnte. Es war ein Frachtflugzeug der Lufthansa auf dem Weg nach Frankfurt. An Bord nur zwei Personen, Pilot und Copilot ... Moment, das stimmt so nicht.«
Gabriele stutzte und blätterte auf dem Bildschirm auf und ab.
»Du bekommst jede Unterstützung, die Du benötigst, um diese Verbrecher ausfindig zu machen und die Gefahr zu neutralisieren«, flüsterte der Bundespräsident Hans Martin Gross zu.
»Neutralisieren? Du weißt, was das in meinem Jargon bedeutet?«
Walter Schlinger nickte.
»Wenn es sein muss.«
»Das ist interessant«, fuhr Gabriele fort, »Der Copilot ist nicht geflogen. Er wurde kurz vor dem Start der Maschine in seiner Wohnung gefunden.«
»Gefunden? Was meinst Du damit, Gabriele?«
»Er ist überfallen worden, Chef. Ich habe nur einen kurzen Polizeibericht darüber, die Polizei fand ihn gefesselt in seiner Wohnung. Der Pilot, Stefan Riegler, hat auf Rücksprache mit der Airline den Flug alleine übernommen. Ich möchte nichts vermuten, aber das ist schon ein sehr großer Zufall, oder?«
»Was werden wir nun unternehmen?«, fragte Innenministerin Böhm aufgewühlt.
Der Bundespräsident blickte zu Hans Martin, der nachdenklich über seinen Schnurrbart strich und die Stirn runzelte.
»Ich benötige ein Team von Polizisten, die unter meinem Kommando stehen. Ein Einsatzwagen soll von früh bis spät bereitstehen, damit wir bei Bedarf rasch abfahren können. Alle Berichte vom Flugzeugabsturz kommen auf meinen Tisch. Die Spurensicherung vor Ort hat höchste Priorität, die müssen jeden Quadratzentimeter des Fliegers unter die Lupe nehmen. Der Copilot wird umgehend zu mir beordert, das ist im Moment unsere einzige Spur. Dazu benötige ich alles über Erkan Günes. Wie wurde er ausfindig gemacht, was wird ihm vorgeworfen, mit wem arbeitet er zusammen, was wollen die Amerikaner von ihm? Warum ist er überhaupt noch hier?«, fragte er den Verteidigungsminister.
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