„Gnädige Frau“, sagte Satinajew lächelnd, „was regen Sie sich auf? Ich kenne die von Ihnen genannten Personen nicht. Ich bin ein Futurist aus dem Jahr 1913, und hier ist meine frei gewählte Welt.“
„Frei gewählte Welt!“ rief Lena, und an einen unsichtbaren Zeugen gewandt: „Den Chitrowski Markt nennt er seine frei gewählte Welt! Daß ich nicht lache!“
„Ich habe mich im Krieg vor dem Militärdienst gedrückt und in der Revolution habe ich durch Abwesenheit geglänzt“, sagte lächelnd der Dichter, „heute habe ich mich Ihnen als Führer durch den Chitrowski Markt angeboten. Keineswegs wollte ich Sie kränken oder, was Sie offenbar befürchtet hatten, Sie etwa mit eigenen Gedichten belästigen. Ich bin auch nicht teuer. Wenn Sie mir fünf Kopeken für meine Dienste geben, nehme ich Sie dankend an.“
„Gut“, sagte Lena, sie kramte in ihrer Aktentasche und reichte dem Dichter einen Rubelschein, „bitte nehmen Sie, das ist für Ihre Bemühungen. Und nun schaffen Sie mich weg von hier.“
Gleichmütig steckte der Dichter den Schein in die Brusttasche seines Schlafanzuges, der wiederum knisterte bei jeder Bewegung.
„Was knistert da in Ihrem Anzug?“ fragte Lena.
„Oh“, sagte Satinajew, „stört es Sie?“
„Es irritiert mich.“
„Es sollte Sie nicht irritieren“, sagte Satinajew geschmeidig, „es sind nur die Zeitungen, die ich um meinen Körpereb gunden habe. Es ist morgens manchmal schon recht kalt, wissen sie, außerdem bereite ich mich auf den Winter vor, ich trainiere sozusagen für die kalte Jahreszeit, probiere dieses, probiere jenes, um nicht zu erfrieren später, übrigens“, er beugte sich leicht vor, „die Iswestija hält viel besser die Kälte ab als die Prawda,“ er beugte sich noch weiter vor, „aber sagen Sie das, bitte, nicht weiter, ich möchte nicht schuld sein am Niedergang der Prawda.“
Eine Frau ohne Augenlider, ohne Nase und Lippen trat hinzu.
„Wer ist die“, herrschte sie Satinajew an.
„Oh“, sagte Satinajew unterwürfig, „das ist ...“, er sah hilfesuchend zu Lena hin, die mit gekrauster Stirn die Hinzugetretene musterte, und da Lena keine Anstalten machte, ihn aufzuklären, ergänzte er, als habe er ein Geheimnis zu verkünden: „Das ist eine Genossin aus dem Ministerium.“
„Von welchem Ministerium?“
„Vom Ministerium für Barmherzigkeit.“
„Das gibt es nicht.“
„Das sollte es aber geben“, sagte Satinajew.
„So?“ sagte die Frau ohne Augenlider, ohne Nase und ohne Lippen, indem sie sich an Lena wandte, „vom Ministerium sind Sie also.“
„Nein“, sagte Lena, „ich bin Dozentin an der Militärakademie.“
„Das ist ja noch schöner“, sagte die Frau ohne Augenlider, ohne Nase und ohne Lippen, „dann teilen Sie der Partei und Stalin mit, daß wir vom Chitrowski Markt fest auf dem Boden des Marxismus-Leninismus stehen ...“
Wegen ihrer Behinderung fiel es ihr schwer, Lippenlaute auszusprechen und Lena hatte Mühe, sie zu verstehen. Ihr Gesicht war von großflächigen Brandnarben verunstaltet, aus den beiden oberen Löchern schauten zwei glasige Augen:
„ ... Und wir billigen die Hinrichtung der Verräter mit Sinowjew und Kamenjew an der Spitze“, fuhr die Lippen-, Lid- und Nasenlose fort, „wir verstehen, daß wir beiseitegeschoben werden mußten, um dem Aufbau des Sozialismus nicht im Wege zu stehen. Das Proletariat soll sich nicht erschrecken bei unserem Anblick ...“
Bei einem Blick zur Seite bemerkte Lena, wie Satinajew, Hände auf dem Rücken, verlegen lächelnd vor sich hin blickte, als beobachte er einen ungewöhnlichen Vorgang im Straßenstaub.
„ ... Aber wir können mehr leisten für das Allgemeinwohl, als hier herumzulungern. Habe ich nicht nützliche Hände?“ rief die Lippen-, Lid- und Nasenlose, und hielt Lena ihre Hände entgegen, feingliedrige und stark vernarbte Finger, „und hat Anatoli nicht starke Hände?“ Sie wies auf den Mann ohne Beine, dessen Unterleib auf dem Rollwägelchen festgeschnallt war, der so Angeredete hielt Lena seine Hände entgegen. „Sagen Sie Stalin und der Partei“, fuhr die Lippen-, Lid- und Nasenlose fort, „daß wir bereitstehen. Ich würde mich nicht genieren, in einer Spezialabteilung der Automobilwerke am Produktionsband zu stehen - um das Proletariat nicht zu ängstigen mit einer Gesichtsmaske. Und Anatoli“, sagte die Lippen-, Lid- und Nasenlose, der Mann ohne Beine, dessen Unterleib auf dem Rollwägelchen festgeschnallt war, hielt Lena erneut seine Hände entgegen, „Anatoli könnte ohne weiteres in derselben Abteilung auf einem Spezialstuhl sitzen und ebenfalls seine Arbeit zum Wohle des Volkes verrichten. Man hat uns zu Ungeziefer degradiert. Aber wir sind kein Ungeziefer, sondern Verunglückte, deren Herz für die Revolution genau so stark schlägt wie das Ihrige ...“
Lena konnte den Blick in das verstümmelte Gesicht nicht länger ertragen. Vergebens sah sie sich nach Satinajew um, der nun, abgewandt, die Hände auf dem Rücken, eine interessante Bewegung am Himmel zu studieren schien. Und dem habe ich einen Rubel gegeben? fuhr es Lena durch den Sinn, einen Rubel dafür, daß er mich hier teilnahmslos stehen läßt? Na, warte, Bürschchen, dachte sie, du wirst was von mir zu hören kriegen.
„ … Das Schicksal hat uns gedemütigt“, fuhr die Lippen- Lid- und Nasenlose fort, als Lena ihren Blick wieder auf sie richtete, „aber es hat uns nicht untergekriegt. Anatoli“, der Mann ohne Beine, dessen Unterleib auf dem Rollwägelchen festgeschnallt war, zeigte Lena seine Hände, „ist kein illegaler Bombenhersteller geworden, obwohl er einer der gesuchtesten Sprengmeister der Roten Narewarmee war. Und ich bin keine Prostituierte geworden ...“ Sie machte eine kleine Pause, als wolle sie die Wirkung ihrer Worte in Lenas Gesicht ablesen, „ja“, sagte sie aggressiv, „lachen Sie nur ...“
„Ich habe nicht gelacht“, verteidigte sich Lena, die eher erschrocken als amüsiert war von den Worten der Verunstalteten.
„Ich weiß, daß Sie innerlich lachen“, sagte die Frau, „das beweist aber nur Ihre geringe Kenntnis der menschlichen Natur. Ich bin mit meinem Gesicht hier die Umschwärmteste von allen. Ich könnte Tausende verdienen bei perversen Ausländern, die sich an meinem Gesicht aufgeilen. Aber ich tus nicht. Ich bin Bolschewikin. Einem Genossen gebe ich mich freiwillig und umsonst hin, aber keinem Volksfeind und Ausbeuter, und mag er noch so reich sein und mir den Himmel auf Erden versprechen.“
Glutrot ging die Sonne unter und legte sich über die Türme und Paläste des Kreml und des Roten Platzes wie eine Gloriole, als Lena, geführt von Satinajew, den Chitrowski Markt verließ.
„Sie haben mich mit dieser Frau alleingelassen“, fuhr Lena den Dichter an, „Sie haben sich wie ein Unbeteiligter verhalten, obwohl ich Sie bezahlt habe.“
„Hier!“ sagte Satinajew, er zog den Rubelschein aus der Brusttasche seines fadenscheinigen Anzugs, „hier haben Sie Ihr Geld.“
„Unterstehen Sie sich!“
„Was soll ich mit einer solchen Summe anstellen? Jedem, dem ich den Schein auf den Tisch lege, wird vermuten, ich hätte ihn gestohlen!“
„Führen Sie sich nicht auf wie ein Kleinkind! Wer war die Frau?“
„Sofija Nikolajewna Burgina“, sagte Satinajew mürrisch, indem er den Geldschein wieder wegsteckte.
„Sie betonen den Namen so sonderbar.“
„Sie kennen ihn nicht?“
„Muß man ihn kennen?“
„Aber Sie kennen sicher den Namen des Genetikers Burgin.“
„Burgin?“, sagte Lena erschrocken, „was hat diese Frau mit Akademiker Burgin zu tun?“
„Sie war seine Frau.“
„Sie war die Frau des Akademikers Burgin?“, sagte Lena langsam wie in Trance, „sie war die Frau des Mannes, der im vergangenen Jahr wegen Sabotage erschossen wurde?“
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