1 ...6 7 8 10 11 12 ...39 Bergos streckte seine Hand aus, ganz langsam und hielt sie Eolanee entgegen. Die Fünfjährige sah in seine Augen, dann auf seine Hand, doch sie scheute davor zurück, sie zu berühren. Der alte Mann spürte, wie sehr ihn diese Körperhaltung anstrengte, aber er wusste, wie wichtig diese Geste für das leidende Wesen war.
Und dann, als Bergos die Hoffnung schon aufgeben wollte, ergriff Eolanee seine Hand.
Das Land der Enoderi wurde von Wäldern beherrscht. Obwohl es weite Ebenen gab, waren es doch die ausgedehnten Waldgebiete, die das Bild der Landschaft bestimmten. Im Norden, in unmittelbarer Nähe zu Ayan, lag jenes Gebirge, welches die Enoderi vom Reich Menteva trennte und eine natürliche Grenze bildete. Im Osten erhob sich das Mittelgebirge, hinter dem das geheimnisvolle Volk der Berengar lebte und auch der Süden wurde von Bergen geschützt. Im Westen lag das große Meer, das nur wenige Enoderi zu Gesicht bekamen. Keinen von ihnen zog es an die Küste. Die unendlich erscheinende Weite des Meeres erschreckte sie in ihrer Grenzenlosigkeit. Sie liebten den Anblick lebendigen Grüns und den Schutz ihrer heimischen Wälder. Niemanden zog es in unbekannte Ferne, denn das Land der Enoderi war groß und bot allen Lebewesen genügend Raum.
Ayanteal war die größte Siedlung des Waldvolkes und lag nur zwei Täler von Ayan entfernt. Es war das Zentrum der Kultur und der Macht der friedlichen Waldmenschen. Hier lebte die Prophetin, eine Frau von großer Weisheit und magischen Kräften. Hier versammelte sich der Rat der Auraträger, um über die Geschicke der Enoderi zu beraten und ihr Schicksal zu bestimmen, soweit es nicht in der Hand der Göttin lag. Hier erhoben sich die Ratshalle der Auraträger und der Tempel der Weisen Prophetin.
Zwei Tage waren seit dem Massaker in Ayan vergangen und Bergos Ma´ara´than hatte den Rat der Auraträger einberufen. So waren die sechsunddreißig Männer zusammengekommen und hatten sich zur Halle begeben die nur von ihnen, den Baumhüterinnen und der Prophetin betreten werden durfte.
Im Gegensatz zu den Wohnbereichen, welche die Fähigkeiten der Pflanzen einbezogen, auf die Wünsche ihrer Bewohner zu reagieren, war die Halle des Rates aus gebranntem Lehm errichtet. Ein Boden aus massiven Steinplatten verhinderte die Verbindung der hölzernen Möbel mit dem Wurzelwerk des Waldes. Auraträger und Baumhüterinnen waren empfänglich für die feinen Ausstrahlungen des Lebens und die unmerklichen Impulse der Pflanzen sollten die Konzentration des Rates nicht beeinflussen. Die Hüterinnen der Bäume betraten diese Halle daher nur, wenn es unbedingt erforderlich war, denn die Anwesenheit toten Holzes beunruhigte sie, auch wenn sie sich dies nie anmerken ließen.
Die Halle wurde von den einzigen metallenen Türen verschlossen, die es im Reich der Enoderi gab. Zwei wundervolle Schmiedearbeiten in die zwei blaue Steine eingearbeitet waren. Zwar bestanden sie nicht aus dem kostbaren Kristall, von dem der Stirnreif eines Auraträgers geschmückt wurde, aber sie genügten als Symbol dessen, wofür die Halle stand. Feine Ziselierungen zeigten Szenen aus dem Leben des Volkes. Es gab keinen Riegel der den Zutritt verwehrt hätte. Der Respekt vor den Auraträgern reichte aus, dass niemand den Raum ohne ihren Willen betrat.
Bergos, als dem Führer der Auraträger, war es vorbehalten die Tür zu öffnen.
Während die beiden Flügel leise knarrend aufschwangen, fiel Licht in den Raum und riss die Konturen seiner Einrichtung aus dem Dunkel, welches ihn sonst einhüllte. Staub tanzte in den Sonnenstrahlen über der steinernen Bank, die als hufeisenförmiger Ring im Raum stand. In der Mitte erhob sich die Feuerstelle, die nicht nur der Wärme im Winter diente, sondern auch den traditionellen Zeremonien der Auraträger. Mit leisem Hallen schlugen die Türflügel in ihre Bettungen. Sie würden nun offen bleiben. Auch wenn der Rat alleine tagte, so war es jedem Enoderi gestattet, der Beratung von draußen zuzuhören.
Was es heute zu beschließen galt war von besonderer Tragweite für die Menschen der Enoderi. Die Versammlung der Auraträger würde sich daher nicht damit begnügen, sich untereinander zu beraten, sondern die Hilfe der Weisen Prophetin in Anspruch nehmen. Man würde sie in ihrem Tempel aufsuchen, der auf besondere Weise geweiht war.
Bergos machte eine leichte, ausholende Bewegung mit der Hand. Von den Wänden begann sich ein sanfter Schimmer auszubreiten. Erst in einem wogenden Blau, dann im sanften Goldgelb der Sonne.
Die sorgfältig bemalten Wände wurden nun sichtbar und ein großer schwarzer Stein, auf dem sich die Namen der Auraträger in zartem Blau abhoben. Jeder Auraträger, von Anbeginn an, war hier verzeichnet. Eine lange Liste von Namen und mit jedem neuen Träger wuchs der Stein ein wenig weiter aus dem Boden. Auf ihm würden noch viele Namen ihren Platz finden, bevor er die Decke berührte und man die Halle vergrößern musste. Die Decke war in einem glasiert wirkenden Blau gehalten und zeigte ein getreues Abbild des Sternenhimmels. Ihre gewölbte Form ruhte ohne stützende Säulen auf den tragenden Wänden des Rundbaus.
Bergos zog fröstelnd die Schultern zusammen. Nach der Hitze des Tages empfand er die Kühle des abgeschirmten Raumes als unangenehm, aber bald wurde die Wärme von außen eindringen. Er schritt zu der Rundbank und die anderen folgten ihm schweigend. Als sie alle Platz genommen hatten, ergriff Bergos behutsam seinen Stirnreif, hob ihn über den Kopf an und wartete, bis die anderen es ihm gleich getan hatten.
„Ein Gleicher unter Gleichen“, sagte er feierlich. „Die Aura ist Eins, so wie wir Eins sind. Möge ihre Kraft uns leiten und dem Wohl des Volkes dienen.“
Die anderen wiederholten die rituelle Formel. Von den empor gehaltenen blauen Steinen breitete sich ein blaues Wallen aus, verdichtete sich in der Mitte zwischen den Auraträgern und wurde zu einem Gleißen, vor dem die Männer geblendet die Augen schlossen. Dann erlosch jeder Glanz und die Männer setzten die Stirnreifen wieder auf.
„Ein furchtbares Schicksal hat uns getroffen“, eröffnete Bergos und sah die anderen Männer der Reihe nach an. „Die Gemeinschaft von Ayan wurde nahezu ausgelöscht. Überfallen von mordgierigen Barbaren, die viele der unseren entführt haben. Sie sehen nun einem ungewissen Schicksal entgegen. Unsere Herzen sind von Trauer erfüllt.“
Die anderen nickten und Kender Ma´ara erwiderte Bergos Blick grimmig. „Von Trauer und von Zorn erfüllt.“
„Wut ist ein schlechter Ratgeber“, ermahnte Bergos. „Wut verführt zu unüberlegtem Handeln und sie verführt zu Gewalt. Die Enoderi sind ein Volk des Friedens, Brüder der Aura.“
Kender räusperte sich. „Kann ich frei sprechen?“
„Jeder Enoderi darf frei sprechen“, stimmte Bergos zu, „und das gilt besonders für ein Mitglied des Rates, der über die Zukunft des Volkes entscheidet.“
„Unsere Jäger haben die Spur der Mörder bis zur Grenze verfolgt. Sie haben unser Land verlassen, aber niemand kann mit Bestimmtheit sagen, ob sie nicht eines Tages zurückkehren werden.“
„Ich habe mit der verletzten Baumhüterin gesprochen, die nun wieder bei Sinnen ist“, meldete sich ein anderer zu Wort. „Es waren Krieger mit kupferfarbener Haut.“
„Berengar“, sagte Bergos mit tonloser Stimme. Einige der Männer sahen ihn ratlos an und der Führer der Auraträger zuckte die Schultern. „Krieger aus einem fernen Land im Osten. Es heißt sie seien keine Menschen, obwohl sie so aussehen. Ich hörte im Handelsposten an der Grenze zu Menteva von ihnen. Scheinbar fallen diese Barbaren öfter in die Gebiete des Reiches Menteva ein.“
„Jetzt fielen sie bei uns ein.“
„Aber was ist der Grund?“ Ein hagerer Mann blickte nachdenklich auf den Stein mit den vielen Namen. „Nie zuvor ist das geschehen. Eine ganze Gemeinschaft, einfach ausgelöscht. Diese Bemenkar…“
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