1 ...8 9 10 12 13 14 ...39 Die Auraträger verließen den Tempel und Bergos war sich nicht sicher, ob er nun mehr wusste, als zuvor. Wie üblich waren die Worte der Prophetin schwer zu deuten. Der Führer der Auraträger versuchte, seine Gedanken zu sammeln, während sie zur Ratshalle zurückgingen. Ein wenig verwirrt stellte er fest, dass sich die Abenddämmerung über das Tal senkte. Sie mussten Stunden im Tempel verbracht haben, obwohl es ihm und den anderen nur wie wenige Minuten erschienen war.
Noch immer wurden sie von Neugierigen begleitet, aber ihre Zahl war deutlich kleiner geworden. An den Kegelbäumen brannten die ersten Lampen und auf dem großen Platz inmitten der Baumkreise bereiteten sich die Bewohner von Ayanteal auf eine abendliche Versammlung vor. Man traf sich oft, um miteinander zu reden, Meinungsverschiedenheiten beizulegen oder um zu musizieren und zu tanzen. An diesem Abend würde man sich versammeln um zu erfahren was der Rat beschloss.
Bergos setzte sich an seinen Platz und sie sprachen die rituelle Formel des Rates. Nachdem sie die Stirnreifen wieder aufgesetzt hatten, räusperte sich der alte Anführer. „Überdenken wir die Worte der Prophetin und wägen wir ab, was sie zu bedeuten haben. Ein fernes Volk wird das Land mit Blut überziehen. Nichts wird verschont und nichts bleibt bestehen. Finsternis liegt über den Kindern der Göttin. Der Kreislauf des Lebens droht zu zerbrechen. Aber in der Finsternis wird ein Licht erstrahlen. Eine Aura, so mächtig, wie sie nie zuvor entstanden ist. Diese Aura wird Leben nehmen, um Leben zu gewähren.“
„Ein Teil der Worte ist mir begreiflich.“ Kender Ma´ara sah die anderen nachdenklich an. „Es können nur die Berengar gemeint sein. Sie werden Krieg führen und uns angreifen. Wir sind vom Tode bedroht. Der Kreislauf des Lebens…“
„Ja, ja, das sind schlichte Worte, die wir alle verstehen“, knurrte ein anderer Mann. „Dass diese Bestien eine Bedrohung sind, ist uns allen klar. Ayan steht für den Blutrausch dieser Berengar. Viel schwerwiegender erscheint mir, was die Prophezeiung über die Aura aussagte. Eine mächtige Aura soll entstehen. Eine Aura, die Leben nimmt, um Leben zu gewähren.“
„Ja, das ist völliger Unsinn“, stimmte Kender zu. „Kein Auraträger kann Leben nehmen. Die Macht der Aura liegt darin, Leben zu bewahren. Wir können Furcht einflößen, aber kein Blut vergießen. Allein der Versuch zu töten, würde uns die Kraft der Aura nehmen.“
Bergos nickte. „Nur wer reinen Herzens ist und den Kreislauf des Lebens hütet, dem dient die Aura. Dennoch, meine Freunde, die Prophetin hat sich noch nie geirrt.“
„Ihre Worte klingen klar, aber ihre Bedeutung kann im Dunkel verborgen sein“, gab ein Auraträger zu bedenken. „Denkt an die Prophezeiung, die das Volk vor über hundert Jahren erhielt. Von sieben fruchtbaren Jahren war die Rede. Und, was geschah? Sieben Jahre blieb der Regen aus, viele Felder verdorrten und zugleich hatten wir ungeheuer viele Geburten. Damals gerieten wir Enoderi an den Rand einer Hungersnot.“
„Die Prophetin irrte nicht. Soweit es die Familien und den Segen unserer Nachkommen betraf, waren es fruchtbare Jahre.“
„Genau das meine ich.“ Der hagere Auraträger strich sich nervös über das Gesicht. „Damals hörte man nur von den sieben fruchtbaren Jahren und wusste die Worte nicht zu deuten. Die Prophetin sprach von den Geburten, aber sie warnte uns nicht vor der Dürre.“
„Was soll das heißen?“ Einer der Männer sprang erregt auf. „Zweifelst du an der Prophezeiung?“
„Natürlich nicht.“ Der Hagere machte eine beschwichtigende Geste. „Ich sage nur, wir müssen die Worte gut abwägen. Ihre Bedeutung scheint auf der Hand zu liegen und kann uns doch verborgen sein.“
„Wir sind uns sicher einig, dass vom Volk der Berengar Gefahr ausgeht.“ Bergos sah das zustimmende Nicken der anderen. „Die Prophetin sprach von einer mächtigen Aura. Ich denke, damit ist das Zusammenwirken unserer Kräfte gemeint. Wenn wir sie vereinen, so bilden wir eine sehr machtvolle Aura.“
Erneut nickten die anderen, bis auf den Hageren. Er schüttelte nachdenklich den Kopf. „Die Prophetin kennt unsere Kraft. Sie sprach vom Entstehen einer mächtigen Aura und ich glaube nicht, dass sie damit die Bündelung unserer Kräfte meinte. Zudem, und das müssen wir alle bedenken, sprach sie von einer Aura, die Leben nehmen könne. Keiner von uns vermag etwas derart Ungeheuerliches zu tun.“
„Das ist wahr.“
Bergos seufzte. „Es wäre mir recht, wenn wir die Prophetin erneut befragen könnten, aber ihr kennt sie. Für jedes Ereignis gibt sich ihre Weisheit nur in einer einzigen Prophezeiung zu erkennen.“
„Deren Deutung uns obliegt. Jedenfalls wird es Ärger mit den Berengar geben, das steht wohl fest.“ Kender zuckte die Schultern. „Wir wissen nicht, wann dies geschehen wird, aber wir sollten uns darauf vorbereiten. Wenn es sehr viele Berengar gibt, so werden wir viele Auraträger benötigen um unser Volk zu schützen. Wir sollten darauf achten, ob wir nicht zusätzliche Knaben finden, welche über die Gabe verfügen. Sie sollten rasch ausgebildet werden.“
Bergos Ma´ara´than nickte und erhob sich. „Dem stimme ich zu und zugleich bringt mich dies zu einem Punkt, der mich sehr beschäftigt. Als die Bestien vor zwei Tagen Ayan überfielen gab es dort nur zwei Überlebende. Die Baumhüterin Neredia und ein kleines Mädchen mit Namen Eolanee.“
„Das ist wahr“, brummte der Hagere. „Worauf willst du hinaus? Die Baumhüterin vermag uns nicht zu helfen. Ihre Kräfte stehen außer Frage, doch wir benötigen Männer welche die Aura anwenden können. Keine Frau vermag das zu tun. Die Aura ist nicht ihre Gabe, so wie das Baumhüten nicht die Gabe der Männer ist.“
„Dem hätte ich vor zwei Tagen noch zugestimmt.“ Bergos sah die anderen nachdenklich an. „Doch nun bin ich mir nicht mehr so sicher. Kender, Rolos, Ensar und du, Nador, ihr wart dabei, als wir Ayan erreichten. Ihr wisst, dass außer uns kein Auraträger im Tal war und dennoch floh eine Gruppe der Bestien in wilder Flucht.“
„Weil sie uns kommen hörten“, brummte Kender.
„Sie wendeten sich zur Flucht, noch bevor die Hornlöwen in ihrer Trauer brüllten“, entgegnete Bergos. „Etwas anderes hat sie so erschreckt, dass sie flohen. Es waren nicht die Bäume, das wisst ihr. Die Baumhüterin war zu diesem Zeitpunkt bewusstlos und konnte sie nicht um Beistand bitten.“
Rolos schürzte die Lippen. „Du glaubst, dieses Mädchen hat das bewirkt?“
„Ja, das glaube ich. Es kann nicht anders sein.“
„Niemand hat Angst vor einem fünfjährigen Mädchen“, erwiderte Kender verächtlich.
„So ist es.“ Bergos sah den jüngeren Mann ernst an.
Kender stutzte, dann begriff er, was der Führer andeuten wollte und schüttelte den Kopf. „Unsinn. Verzeih, Bergos, aber was du andeutest, ist unmöglich.“
„Ist es das?“ Bergos erhob sich und schritt nachdenklich umher. „Ich denke an die Umstände, unter denen wir Eolanee fanden. Schützend umgeben von einem Dornengebüsch und feindliche Krieger in wilder Flucht.“
„Das eine spricht für eine Baumhüterin, das andere für einen Auraträger.“ Rolos kratzte sich unbehaglich im Nacken. „Es war aber nur das Mädchen da.“
„Nun, immerhin, es wäre möglich“, seufzte ein anderer, „dass sie die Gabe einer Baumhüterin hat.“
Kender nickte. „Das will ich ihr zugestehen. Aber nicht die Gabe der Aura. Nur Männer verfügen über diese Macht und diese Eolanee ist ja nun unzweifelhaft ein Mädchen.“
„Aber wenn, und ich sage nur wenn, Eolanee über beide Kräfte verfügt?“ Bergos sah die Auraträger eindringlich an. „Könnten wir ermessen, welche Macht das in einem einzelnen Wesen vereinen würde? Die Kräfte der Aura sind stark. Aber sie sind nicht unerschöpflich. Wir werden müde, müssen uns erholen. Wenn der Feind in großer Zahl kommt und uns lange angreift, dann wird unsere Kraft schwinden. Bis sie schließlich versagt. Je mehr Aura-Kräfte wir aufbieten können, desto besser sind wir vorbereitet.“
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